Die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie sind sklavenähnlich, von Tierwohl kann sowieso keine Rede sein. Doch nun will die Landwirtschaftsministerin die Probleme damit lösen, dass Fleisch teurer wird. Also sollen wir VerbraucherInnen für die Verbrechen von Tönnies & Co. bezahlen. Aber wäre es nicht naheliegender und für viele einleuchtend, solchen Leuten die Grundversorgungsindustrie wegzunehmen? – Ein Kommentar von Tim Losowski

Clemens Tönnies ist ein Milliardär. Sein Vermögen liegt bei derzeit rund 2,3 Milliarden US-Dollar. Erwirtschaftet wird dieser obszöne Reichtum von WerkvertragsarbeiterInnen, die vermutlich rund 80% der Belegschaft stellen und für einen Mindestlohn arbeiten – wenn überhaupt.

Viele von ihnen leben unter sklavenähnlichen Zuständen in unhygienischen Baracken mit der ständigen Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Deshalb schleppten sich viele zur Arbeit – auch mit Corona-Symptomen.

Das Ergebnis dieser Arbeitsbedingungen ist ein krasser Corona-Ausbruch bei Tönnies und ein anschließender Lockdown für den Kreis Gütersloh. Jetzt ist das Leben von tausenden ArbeiterInnen in Gefahr, zehntausende Gütersloher wurden vorübergehend wieder ihrer Freiheit beraubt.

Massenmenschenhaltung in der Massentierschlachtung

Wer zahlt die Zeche?

Doch obwohl die Sachlage so eindeutig ist, werden jetzt wir VerbraucherInnen ins Visier genommen.

Schon Anfang des Jahres erklärte Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CSU), dass sie Fleisch teurer machen wolle. Jetzt sieht sie die Zeit gekommen, ihr Vorhaben durchzuziehen. Begleitet wird sie dabei medial von tagesschau.de, dem Spiegel und diversen Menschen, die genug Geld haben, um teurere Lebensmittel zu bezahlen.

Doch der Ansatz geht in die völlig falsche Richtung. Stattdessen sollte das Programm heißen:

Enteignung – Verwaltung durch die Beschäftigten – Export-Stopp & Produktionsumstellung

Wieso überlässt man einem skrupellosen Kapitalisten wie Tönnies die Herrschaft über tausende ausbeutbare ArbeiterInnen, deren Gesundheit ihm vollkommen egal ist? Tatsächlich gehört ein solcher Mann nicht nur „haftbar“ gemacht, sondern enteignet. Das heißt, dass ihm sein Betrieb – der immerhin eine zentrale Ader der deutschen Grundversorgung darstellt – weggenommen wird.

Aber wer soll denn dann den Betrieb leiten? Etwa Julia Klöckner? Ganz einfach: Das sind die Angestellten, die ArbeiterInnen, die das auch ganz gut ohne Herrn Tönnies könnten – denn sie machen das eh schon jeden Tag. Tönnies ist nur der skrupellose Chef, der sowieso schon abgesetzt gehört.

Die verwaltenden Beschäftigten könnten dann auch darüber entscheiden, wie die Arbeitsbedingungen verbessert werden könnten, wie eine sichere und auch dem Tierwohl gerechtere Produktion möglich wäre. Sie gehören sicherlich zu den ExpertInnen dieser Themen, denn sie erleben sie jeden Tag.

Zuletzt könnten sie die absurde Export-Orientierung verringern. Denn 50% der Produkte bei Tönnies werden ins Ausland verbracht – das ist ja wohl das Gegenteil von einer sinnvollen und wohnortnahen Lebensmittelproduktion.

Dieser Dreiklang an Maßnahmen wäre ökonomisch, politisch und moralisch die angemessenste Antwort auf die Tönnies-Verbrechen. Mit diesen Schritten zahlten nicht mehr die ArbeiterInnen, sondern Tönnies die Zeche.

Doch selbstverständlich wird in diese Richtung nicht einmal ansatzweise diskutiert. Eigentum bleibt die heilige Kuh des Kapitalismus. Die aktuellen Planungen der Politik – Verbot von Werksverträgen und Tönnies-Haftung – sind bisher auch nur Versprechungen. Was dagegen durchaus kommen wird, ist, dass wir VerbraucherInnen mehr zahlen sollen.

Doch, wo werden diese höheren von uns bezahlten Gelder landen? Höchst wahrscheinlich in den Taschen der Aldi- oder Lidl-BesitzerInnen oder eben in denen von Tönnies – sofern wir ihnen nicht endlich die Macht über unsere Grundversorgungsindustrie nehmen.


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