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Montag, Mai 20, 2024
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    Aghet – Der Völkermord an den Armenier:innen

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    Am 24. April ist der armenische Gedenktag an die Aghet – die große Katastrophe. Im Zuge der türkischen Vernichtungsideologie des Osmanischen Reiches wurden ab 1915 bis zu 1,5 Millionen Armenier:innen, Assyrer:innen und Pontosgriech:innen ermordet, zahllose Kinder zwangsislamisiert. Der 24. April stellt dabei nur vordergründig den Auftakt dieses schlimmsten Kapitels der Verfolgung, des Völkermords dar: An diesem Tag wurden die „armenischen Eliten“ Istanbuls zusammen getrieben, ihres Besitzes beraubt und deportiert. Kaum jemand überlebte das. – Eine Artikelreihe von Emanuel Checkerdemian, Teil I

    In der hier vorliegenden dreiteiligen Serie wird heute zunächst über den Genozid, die schrecklichen Verbrechen und den langen Weg zur Aghet, zur großen Katastrophe hin berichtet. Zum heutigen 106. Jahrestag des Beginns vom Völkermord muss an diese grausamen Ereignisse erinnert werden.

    In den beiden noch folgenden Artikeln wird dann zunächst über die Beteiligung Deutschlands ausführlich berichtet werden, im letzten und dritten Teil schließlich sollen die traurige Kontinuität von Leugnung und Hass in der Türkei, aber auch in Aserbaidschan dargelegt werden.

    Der lange Weg zum Genozid

    Als sich beim „Berliner Kongress“ (1878) die Vertreter der europäischen Mächte – Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Österreich-Ungarn und Russland, sowie des Osmanischen Reichs – trafen, um eine politische Lösung der Balkankrise zu verhandeln, war auch die „Armenierfrage“ erstmalig großes Thema internationaler Diplomatie. Denn im Zuge von Gebietsumverteilungen auf dem Balkan, aber vor allem auch im Osten des Osmanischen Reichs in Folge des russisch-türkischen Krieges 1877, veränderte sich die Bevölkerungszusammensetzung in Ostanatolien stark. So flüchteten beispielsweise zehntausende Tscherkess:innen aus dem von Russland neu besetzten Gebiet.

    Für die armenische Bevölkerung der Region, die schon in den Jahren und Jahrzehnten zuvor Opfer osmanischer Staatsverfolgung war und zudem von kurdischen Stammesfürsten ausgebeutet, verfolgt und ermordet wurde, stellte dies tatsächlich eine ernstliche Bedrohung dar. Eine Zuspitzung der Lage der Armenier:innen ist dabei in zahlreichen historischen Dokumenten festgehalten. Die Forderung der europäischen Mächte an das Osmanische Reich und seinen Sultan Abdülhamid II, Gesetze zu schaffen, die die Armenier:innen schützen und darüber hinaus sogar mir Autonomierechten ausstatten, kann also als eine Art der „christlichen Solidarität“ verstanden werden. Wobei hier angemerkt sein muss, dass die armenisch-orthodoxe Kirche durchaus Eigeninteressen, gerade auch gegen die russisch-orthodoxe Kirche, vertrat. Nichtsdestotrotz schaffte es der Punkt in den abschließenden „Berliner Vertrag“, der auch von Abdülhamid II unterschrieben wurde.

    Das Osmanische Reich verpflichtete sich also vertraglich dazu, die Lage der Armenier:innen in seinem Gebiet zu verbessern. Freilich folgten darauf niemals Taten. Von türkischer Seite ohnehin nicht gewollt, wurde die Umsetzung von Russland und den anderen Mächten auch nicht eingefordert. Im Gegenteil: mit der Gründung der Hamidiye, einer paramilitärischen Organisation vergleichbar mit den Kosaken in Russland im Jahre 1891, bekam die Verfolgung der Armenier:innen und anderer Minderheiten gar einen staatlich-institutionellen Überbau.

    So konnten ab 1894 erste umfangreiche Pogrome verzeichnet werden, die sich bis 1896 hinzogen und sich dabei über das ganze türkische Land des Osmanischen Reiches erstreckten. In Istanbul (damals noch Konstantinopel) wurden bspw. 3.000 Armenier:innen in eine Kirche eingepfercht und tagelang belagert. In der Region von Sason wurden zahlreiche Dörfer und Siedlungen dem Erdboden gleich gemacht. Städte wie Van, Trabzon oder Egin erlebten ebenfalls große „Säuberungsaktionen“. In den Jahren 1894-1896 wurden schätzungsweise bis zu 300.000 Armenier:innen ermordet. Auch in den darauf folgenden Jahrzehnten blieb die Lage angespannt. Erst mit der jungtürkischen Revolution von 1908 flaute eine Hoffnung auf eine Verbesserung der Sicherheitslage auf.

    Die Armenisch Revolutionäre Föderation (Daschnaken), die von den Bolschewiki scharf für ihren Nationalismus kritisiert wurde, kooperierte mit den Jungtürken. Auch ein Massaker an den Armenier:innen, das 1909 in Adana stattfand und bis zu 20.000 Menschenleben kostete, änderte daran vorerst wenig. Dieses folgte auf die Auseinandersetzungen zwischen den revolutionären Jungtürken und dem alten Herrscher Abdülhamid II.

