2021 wurden in der Klein- und Kulturstadt Weimar bereits mehrfach Fensterscheiben von antifaschistischen Cafés und Läden eingeworfen. Zudem werden „Stolpersteine“ zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus und linke Plakate übersprüht. Gleichzeitig geht der Staat massiv gegen Antifaschist:innen vor, während er die Rechten gewähren lässt – darüber berichten Lara und Alessa vom Café „Spunk“ im Interview.

Ihr betreibt ein selbstorganisiertes Café an der Bauhaus Universität in Weimar. Vor kurzem stand euer beliebtes Café in den Schlagzeilen. Das lag allerdings nicht am Lockdown, sondern an einem faschistischen Übergriff. Was genau ist vorgefallen?

Alessa: Am Morgen vom 2. März hat uns ein Passant angerufen und uns mitgeteilt, dass er ein Loch in der Schaufensterscheibe unseres Cafés „Spunk“ entdeckt hat. Wir sind dann sofort ins Café gefahren und haben geguckt was passiert ist. Wir hatten zuvor Plakate für das Gedenken an die Toten des rechtsterroristischen Anschlags vom 19.2.2020 in Hanau in unser Schaufenster gehängt. Das war scheinbar der Grund, dass unsere Schaufensterscheibe zerstört wurde. So sollte das Gedenken an die Verstorbenen gestört werden.

Schon das Wochenende vorher wurden zwei Postkarten, die in unserem Schaufenster hingen, mit silbernem Graffiti übersprüht. Auf diesen Postkarten stand: „Gemeinsam für offene Häfen!“ und „Stoppt das Sterben – nicht das Retten!“. Zuerst haben wir die Postkarten einfach an eine andere Stelle gehängt, da wir dem Ganzen nicht so viel Gewicht geben wollten.

Habt ihr nach dem Angriff Solidarität aus der Nachbarschaft erfahren?

Lara: Nach den zwei Anschlägen haben wir gemerkt, dass es einen öffentlichen Aufschrei braucht. Das hat zum einem mit unserer finanziellen Lage, aber vor allem mit der aktuellen Situation in Weimar zu tun. Die rechten Umtriebe werden immer radikaler und immer mehr. Allerdings konnten wir mit dem Aufschrei auch auf Solidarität setzen.

So wurde uns bei der ohnehin schon schweren Situation in der Corona-Pandemie finanziell zur Seite gestanden. Auch die thüringische Opferberatungsstelle ‚ezra‘ hat sich eingeschaltet und uns Hilfe bei psychischen Folgeschäden angeboten. Auch die Nachbarschaft stand uns beim Einsetzen und Gestalten der neuen Fensterscheibe tatkräftig zur Seite.

Alessa: Das Schlimme ist, dass wir in Weimar kein Einzelfall sind. Ich bin zu weiteren Betroffenen gegangen, wo ähnliche Dinge vorgefallen sind. Nach weiteren Überlegungen haben wir dann beschlossen, dass wir nicht untätig bleiben können. Uns ist auch bewusst, dass die Umtriebe nicht von heute auf morgen aufhören und haben eine Art „Fensterschutzfond“ angelegt. Hier sollen Spenden gesammelt werden, um den finanziellen Schaden bei eingeschlagenen Fensterscheiben von Läden oder Wohnungen mindestens decken zu können.

Weimar ist nicht umsonst Deutschlands Kulturhauptstadt und Wirkungsstätte von Goethe, Schiller, Van de Velde, uvm. Die Gedenkstätte Buchenwald gilt als weitreichender Zeitzeuge der Gräueltaten des Hitler- Faschismus, aber auch des organisierten Widerstands. Der Angriff auf euren Laden beweist, dass es faschistische Aktivitäten in der Stadt gibt. Wie ist das aktuelle politische Klima in Weimar?

