Warum die Gesundheitsvorsorge nicht erst seit Corona, sondern regelmäßig an die Grenzen des Kapitalismus stößt. – Ein Kommentar von Paul Gerber

Die Maßnahmen der Bundesregierung zur Corona-Bekämpfung haben zu Recht viele Fragezeichen bei den Menschen in Deutschland hinterlassen. Während die Wirtschaft in vielen Bereichen weiterlaufen konnte, galt plötzlich jeder andere Aspekt des gesellschaftlichen Lebens als verzichtbar, um Schlimmeres zu verhindern.

Diese kapitalistische Gesundheitspolitik nach dem Motto „Gesundheitsschutz ja, aber nicht auf Kosten der Profite“ wird allerdings nicht erst seit Corona betrieben.

Wir als ArbeiterInnnen sind zentral für das Weiterbestehen der Gesellschaft und auch für die Gewinne, die erwirtschaftet werden – gerade die jetzige Krise hat dies sehr klar gezeigt. Logischerweise ist es daher den UnternehmerInnen nicht einfach egal, ob wir krank werden oder nicht. Natürlich wünschen sie sich möglichst gesunde und leistungsfähige ArbeiterInnen.

Auch hohe Ausgaben für chronisch Kranke über das Gesundheitssystem sind nicht unbedingt im Interesse der Kapitalisten, immerhin könnte man das Geld ja stattdessen per Subvention direkt in ihre Kasse ‚umverteilen‘. Die Realität sieht also gerade nicht so aus, dass die Reichen und Mächtigen uns alle per Impfstoff oder Virus umbringen bzw. unfruchtbar machen wollen.

Heißt das umgekehrt, dass unsere Chefs und Chefinnen ebenso wie wir ein ehrliches Interesse daran haben, dass wir gesund bleiben? Nicht ganz: Der Gesundheitsschutz wird außerhalb des Bereichs angesiedelt, in dem wir die meiste Lebenszeit verbringen – unserer Arbeit.

Kampagnen für gesunde Ernährung, ausreichende Bewegung und eine gesunde „Work-Life“-Balance sind schon seit Jahren im Trend. Sie werden von ÄrztInnen, Krankenkassen, aber auch den ArbeitgeberInnen aufgenommen und weiterverbreitet. Sie scheitern nur regelmäßig an der Realität.

Wie sieht die Work-Life-Balance für eine alleinerziehende Mutter aus, die nach der Lohnarbeit noch eine andere Arbeit zu Hause verrichten muss, bevor sie erschöpft einschläft? Wie viele Fließbandarbeiter haben nach 8 Stunden in der Fabrik noch genug Energie, um abends schnell eine Stunde zu joggen?

Noch deutlicher wird dies am Arbeitsplatz selbst. Die meisten LeserInnen werden es kennen: PatientInnen im Krankenhaus eigentlich nur zu zweit bewegen, um den Rücken zu schonen; keine Arbeit mit schweren Gegenständen ohne Sicherheitsschuhe oder die regelmäßige mehrminütige Bildschirmpause für BüroarbeiterInnen. – So sinnvoll viele dieser Regeln sein mögen, so wenig werden sie in der Realität beachtet.

Sie bedeuten nämlich oft entweder zusätzliche Kosten für das Unternehmen, um angemessene Schutzausrüstung zu finanzieren oder, dass eben die Arbeit etwas weniger intensiv verrichtet werden müsste.

Diese Realität findet ihren Ausdruck unter anderem darin, dass es auch heute zahlreiche Berufskrankheiten gibt. Das können entzündete Gelenke aufgrund von einseitigen Bewegungsabläufen sein, schwere Verletzungen durch Arbeitsunfälle oder in immer höherem Maße körperliche und geistig-seelische „Verschleißerscheinungen“.

Sowohl für ErzieherInnen als auch für PflegerInnen belegen Depressionen/Burn-out und Bandscheibenvorfälle Platz 1 und 2 der chronischen Erkrankungen. Oft wird den Betroffenen dann selbst der schwarze Peter zugeschoben, gerade so, als würde irgend jemand gerne und sehenden Auges in eine solche Krankheit schlittern.

Die bittere Realität ist: Alle Gesundheitsschutzmaßnahmen nützen wenig, wenn Personalmangel, Druck und Geldsorgen die psychischen und physischen Grenzen des menschlichen Körpers sprengen. Das aber geschieht im Kapitalismus nicht zufällig oder aufgrund von individuellem Versagen, sondern regelmäßig und gesetzmäßig aufgrund des Strebens nach maximalen Profiten.


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