Rassistische Polizeigewalt ist nicht nur ein Problem in den USA. Auf der ganzen Welt gehen derzeit Menschen, auf die Straße um sich mit den Protesten in den USA zu solidarisieren – aber auch auf Fälle in ihrem eigenen Land aufmerksam zu machen. So haben gestern in Paris rund 20.000 Menschen gegen inländische Polizeigewalt in der Corona-Zeit und schon davor protestiert – trotz Verbots durch die Behörden.

In ganz Frankreich ist es gestern zu Protesten von Tausenden gekommen. Wie die Zeit berichtet, demonstrierten in Lille rund 2.500 Menschen, in Marseille etwa 1.800 und in Lyon rund 1.200 Menschen. In der Hauptstadt Paris kamen 20.000 TeilnehmerInnen zusammen. Damit trotzten sie einem Verbot der Stadtverwaltung, welche die Demonstrationen offiziell auf Grund von Infektionsgefahr und Angst vor Ausschreitungen verboten hatte.

Die Demonstrierenden trugen Schilder wie „Black Lives Matter“ oder „I can‘t breathe“, um sich mit den aktuellen antirassistischen Protesten in den USA zu solidarisieren. Doch die Proteste haben auch deshalb eine solche Dynamik, weil es in Frankreich selbst immer wieder zu brutalen Übergriffen der Polizei kommt.

Gewalt in der Corona-Zeit

Bereits am Montagabend hatten in der Pariser Vorstadt Bondy rund hundert Menschen gegen Polizeigewalt demonstriert. Zuvor war ein 14-Jähriger bei einem Polizeieinsatz schwer am Auge verletzt worden. Der Jugendliche hatte laut Aussagen der Polizei ein Mofa stehlen wollen.

Ebenfalls wurde die Corona-Ausgangsperre in Frankreich mit massiver Gewalt – insbesondere in den armen Vororten von Paris – durchgesetzt. Zwischen dem 8. und 16 April wurden innerhalb von acht Tagen fünf Menschen von der Polizei getötet und zehn weitere schwer verstümmelt oder verletzt.

Schon Anfang des Jahres hatte es zudem zwei Fälle von tödlicher Polizeigewalt gegeben. Ein 42-jähriger Lieferfahrer war im Januar nach einer Polizeikontrolle am Pariser Eiffelturm erstickt. Die Polizisten drückten den Familienvater bäuchlings auf den Boden, er erlitt dadurch einen Kehlkopfbruch. In der südfranzösischen Stadt Béziers starb im April ein 33-Jähriger, nachdem auch er mit dem Gesicht nach unten fixiert worden war.

Erinnerungen an Adama Traoré

Ein weiterer Grund für die Demonstrationen am Dienstag waren neue Erkenntnisse zum Tod des 24-jährigen Adama Traoré, der 2016 in Polizeigewahrsam verstarb. Einer der an der Festnahme Traorés beteiligten drei Polizisten hat ausgesagt, dass die Beamten den jungen Mann mit ihrem vereinten Körpergewicht heruntergedrückt hätten. Traoré verlor im Polizeiwagen das Bewusstsein und starb später auf einer Polizeiwache.

Am Dienstag hatte die Familie von Traoré einen neuen Untersuchungsbericht veröffentlicht. Demnach soll der junge Mann durch die Polizei erstickt worden sein. Dies bestätigt frühere Erkenntnisse. Die Parallelen zum Tod George Floyds in den USA sind offensichtlich.

Bei der Kundgebung in Paris sprach auch Traorés ältere Schwester Assa: „Das ist heute nicht mehr nur der Kampf der Familie Traoré, es ist unser aller Kampf. Wenn wir heute für George Floyd kämpfen, kämpfen wir für Adama Traoré.“ Die mutmaßlich für den Tod von Traoré verantwortlichen Polizisten sind bis heute unbehelligt geblieben.

Nach der Kundgebung kam es zu Ausschreitungen. Polizeiwagen wurden mit Steinen und Flaschen beworfen, Barrikaden, Mülleimer und Fahrräder angezündet. Die Polizei setzte Tränengas und Gummigeschosse gegen die DemonstrantInnen ein.

Tödliche Ausgangssperre in den französischen Vorstädten


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