Die Anzahl der Corona-Infizierten steigt in Deutschland weiter an. CSU-Chef Markus Söder möchte deshalb die Maßnahmen für die Bevölkerung in Bayern noch weiter verschärfen und fordert ab dem kommenden Montag eine Pflicht zum Tragen von FFP2-Masken im Einzelhandel und öffentlichen Nahverkehr. Für Menschen mit durchschnittlichem oder niedrigem Einkommen, insbesondere Familien, sind diese Kosten in der Realität nicht tragbar.

In Deutschland steigt die Anzahl der Corona-Infizierten trotz einschneidenden „Freizeit“-Lockdowns weiter an. Daher möchte der CSU-Chef Markus Söder nun eine weitere Maßnahme einführen. Er fordert ab dem kommenden Montag für Bayern eine Pflicht zum Tragen von FFP2-Masken im öffentlichen Nahverkehr und Einzelhandel. In einem Interview mit  RTL erklärte Söder, Ziel der Maßnahme sei es, mehr Sicherheit mithilfe der Masken zu schaffen. Dass FFP2-Masken effektiver als selbstgenähte Stoffmasken schützen, ist unumstritten. Ein Problem mit Söders Maßnahme ergibt sich vielmehr aus der Tatsache, dass die Anschaffung der Masken für viele Menschen mit einer enormen zusätzlichen finanziellen Belastung einhergeht. Für Menschen, die bereits nahe der Armutsgrenze leben, könnte diese Maßnahme der letzte Tropfen auf den heißen Stein sein – von Personen, die bereits in Armut leben, ganz zu schweigen. Aus diesem Grund fordern die Sozialverbände dringend kostenlose Masken und finanzielle Unterstützung.

„Natürlich ist eine FFP2-Maske deutlich sicherer als ein Mund-Nasen-Schutz, der oft auch nur sehr locker getragen wird“, äußert sich Virologe Alexander Kekulé zur kommenden Tragepflicht von FFP2-Masken in Bayern. Doch FFP2-Masken sollen den Herstellern und dem Robert-Koch-Institut (RKI) zufolge am besten gar nicht wiederverwendet werden, falls doch, dann sollte sie 5 Mal die Woche ausgetauscht werden. Das liegt daran, dass jedes Tragen der Maske Erreger der eigenen Mund-, Nasen- und Rachenflora hinterlassen, die man nicht einfach entfernen kann.

Zum jetzigen Zeitpunkt kosten die Masken etwa 4-6 Euro in der Apotheke. Aus diesen beiden Faktoren ergibt sich das Problem, dass man zur Befolgung der Maßnahme und Einhaltung der RKI-Empfehlung in der Woche selbst mit der vergünstigten Version auf Kosten von 20 Euro kommt. Das entspricht monatlichen Kosten von mindestens 80 Euro. Für eine vierköpfige Familie sind das bereits 320 Euro, insofern sie an die günstigsten Masken kommen. Sollte nur die teurere Version für 6 Euro verfügbar sein, ergeben sich bereits Kosten von 480 Euro pro Monat. Für viele Menschen ist das eine Zusatzausgabe, die sie sich nicht leisten können. FFP2-Masken und somit der sichere Umgang mit der Pandemie sind somit ein Luxusgut. Daher besteht laut Sozialverbänden dringender Handlungsbedarf.

Ulrich Schneider, der Hauptgeschäftsführer des „Paritätischen Wohlfahrtsverbands“ fordert, dass Masken für alle Menschen zugänglich sein müssen. „Und Bezieher von Hartz IV unter 60 Jahre bleiben dann mal zu Hause, weil sie sich diese Masken (3 Euro pro Stück) gar nicht leisten können? Oder wie stellt ihr Euch das vor?“, schreibt Schneider dazu auf seinem Twitter-Account. Diese Forderung teilt ein Großteil der Sozialverbände, unter anderem auch die Diakonie.

Auch der Sozialverband VDK Bayern sieht Handlungsbedarf. Er fordert ähnlich wie Schneider den Zugang zu FFP2-Masken für alle Menschen: “Wir fordern die bayerische Staatsregierung jedoch auf, nicht nur Vorschriften zu erlassen, sondern auch schnelle und unbürokratische Lösungen für die Beschaffung solcher Masken für Menschen mit geringem Einkommen zu schaffen“, sagte VdK-Landeschefin Ulrike Mascher dem Bayerischen Rundfunk.

Die Caritas schließt sich ebenfalls den Forderungen anderer Sozialverbände an. Caritas-Ddirektor Bernhard Piendl vom bayrischen Landesverband betont, dass die gesellschaftliche Teilhabe und Versorgung mit lebensnotwendigen Dingen nicht vom Einkommen abhängig sein dürfe.

Die Bayerische Regierung scheint nun zumindest ein Stück weit auf die Kritik an der kommenden Maskenpflicht zu reagieren. Bedürftigen sollen in Bayern kostenlose FFP2-Schutzmasken zur Verfügung gestellt werden. Voraussichtlich sollen zwei Millionen Masken an die Bevölkerung ausgegeben werden. Mit dieser Anzahl an Masken kann man bei Einhaltung der RKI-Empfehlung die Maske fünf Mal die Woche zu wechseln, etwa 100.000 Menschen für vier Wochen versorgen. Im Vergleich dazu hat Bayern 12,37 Millionen Einwohner:innen über 6 Jahre (Alter ab dem die Maskenpflicht gilt). Von diesen über 12 Millionen sind 2,7 Millionen 65 Jahre und älter. Dass allein von diesen nur 100.000 finanzielle Unterstützung beim Kauf der Masken brauchen, ist also bei den steigenden Zahlen zur Altersarmut in Deutschland ein utopischer Gedanke.

Die Maßnahmen der Bundesregierung scheinen allerdings in eine ähnliche Richtung zu gehen. Der Bund hat für diesen Winter die Ausgabe der verstärkt schützenden FFP2-Masken für über 60-Jährige und Menschen mit besonders hohem Risiko für schwere oder tödliche Krankheitsverläufe beschlossen – das betrifft in Deutschland circa 27 Millionen Menschen.

So konnten Betroffene im Dezember vergangenen Jahres drei Masken gratis in der Apotheke abholen. Ab dem ersten Januar sollen sie von der Krankenkasse Gutscheine erhalten für zwei Mal sechs Masken mit einem Eigenanteil von jeweils zwei Euro bekommen. Nach Einschätzung des Deutschen Apothekenverbands läuft der Gutscheinversand allerdings nur sehr schleppend ab. Die stellvertretende Verbandssprecherin Ursula Sellerberg berichtet, dass viele Menschen noch auf ihre Gutscheine warten und anfragen, ob sie kostenlose FFP2-Masken erhalten könnten.


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