In der Nähe von Rom wurden in einer Abfüllanlage des britisch- schwedischen Pharmakonzerns AstraZeneca durch italienische Inspektor:innen 29 Millionen Dosen Impfstoff gefunden. Diese Bestände waren bis zum jetzigen Zeitpunkt geheim gehalten worden.

Kurz bevor die Europäische Kommission den Entschluss fasste, die Ausfuhr von Covid19-Impfstoffen an Länder mit höheren Impfquoten und an Länder, die selbst nichts exportieren, zu untersagen, hat der britisch-schwedische Pharmakonzern AstraZeneca einen Skandal ausgelöst.

In einer seiner Abfüllanlagen in der Gemeinde Anagni südöstlich von Rom fanden italienische Inspektor:innen bei einer staatlichen Untersuchung 29 Millionen Impfdosen, deren Existenz der Konzern bis jetzt verschwieg. Das berichtete der französische Radiosender Europe 1 am Mittwochmorgen.

Zum Bestimmungsort der gefundenen Dosen können noch keine klaren Angaben gemacht werden. Laut AFP soll AstraZeneca selbst angegeben haben, dass 16 Millionen der gefundenen Dosen für die EU und 13 Millionen für die internationale Impfinitiative „Covax“ bestimmt seien. Die italienische Zeitung La Stampa berichtete hingegen, der Impfstoff sollte nach Großbritannien exportiert werden.

Unklarheit gibt es auch darüber, ob die Impfdosen in der Europäischen Union überhaupt genutzt werden dürfen. Laut italienischer Zeitungen wurde der Impfstoff zwar in Italien abgefüllt, jedoch in Leiden/den Niederlanden produziert. Diese Produktionsstätte hat nach Berichten der italienischen Zeitungen keine EMA-Zulassung, da diese nie beantragt wurde. Das würde bedeuten, dass der dort bereits seit Herbst 2020 produzierte Impfstoff nicht innerhalb der EU verwendet werden darf. „Wir müssen jetzt überprüfen, ob der Wirkstoff in diesen Impfstoffen in der EU und in von der EMA zugelassenen Anlagen hergestellt wurde“, sagte ein EU-Vertreter.

Um besser einordnen zu können, um was für einen enormen Fund es sich hier handelt, sollte man wissen, dass AstraZeneca bis jetzt insgesamt nur rund 30 Millionen Dosen an EU-Staaten geliefert hat, also nur rund eine Million mehr, als jetzt gefunden wurde. Außerdem sollten laut dem Vertrag der Europäischen Kommission bis Ende März eigentlich schon bereits 100-120 Millionen Dosen geliefert worden sein.

Der Verdacht, dass der Konzern spezielle Deals mit dem Vereinigten Königreich aushandelt hat, besteht schon länger. Der Auslöser der Untersuchungen war ein Ersuchen des EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton an die italienischen Behörden. Breton leitet die „Arbeitsgruppe Impfen“ der Kommission und versucht, die tatsächlichen Produktionsmengen des Konzerns zu ermitteln. Der Pharmakonzern selbst macht gegenüber staatlichen Behörden nur vage Angaben dazu. Das macht es schwer einzuschätzen, wie viel tatsächlich produziert wird.

Am Donnerstag und Freitag steht nun erneut ein EU-Gipfel der Staats- und Regierungschefs auf dem Programm. Hier wird sicher auch AstraZeneca Thema sein.


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