Lara: Leider kam es neben dem Anschlag auf unser Café und dem Imbiss auch zu anderen Anschlägen in Weimar. So wurde bei der Bar „Reservebank“ ein Plakataufruf von „Black Lives Matter“ übersprüht und ein paar Tage später die Scheibe eingeschmissen. Das ähnelt ziemlich den Angriffen auf unser Café.

Das Café „Brotklappe“ hat sich mit einem Aushang in der Fensterscheibe mit uns solidarisiert. Leider wird das Café nun vermehrt angegriffen – hauptsächlich mit Sprühfarbe. Vor kurzem wurde allerdings auch in einer Filiale deren Werbeschild mit einem Stein eingeschlagen.

Nicht nur die Geschäfte sind bei den Faschist:innen im Fokus. Stolpersteine werden hier übersprüht, antirassistische Plakate werden zerstört oder aus einem Graffiti, wie „Hanau ist überall“ wird „Hanau pisst überall“. Zusätzlich wurde auch noch eine antirassistische Fotoausstellung vor dem Kulturzentrum „mon ami“ zerstört. Das Problem ist der Zeitraum, in dem sich die Angriffe abspielen. All diese Angriffe fanden in diesem Jahr statt.

Alessa: Die faschistischen Aktivitäten in der Stadt nehmen immer mehr zu. Das bedingt sich meines Erachtens durch die aktuelle Corona-Lage. Die Faschos fühlen sich jetzt stärker, um gezielter vorzugehen. Sie arbeiten auch nicht im Untergrund oder versteckt. Sie benutzen immer die gleiche Farbe, um Stolpersteine, Plakate, Sticker oder Graffitis zu übersprühen. Vor dem Bauhaus-Museum hört eine Gruppe Jugendlicher immer Rechtsrock oder auf dem Wielandplatz werden Hitlergrüße gezeigt.

Außerdem laufen bei den montäglichen „Hygiene-Demos“ immer bekannte Faschos mit. Natürlich ist es wie überall: der Gegenprotest wird kriminalisiert – Gruppen werden gekesselt, Daten werden aufgenommen, etc. – außerdem werden Journalist:innen  angegriffen.

Es ist sehr frustrierend, dass die Faschos offen handeln und wirken und der Staat sie gewähren lässt. Dabei ist es gar nicht so schwer, dem etwas entgegenzusetzen: bei mehreren Kundgebungen in den letzten Wochen haben wir gezeigt, dass das unsere Stadt ist. Wir wollen die Plätze in unserer Stadt zurückerobern und sie nicht den Faschos überlassen! Nur mit Antifaschismus und Solidarität kommen wir gemeinsam durch diese Krise!

In Zeiten des Lockdowns weitet der Staat sein Machtmonopol immer weiter aus. Macht sich das in Weimar bemerkbar?

Alessa: Seit ungefähr einem Monat gibt es hier in Weimar extrem viel Polizeipräsenz durch die Polizeidirektion Jena. Auffällig ist, dass die Präsenz sich nach einer Hausbesetzung im letzten Monat und mehreren antifaschistischen Graffitis extrem erhöht hat. Ich sehe jeden Tag Unmengen an Streifenwagen aus unserem Café heraus. Ich habe das Gefühl, dass der Staat sein Machtmonopol immer mehr ausweitet.

Doch gegen die Faschos will der Staat einfach nichts machen. Wir sehen, dass unsere politische Praxis unterdrückt wird, während die Faschos machen können, was sie wollen. Während die „Hygiene-Demos“ teilweise nicht angemeldet werden und laufen können, werden kleinste antifaschistische Aktivitäten brutalst zerschlagen.

Warum wird Faschos und Querdenker:innen es so einfach gemacht, während Antifaschist:innen ständig um ihr Recht kämpfen müssen? Ich denke, dass man mittlerweile dem Polizeiapparat nicht mehr vertrauen kann – schließlich war der NSU hier auch gleich um die Ecke …


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