Die Geschichte des 1. Mais reicht über 100 Jahre zurück. Seitdem ist er ein Tag, an dem die Werktätigen aller Länder für ihre Rechte protestieren und auf die Straße gehen. Deswegen hat Perspektive-Korrespondent Enver Liria einen kleinen internationalen Überblick zum 1. Mai zusammengestellt.

Seit nunmehr 130 Jahren gehen Menschen am 1. Mai auf die Straße. Der Tag steht in der langen Tradition der ArbeiterInnenbewegung, die sich aber seitdem sehr gewandelt hat. Genauso hat sich der 1. Mai gewandelt, der viele Jahrzehnte von den Arbeiterinnen und Arbeitern begangen wurde, ohne dass er ein gesetzlicher Feiertag gewesen ist. Dabei gibt es durchaus Unterschiede zwischen den verschiedenen Ländern.

Der 1. Mai in Deutschland

Auch wenn der DGB schon vor vielen Wochen die Mai-Kundgebung abgeblasen hatte, gingen dieses Jahr wieder Zehntausende auf die Straße. In Berlin beteiligten sich rund 3.000 Personen an den verschiedenen Aktionen. Es gab zahlreiche Kundgebungen und sogar einen Autokorso in das Reichenviertel Grunewald. In anderen Städten kamen hunderte Menschen zusammen, wobei relativ viel Wert drauf gelegt wurde, die Hygienemaßnahmen einzuhalten. Unter anderem gingen auch in Hamburg, Leipzig, Köln, Freiburg und Stuttgart jeweils mehrere hundert Menschen auf die Straße. Die Polizei reagierte teilweise gewaltsam, um die Versammlungen aufzulösen.

Wasserwerfer und Tränengas in der Türkei

In Istanbul nahm die Polizei eine Gruppe aus GewerkschafterInnen und anderen Menschen fest. Ihnen wurde verboten, sich auf dem geschichtsträchtigen Taksim-Platz zu versammeln, wo sie Blumen für die ArbeiterInnen niederlegen wollten, die bei einem rechten Terroranschlag auf dem Platz starben. Die Stadt verwies sie stattdessen an einen Kundgebungsort weit außerhalb der Stadt.

Bereits in der Nacht auf den 1. Mai bereiteten die staatlichen Behörden Sperrungen großer Teile der Innenstadt vor. So wurden der Taksim-Platz und der Gezi-Park abgeriegelt und polizeilich bewacht. Der Bus-, Metro- und auch der allgemeine Straßenverkehr wurden stark eingeschränkt.

Die Gelbwesten in Frankreich

In Frankreich war aufgrund des Virus eine Ausgangssperre verhängt worden. Das hinderte die Gelbwesten in Lyon allerdings nicht daran, auf die Straße zu gehen. Ein paar Menschen haben sich auch in Paris am Platz der Republik versammelt. Sie wurden daraufhin von einem großen Polizeiaufgebot abgeführt.

Streiks in den USA

Die Menschen in den USA sind von der aktuellen Corona-Pandemie besonders hart getroffen und müssen viele Tote beklagen. Nichts zu meckern haben allerdings Konzerngiganten wie Amazon, der noch aus der Krise Profite herausholen kann. Das haben sich Arbeiter und Arbeiterinnen zum Anlass genommen, um Amazon und andere Großkonzerne, darunter Walmart, FedEx und Whole Food Markets (einTochterunternehmen von Amazon) zu bestreiken. Die ArbeiterInnen fordern eine Gefahrenzulage, weil sie während der Pandemie arbeiten müssen, und eine Verbesserung der Gesundheits- und Hygienemaßnahmen. Unterstützt wurden die Streiks durch zahlreiche andere Veranstaltungen und Aktionen. Breite Bündnisse organisierten Kundgebungen, Autokorsos und Demonstrationen für die Rechte der ArbeiterInnen.

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Kuba bleibt zuhause

Während traditionell am 1. Mai die Gewerkschaftskundgebung auf den Plätzen des Landes millionenfach besucht werden, wurde der 1. Mai in diesem Jahr zuhause zelebriert. Unter der Parole: „Für Kuba ‒ vereint werden wir siegen ‒ mein Zuhause ist mein Platz“ („Por Cuba ‒ Unidos venceremos! Mi casa es mi plaza“) beteiligten sich die Menschen an der Kampagne. Der Gewerkschaftsdachverband CTC hatte bereits am 8. April alle Straßen-Demonstrationen abgesagt.

In Chile geht der Kampf weiter

In Chile kamen in der Hauptstadt Santiago viele Menschen zusammen, um gegen die aktuelle Lage zu demonstrieren. Die Ausgangssperren und andere Maßnahmen der Regierung hatten die lebhaften sozialen Kämpfe in den letzten Wochen zwangsläufig ruhig gestellt. Am 1. Mai wurde die Versammlung dann von der Polizei aufgelöst und mehr als 50 DemonstrantInnen wurden verhaftet.

Philippinen protestieren gegen Hunger und für ihre Rechte

Auf den Philippinen fanden trotz der Quarantäne-Maßnahmen zahlreiche Aktionen, aber leider auch Verhaftungen statt. In einem Slum der Hauptstadt Manila kamen ArbeiterInnen zusammen und machten mit Kochtöpfen und Pfannen Krach. Sie forderten bessere Arbeitsbedingungen. In der Kleinstadt Marikina wurden 10 ArbeiterInnen festgenommen, die als Teil ihrer Pläne für den 1. Mai eine Essensausgabe organisiert hatten.

Rund 23 Millionen Menschen, also fast ein Viertel der Bevölkerung, leiden aufgrund der aktuellen Situation an Hunger. Viele haben ihre Arbeit verloren und bekommen kaum Unterstützung in ihrer prekären Lage.

Auch unter erschwerten Bedingungen ließen dieses Jahr wieder Abertausende den 1. Mai aufleben und gingen für eine Verbesserung ihrer Situation auf die Straße. Gerade eine Krise, die so tiefgreifend und erschütternd ist wie die aktuelle, gibt den Arbeiterinnen und Arbeitern zahlreiche Gründe zu protestieren. Daher ist damit zu rechnen, dass die nächsten Monate und mit ihnen die Abwälzung der Krisenfolgen auf die Werktätigen weitere Konflikte befeuern.


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