Nora (17), Marina (16) und Jens (19) sind Schüler:innen aus Freiburg und der Umgebung. Sie sind aktiv in der Initiative „Für sichere Schulen 79“, die sich für sichere und gerechte Bildung auch während der Pandemie einsetzt. – Wir haben sie interviewt.

Bis kurz vor Weihnachten waren die Schulen in Baden-Württemberg ja offen. Was waren eure Erfahrungen mit Schulunterricht während Corona? Habt ihr euch sicher gefühlt?

Nora: Bei uns wurden die Schulen so lange wie möglich aufgelassen. Wir saßen also häufig mit Masken und geöffneten Fenstern stundenlang in der Kälte. Der Unterricht war also sowohl für Lehrer:innen als auch Schüler:innen sehr anstrengend. Außerdem standen in den Pausen trotzdem Viele eng beieinander.

Jens: Als die Schulen noch offen waren, mussten wir im Unterricht alle direkt nebeneinander sitzen. Die meisten von uns hatten nur selbstgenähte Stoffmasken. Das Problem dabei ist, dass die zu den Seiten hin meistens nicht gut dicht machen und man so seine ausgeatmete Luft ins Gesicht des Nachbarn pustet.

Gelüftet wurde, wenn jemand daran gedacht hat, 5 Minuten lang. Dann waren alle Fenster auch schon wieder zu. Dabei war es in einigen Räumen auch quasi unmöglich, mehr als 2 kleine Fenster zu öffnen, was die Qualität des Lüftens nicht unbedingt verbessert hat.

Sicher konnte ich mich so nicht fühlen. Allein in den letzten beiden Wochen, in denen ich in die Schule gegangen bin, hatte ich Kontakt mit mindestens 3 Personen aus meiner Stufe, bei denen Familienmitglieder corona-positiv waren.

Die Möglichkeit, zu sagen, dass man nicht in die Schule gehen will, weil einem das Infektionsrisiko zu hoch wäre, gab es nicht.

Marina: Ich konnte mich nie wirklich sicher fühlen. Nicht nur das Gedränge im Bus morgens und mittags, sondern auch die Durchmischung der Klassen haben mir Sorgen gemacht. Im Sportunterricht gab es überhaupt keine Hygiene-Auflagen.

Seit Ende der Weihnachtsferien gibt es in Baden-Württemberg ja Online-Unterricht. Für die elfte und zwölfte Klasse ging es schon in der Woche vor Weihnachten los. Wie läuft der Online-Unterricht bei euch so?

Jens: Bei uns besteht der Online-Unterricht letzten Endes hauptsächlich aus Aufgaben, die wir über Moodle, eine Online-Plattform zum Lernen, abrufen können. Die Lösungen werden dann nach der Bearbeitung zurück auf die Plattform hochgeladen und bewertet.

Allein die Tatsache, dass so gut wie jede Aufgabe eingesammelt wird, stresst mich sehr, da ich immer wieder überfordert bin von dem Umfang aller Aufgaben und mich irgendwann einfach nicht mehr auf die Schule konzentrieren kann.

Nora: Als der Online-Unterricht eingeführt wurde, geschah das ja praktisch von heute auf morgen. Dementsprechend war es erstmal sehr unstrukturiert. Die vielen Videokonferenzen überlasten das gesamte Internet immer wieder. Außerdem sind bei uns auch viele Schüler:innen mit dem Aufgabenpensum überfordert. Es ist in dieser Zeit – ohne Ausgleich durch Hobbys – schwer, sich jeden Tag neu zu konzentrieren.

Was wären eure Forderungen für ein sicheres und sozial gerechtes Lernen während der Corona-Pandemie?

Marina: Grundsätzlich muss in unsere Schulen investiert werden – egal ob in Präsenz- oder Fernunterricht. Beim Präsenz-Unterricht bedarf es Luftfilteranlagen, sowie einer Bereitstellung von Masken und Desinfektionsmitteln für alle Schüler:innen, Lehrer:innen und Schulpersonal. Auch, dass einige Schulen weder über genügend Seife noch über warmes Wasser verfügen, ist ein Armutszeugnis.

