Die kurdische YPG gilt als die erfolgreichste Armee im Kampf gegen den islamisch-fundamentalistischen „IS“. Devin, ein holländischer Kurde, schloss sich im Jahr 2016 für sechs Monate deren Sanitätseinheit an. Nun drohen ihm in den Niederlanden drei Jahre Haft. Wir haben ihn über seine Beweggründe für den Kampf gegen den „Islamischen Staat“ und seine Haltung zur Reaktion des niederländischen Staats befragt.

[Click for English Version]

Devin, was bringt einen Menschen wie dich dazu, in ein Kriegsgebiet zu ziehen, wo ein so brutaler Gegner wie der IS kämpft?

Es gibt viele Gründe, warum ich nach Rojava gegangen bin. Zuallererst habe ich kurdische Wurzeln. Ich habe einen kurdischen Vater. Ich konnte die Ungerechtigkeit, die der „Islamische Staat“ gegen unser Volk, das kurdische Volk und alle anderen Menschen in Rojava, anrichtet, nicht ertragen.

Ich habe in den Medien gesehen und verfolgt, was dort vor sich ging. Als ich dies gesehen habe, fühlte es sich wie meine Pflicht an, nach Rojava zu gehen und zum Kampf gegen den IS, den Feind der Menschheit, beizutragen.

Es war eine gute Sache, dies zu tun. Ich konnte nicht gesund und munter zu Hause sitzen, während gleichzeitig all diese unschuldigen Menschen in Rojava unter den IS-Terroristen leiden. Also hatte ich die Gelegenheit, mich der YPG (dt.: „Volksverteidigungseinheiten“) anzuschließen. Sie kämpfen für die Freiheit, für die Gleichberechtigung von Mann und Frau, für die Ökologie, für den demokratischen Konföderalismus und sie respektieren alle Religionen. Ich habe diese Ideologien geteilt, deshalb bin ich zur YPG gegangen.

„Es fühlte sich wie meine Pflicht an, nach Rojava zu gehen“

Welchen Beitrag hast du vor Ort im Kampf gegen den IS geleistet?

Ich war Mitglied der YBT (Yekîneyên Bijîkî Taktîkî). Das kann man übersetzten mit „taktische medizinische Einheit“. Die Aufgabe meiner Einheit bestand darin, ein Feldkrankenhaus aufzubauen, verwundete Kämpfer zu stabilisieren und zu evakuieren.

Wir bringen sie zu Koalitionstruppen, die bei Bedarf Operationen durchführen können. Aber wir behandelten auch Zivilisten und sogar den Feind. Wir sind unseren YPG-KämpferInnen bis an die Front gefolgt, damit wir unsere Arbeit erledigen konnten.

Ich und meine Einheit nahmen an der Schlacht um die Stadt Tabqa und den Staudamm teil. Wir retteten dort über 150 Menschenleben von Kämpfern der YPG, YPJ, der QSD und anderer syrischer demokratischer Kräfte.

Wenn wir keine Operationen durchgeführt haben, haben wir KämpferInnen darin geschult, lebensrettende Verbände anzulegen. Auch haben wir versucht, so viele wie möglich davon zu liefern.

Wie bewertest du deine Reise nach Syrien im Nachhinein?

Wenn ich an meine Zeit in Rojava denke, erinnere ich mich an all die KämpferInnen und Zivilisten, die ich getroffen habe und wie es ihnen geht. Sind sie noch lebendig? Geht es ihnen gut? Ich vermisse die unterschiedliche Lebensweise. Hier lebt man unter noch viel mehr Druck und Kontrolle. Natürlich vermisse ich die Genossenschaftlichkeit und die Freunde.

Ich denke, dass wir als medizinisches Team definitiv gute Arbeit geleistet haben. Wir haben viele Leben gerettet, also bin ich stolz auf mich. Ich habe etwas getan, obwohl die Handlungen eines einzelnen Mannes vielleicht nicht viel ändern. Aber ich habe etwas getan. Auch hat mich meine Zeit in Rojava als Person total verändert. Im richtigen Sinne.

„Wir haben viele Leben gerettet, also bin ich stolz auf mich.“

Als ich zurückkam, wurde mir klar, wie gut unser Leben hier ist, verglichen mit vielen anderen Menschen in Kriegsgebieten und Ländern der Dritten Welt. Aus diesem Grund weiß ich wirklich zu schätzen, was ich habe und wie ich lebe.

Wie hat der niederländische Staat auf deine Rückkehr und deine Aktionen in Syrien reagiert?

Als ich nach Hause kam, erfuhr ich, dass die lokale Polizei meine Mutter kontaktiert hatte. Sie hatte sie aufgefordert anzurufen, wenn ich zurückkommen würde. Natürlich tat sie dies nicht. Danach habe ich mich selbst an die örtliche Polizei gewandt. Die Polizei sagte mir, dass sie mich nicht verhaften würden, aber vielleicht wollten sie mir einige Fragen stellen. Also sagte ich ihnen: ok, kein Problem, wenn ihr darüber reden wollt, ruft mich an und wir vereinbaren einen Termin.

Danach passierte acht Monate lang nichts. Dann wurde ich plötzlich an einem frühen Morgen, als ich mein Zuhause verließ, um zur Arbeit zu gehen, verhaftet und nach Utrecht gebracht. Dort wurde ich für ein paar Tage festgehalten. Sie beschuldigen mich der Vorbereitung des Mordes. Sie sagen: ja, du bist ein Mitglied einer Gruppe, die Menschen tötet – auch wenn es Kämpfer des „Islamischen Staats“ sind.

Wie bewertest du dieses drohende Urteil?

Ich finde es sehr lächerlich und verrückt. Besonders wenn man sich die Beweise ansieht, die sie bekommen haben. Sie haben wirklich keine harten Beweise, sie haben nichts, was wirklich beweist, was sie mir vorwerfen. Ich denke auch, dass es eine große Heuchelei ist. Die Niederlande waren ein Teil der Anti-IS-Koalition und sie haben selbst die YPG unterstützt.

Hast du schon weitere Schritte geplant, wie es nach dem Urteil weitergehen soll?

Wenn das Urteil schlecht ist, werden wir es nicht akzeptieren und vor ein höheres Gericht gehen. Und natürlich werden wir den Kampf gegen den Faschismus und die Unterdrückung von Minderheiten nicht beenden.

Mehr Informationen: Petition auf change.org


Wir schreiben für Perspektive – ehrenamtlich und aus Überzeugung. Wir schalten keine Werbung und nehmen kein Geld von Staat oder Konzernen an. Hilf' uns dabei, unseren unabhängigen Journalismus zu erweitern: mit einer einmaligen Spende, einem regelmäßigen Beitrag bei Paypal, Steady oder am besten als Mitglied in unserem Förderverein.