    Ab 1913 änderte sich die Haltung des Komitees für Einheit und Fortschritt, also der Jungtürken, in ihrer Haltung gegen die „inneren Feinde“, also die Armenier:innen und andere Minderheiten. Schon jetzt war die armenische Bevölkerung in den letzten zwanzig Jahren durch Flucht und Ermordung um ein Drittel geschrumpft. Mit den Balkankriegen, bei denen das Osmanische Reich massive Gebietsverluste zu verzeichnen hatte, erstarkte diese „neue“ Strategie. Die Machtergreifung des Triumvirats – bestehend aus Talaat Pascha, Cemal Pascha und Enver Pascha – welche die organisatorische wie praktische Durchführung des Genozids unternahmen, hatte nichtsdestotrotz erst einmal zur Folge, dass zahllose Armenier:innen an der Seite der Osmanischen Armee gegen Russland in den 1. Weltkrieg zogen – ein letzter Versuch, sich durch loyales Verhalten „zu bewähren“. Mit der verheerenden Niederlage um den Jahreswechsel 1914/1915 konzentrierte sich das Komitee für Einheit und Fortschritt politisch und ideologisch vollends auf die Vernichtung der Armenier:innen.

    Das Jahr 1915

    Bereits im Februar 1915, also zwei Monate vor den Deportationen der „armenischen Elite“ aus Istanbul, begann die organisierte Vernichtung der Armenier:innen. Dabei ist aus der bisherigen Aktenlage nicht deutlich erkennbar, zu welchem Zeitpunkt oder ob überhaupt die vollumfängliche „Ausrottung der armenischen Rasse“ beschlossen wurde. Die tatsächlichen Geschehnisse bleiben allerdings die gleichen!

    Zunächst wurden die armenischen Soldaten der Osmanischen Armee entwaffnet und entweder von der neuen Spezialeinheit Teşkilât-ı Mahsusa ermordet oder in Arbeitsbataillone gesteckt, was einem Mord gleichkam. Bereits in diesen Monaten kam es zu Deportationen, die zum Ziel hatten, die Armenier:innen in Ballungsräumen zu konzentrieren.

    Mit den Deportationen vom 24. April in Istanbul und dem Deportationsgesetz vom Mai 1915 begann dann die Vernichtungsmaschinerie mit ihrer ganzen Grausamkeit: Zahllose Armenier:innen wurden – nun bereits in den Ballungsgebieten zusammengepfercht – ihres Besitzes beraubt und bestialisch ermordet. Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt, Schwangeren die Kinder aus dem Bauch geschnitten. Mit den teils noch lebenden Neugeborenen „spielte man Fußball“. Flüsse färbten sich rot, getränkt vom Blut endlos vieler Leichen. Verantwortlich zeichneten sich dabei neben den Teşkilât-ı Mahsusa und Hamidiye sowie kurdischen „Hilfstruppen“ vor allem auch reguläre osmanische Polizei- und Militäreinheiten.

    Unzählige Kinder wurden darüber hinaus in türkische, kurdische oder muslimische Familien gezwungen. Hierbei lässt sich ein interessanter Blickpunkt auf die rassistische Ideologie der Jungtürken werfen: die Zwangsislamisierung lässt nämlich darauf schließen, dass die „Minderwertigkeit der armenischen Rasse“ keine biologischen Ursachen hat, sondern kulturelle und sozialisationstheoretische Begründungen (Das hat sich heute weitgehend geändert. Mehr dazu im dritten Artikel). Wer diesen Massakern nicht zum Opfer fiel, wurde auf Todesmärsche in die syrische Wüste geschickt, wo die vor sich hin Sterbenden immer wieder von lokalen Stämmen überfallen, vergewaltigt und ermordet wurden. 1,5 Millionen Armenier:innen fielen der barbarischen Mordmaschine zum Opfer.

    Die Verbrechen zogen sich bis 1917 hin und endeten erst mit der militärischen Niederlage des Osmanischen Reiches gegen die Entente-Mächte im 1. Weltkrieg. Diese setzten zugleich weitgehende Verträge und juristische Urteile durch. So wurde das Osmanische Reich de facto abgeschafft, ein armenischer Staat gegründet, der sich bis weit in die heutige Türkei zieht und die Verantwortlichen des Genozids, vor allem das herrschende Triumvirat, zum Tode verurteilt. Jedoch wurden diese Maßnahmen nicht konsequent durchgesetzt, sodass sich die, im Entstehen befindliche, Türkei unter ihrem neuen Führer Atatürk (der ebenfalls an den Ermordungen der Armenier:innen beteiligt war) schnell militärisch gegen das schwache Armenien durchsetzte und bereits 1920 den heutigen Grenzverlauf erzwingen konnte. – Auch die Gründungsgeschichte der heutigen Türkei ist damit eine des Mords an den Armenier:innen.

    Enver Pascha konnte rechtzeitig gen Osten fliehen und leitete führend schon 1918 das nächste Pogrom an den Armeniern:innen in Baku, dem schätzungsweise wieder 50.000 Menschen zum Opfer fielen. Er fiel 1922 im Kampf gegen die Rote Armee, als er ein Kalifat der Turkvölker errichten wollte. Talaat Pascha konnte mit Hilfe des verbündeten Deutschen Reichs nach Berlin fliehen, wo er zunächst unbehelligt lebte. – Deutschland nahm im Völkermord an den Armenier:innen ohnehin eine ganz spezielle Rolle ein …

    (Mehr dazu im zweiten Teil meiner dreiteiligen Serie.)

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