Für den Fernunterricht müssen den Schüler:innen die benötigten digitalen Endgeräte zur Verfügung gestellt werden. Außerdem muss es zu jeder Zeit infektionssichere Lernräume für all die Schüler:innen geben, die nicht zu Hause lernen können, etwa weil es dort keinen Platz, keine Ruhe oder Gewalt gibt.

Nora: Gerade wird von uns erwartet, dass wir trotz Infektionsrisikos in die Schulen kommen, um Klausuren in Präsenz zu schreiben. Meiner Meinung nach darf das nicht so bleiben. Außerdem können sich die Schüler:innen nicht alle gleich gut auf die Klausuren vorbereiten.

Auch den Online-Unterricht sollte man besser gestalten, zum Beispiel mit einer Abwechslung von Konferenzen und Aufgaben, da es an einem 10-Stunden-Tag sehr schwer ist, die ganze Zeit vor dem Computer konzentriert zu bleiben.

Um das zu verändern, hab ihr euch in „Für sichere Schulen 79“ organisiert. Was ist das?

Jens: „Für Sichere Schulen 79“ ist eine Initiative von Schüler:innen und Jugendlichen aus Freiburg und Umgebung. Wir versuchen, auf die Lage in den Schulen aufmerksam zu machen und kämpfen für die Umsetzung unserer Forderungen.

Marina: Für mich bietet diese Gruppe eine Plattform, die uns Schüler:innen eine Stimme geben kann und wo Meinungen ausgetauscht werden können. Ich finde die Vernetzung von Schüler:innen in diesen Zeiten besonders wichtig.

Wieso habt ihr euch als Schüler:innen selbst organisiert? Warum nicht den Ministerien, Schulleitungen, Lehrer:innen und Elternbeiräten vertrauen?

Nora: Wir haben uns selbst organisiert, weil der Zustand für uns einfach nicht mehr aushaltbar war.

Die Landesregierung hat unser Vertrauen verspielt. Sie hätte schon viel früher in den technischen Ausbau investieren müssen. Seit Anfang Sommer hätte Allen bekannt sein sollen, dass es zu einer zweiten Welle kommen wird.

Die Schulleitungen und Lehrer:innen sind sehr beschränkt in ihrem Handeln, da sie als Beamte an die Regierung gebunden sind und Beschlüsse nur sehr schwer kritisieren können.

Marina: Wir sind selbst unmittelbar von der Thematik betroffen. Wir sind diejenigen, die Tag für Tag damit konfrontiert werden. Wir kennen den Alltag an den Schulen in Zeiten von Corona und wissen, wie unzureichend die „Hygienekonzepte“ sind, sofern es denn welche gibt. Da finde ich es nur richtig, ein Stück weit mitreden zu können.

Was sind jetzt die nächsten Schritte für euch?

Marina: Die Entscheidungsträger dürfen die betroffenen Personen und ihre Sicherheit nicht ignorieren. Es muss endlich ein klarer Fahrplan mit Investitionen ausgearbeitet und in die Tat umgesetzt werden. Schulen müssen zeitgemäß ausgestattet werden, die digitalen Kompetenzen gefördert werden.

Jens: Derzeit ist unsere Hauptaktivität, auf die Lage an Schulen und unsere Forderungen aufmerksam zu machen. Dies erreichen wir über Presseartikel, Offene Briefe und Social Media-Aktionen.

Ein weiterer Punkt ist, dass wir Kontakt mit anderen Schülerinitiativen und Jugendgruppen aufnehmen wollen, um auf bundesweiter Ebene Streiks und Proteste zu organisieren. Gerade arbeiten auf einen bundesweiten Aktionstag hin – natürlich alles corona-konform!


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