Nach tagelangen Protesten haben hunderte wütende britische SchülerInnen einen Erfolg errungen. Der Bildungsminister hatte eine Benotungs-Software eingesetzt, die ihr Ergebnis auch davon abhängig macht, wie gut SchülerInnen ihrer Schule in den Vorjahren abgeschnitten hatten. SchülerInnen an „Problemschulen“ wurden abgewertet, während an guten Privatschulen niemand Derartiges befürchten musste. Die maschinelle Benotung wurde jetzt zurückgenommen.

Am Wochenende hatte der Protest in London begonnen und über vier Tage lang haben die SchülerInnen nicht nachgelassen. Am verschiedenen Orten in der Stadt demonstrierten sie zu Hunderten: Ihre Abschlussnoten sollten in diesem Jahr nicht Lehrkräfte festlegen, sondern ein Algorithmus. Ursprünglich war geplant, dass ein Durchschnitt der bisherigen Schulnoten die Abschlussnote ergeben sollte, da pandemiebedingt eine reguläre Bewertung unmöglich war.

Doch damit wäre der Jahrgang überdurchschnittlich gut gewesen, und so ließ der Bildungsminister Gavin Williamson die Noten mit einem Algorithmus korrigieren. Dieser brachte die Durchschnittsnote der SchülerInnen in Zusammenhang mit den Abschlussnoten der letzten Jahrgänge an der jeweiligen Schule. Die Folge: Rund 40 % der SchülerInnen wurden schlechter bewertet, hauptsächlich an Schulen mit schlechtem Ruf, in ArbeiterInnengegenden.

SchülerInnen von unabhängigen Privatschulen wurden im Schnitt um 4.7 % besser bewertet. Die benachteiligsten Schulen wurden hingegen herabgestuft. Das verändert nicht nur die Note auf dem Zeugnis, sondern verringert auch die Chancen auf einen Platz an den Universitäten.

„Classroom not Class War“ & „Justice for the Working Class“

So protestierten sie unter anderem mit Schildern wie „Classroom not class war“, um auf den arbeiterInnenfeindlichen Einsatz des Algorithmus aufmerksam zu machen. Mit der Parole „Teachers not Tories!“ machten sie klar, dass die Verantwortung für ihren Bildungsweg bei den LehrerInnen und nicht bei der konservativen Regierung liegen sollte.

Einige SchülerInnen verbrannten unter Jubel ihrer MitschülerInnen das eigene Abschlusszeugnis. Vor allem aber richtete sich ihre Wut gegen Gavin Williamson, den neuen Bildungsminister unter Johnson: „Get Gav Gone!“, also: „Macht, dass Gavin weg kommt!“.

Immer wieder sind auch klassenkämpferische Parolen zu hören. So zum Beispiel am Sonntag vor dem Bildungsministerium:

Immer wieder ziehen die Gruppen weiter, zu den nächsten großen Plätzen. Dort halten SchülerInnen bewegte, wütende und auch verzweifelte Reden, aus Angst darüber, welche Chancen ihnen diese Entscheidung des Bildungsministers nimmt. Eine Person spricht davon, dass diese Angst sie dazu gebracht habe, über Selbstmord nachzudenken, die SchülerInnen antworteten mit „Du verdienst was Besseres!“.

Denn tatsächlich haben einige Universitäten schon Plätze zugesagt, die sie nach der neuen Benotung nicht mehr vergeben würden. Viele Universitäten haben schneller reagiert als die britische Regierung und die Plätze trotz nach unten korrigiertem Abschluss nicht zurückgezogen.

Algorithmus darf nicht angewandt werden

Angesichts der entschlossenen Proteste musste das Bildungsministerium zurückrudern und die maschinelle Bewertung zurücknehmen. DemonstrantInnen sind sich jedoch einig, dass dieses Manöver Konsequenzen haben wird. Eine twitter-Nutzerin kommentiert: „Jede einzelne Person, die hier verarscht wurde, wird im nächsten Jahr wählen können. Und jede einzelne wird sich daran erinnern, dass die Tories mit voller Absicht ihre Zukunft ruinieren wollten.“


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