Der deutsche Tech-Konzern Wirecard hat Insolvenz angemeldet. Rund 5800 MitarbeiterInnen bangen nun um ihre Zukunft. Sie sind die Geisel eines Wirtschaftsverbrechens: 1,9 Milliarden Euro die Fehlen, ein untergetauchter Treuhändler, ein Ex-Chef der festgenommen wird und auf Kaution freikommt. Und eine Finanzaufsicht, die bewusst wegschaute um dieser Tech-Hoffnung zum Aufstieg zu verhelfen.

In einer Zeit, in der alle Lebensbereiche Digitalisiert werden, haben Tech-Monopole eine besondere Bedeutung. Jedem ist klar, welche Macht solche Unternehmen wie Google, Facebook oder Microsoft haben – und dadurch auch der amerikanische Staat.

Das deutsche Kapital steht in diesem Bereich jedoch schlecht dar und verliert international an Anschluss. Unter den 30 DAX-Unternehmen finden sich gerade mal zwei Techmonopole: SAP und Wirecard. Sie werden deshalb von staatlicher Seite besonders gehegt und gepflegt. Doch nun hat eine dieser deutschen „Hoffnungen“ hat am Donnerstag Insolvenz angemeldet.

Hintergrund dessen ist ein Wirtschaftsverbrechen unter dem nun Kleinanleger, rund 5800 MitarbeiterInnen sowie der deutsche Steuerzahler zu leiden haben.

Wo sind die 1,9 Milliarden €?

So wurde im Juni 2020 bekannt, dass die Wirecard-Billanz aus dem vergangenen Geschäftsjahr um 1,9 Millarden € aufgebläht wurde. Das Geld entspricht immerhin rund einem Viertel der Bilanzsumme des Aschheimer Zahlungsverkehrsdienstleisters. Dabei handelt es sich um 1,9 Milliarden €, die es wahrscheinlich gar nicht gibt – zumindest sind sie jetzt nicht da. Ebenso wenig wie ihr Treuhändler Mark Telentino, er ist untergetaucht.

Das Geld soll auf den Großbanken BDO Unibank und Bank of the Philippine Islands (BPI) liegen. Doch Papiere, die ein Konto von Wirecard bestätigen sollten, trugen gefälschte Unterschriften von Bankenvertretern.

Ex-Chef Braun festgenommen – und wieder frei gelassen

Besonders stark im Fokus steht nun Ex-Wirecard-Chef Markus Braun. Er stand über 18 Jahre an der Spitze von Wirecard bzw. seiner Vorläufer. Vergangene Woche stellte er sich, nach dem er von einem Haftbefehl gegen sich erfahren hatte.

Er wurde in Untersuchungshaft genommen. Doch schon kurz darauf war er wieder frei – auf Kaution von 5 Millionen €. Für ihn sind das Peanuts. Er hat am Donnerstag und Freitag alle seine Aktien an Wirecard abgestoßen – und damit immerhin noch einen Erlös von 155 Millionen € erzielt.

Wo war die Finanzaufsicht?

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht hat – wie der Name schon sagt – eigentlich die Aufgabe alle Bereiche des Finanzwesens zu überwachen. Dazu gehört auch die Wirecard Bank AG, welche ein Teil von Wirecard ist, und in Deutschland über eine Banklizenz verfügt.

Doch obwohl es schon seit Jahren Vorwürfe der Billanzfälschung gegen Wirecard gab, hat sie kaum etwas unternommen. Wie am Sonntag bekannt wurde hat die BaFin die Betrugsvorwürfe gegen Wirecard über Monate hinweg durch nur einen Mitarbeiter prüfen lassen – nämlich durch die Private „Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR)“.

Private Wirtschaftsprüfungsgesellschaften würden bei ähnlich schwierigen Fällen in Großunternehmen nicht selten Dutzende von Bilanzierungsfachleuten einsetzen. Mittlerweile hat die Bundesregierung den Vertrag mit der DPR gekündigt. Aber handelt es sich hier vielleicht nur ein Bauernopfer? Immerhin hat die Bafin teilweise erst Monate später bei der DPR nachgehakt. Der Börsnspekulant Fraser Perring erklärte dazu: „Die Bafin ignorierte jahrelang, was völlig offensichtlich war“.

Es sieht so aus, als wollte die Bafin die positive Entwicklung dieses Unternehmens und hat dafür lange alle Augen bewusst zugedrückt.

Auswirkungen für die Beschäftigten und den Steuerzahler

Die Talfahrt der wirecard-Aktie ist rasant. Mittlerweile hat das Unternehmen Insolvenz angemeldet wegen Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung. Damit steht die Zukunft der rund 5800 MitarbeiterInnen auf dem Spiel. Das Unternehmen hat sich bis heute erfolgreich gegen Mitbestimmung gewehrt. Es gibt keine Betriebsräte und keine Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat.

Zudem könnte auch der deutsche Steuerzahler blechen. So hatte gehört die staatseigene Förderbank KfW zu den Gläubigern von Wirecard. Deren Tochter Ipex-Bank hat dem Techkonzern im September 2018 einen 100 Millionen Euro schweren Kredit eingeräumt. Dabei wurden jedoch keine Absicherungsgeschäfte vereinbart, weshalb ein Totalverlust droht.


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