Während die Corona-Pandemie weiter die Welt im Atem hält und in vielen Ländern bisher keinerlei Impfstoff zur Verfügung steht, laufen die Planungen für Olympia in Tokio und die Fußball-Europameisterschaft auf Hochtouren. Anstatt Menschenleben etwa in Indien oder Afrika zu retten, spenden Pharmakonzerne ihre Impfdosen lieber für Mega-Events. – Ein Kommentar von Emanuel Checkerdemian

In der vergangenen Woche brach die USA ihren Widerstand gegen den indisch-südafrikanischen Vorstoß, in der Welthandelsorganisation (WTO) Impfpatente auszusetzen und somit die Produktion von Impfstoffen massiv zu befördern. – Nicht ganz uneigennützig: Denn während der größte Konkurrent auf dem Weltmarkt – China – bereits größere Impf-Unternehmungen z.B. in Afrika anschiebt, sind die USA dabei ins Hintertreffen geraten, ihren internationalen politischen Einfluss auf diesem Weg zu erhöhen.

In der EU gibt es zu diesem Thema bisher unterschiedliche Positionen. Doch gerade das Zugpferd Deutschland zeigt sich skeptisch: Eine von der Linkspartei initiierte Abstimmung zur Unterstützung der Impfpatent-Aussetzung wurde am vergangenen Donnerstag von der ‚Kapital-Koalition‘ aus CDU/CSU, FDP, SPD und AfD abgelehnt. Stattdessen sei die Anzahl der gespendeten Impfdosen der Schlüssel.

Was dieses „Vertrauen auf Spendenbereitschaft“ bedeutet, kann man nun deutlich sehen: Während in Indien täglich Tausende sterben, helfen die von der deutschen Politik gedeckten Unternehmen BioNTech und Pfizer gerade nicht, die humanitäre Katastrophe zu lindern, sondern gewährleisten stattdessen die Durchführung der Sommer-Olympiade in Tokio.

Für den Profit über Leichen gehen

Es sind dystopische, schwer zu ertragende Bilder, die aus Indien gerade über die TV-Bildschirme oder im Internet in die Welt gehen. In Leinentücher gewickelte Leichen – bergeweise, in Dreck und Staub liegend. Große Feuer lodern, in denen die Leichen dann „entsorgt“ werden. Die Krematorien sind schlicht vollkommen überlastet, so dass zahllose Menschen, die infolge einer Infektion mit COVID-19 gestorben sind, einfach auf offener Straße verbrannt werden müssen. Schon seit fast zwei Wochen muss das Land täglich mindestens 350.000 Neuinfektionen vermelden, die Tendenz ist dabei steigend. Neben der fahrlässigen Politik der nationalistischen indischen Regierung und aufgrund der großen religiösen Feste ohne Schutzmaßnahmen, die zur rasenden Ausbreitung des Virus beitrugen, ist das drängendste Problem schlicht der fehlende Impfstoff.

Erst 34 Millionen Menschen sind in Indien voll gegen das Virus geimpft, 137 Millionen zumindest einfach. Bei rund 1,4 Milliarden Einwohner:innen ist diese Zahl nahezu lächerlich. Und auch in den anderen, in der kapitalistischen Konkurrenz schwachen Ländern sind die Zahlen verheerend. Während in Nordamerika 31% der Bevölkerung und in der Europäischen Union 27% geimpft sind, kommt Afrika gerade einmal auf 1,3%. Viele der afrikanischen Staaten haben überhaupt noch gar keinen Impfstoff bekommen.

Schon seit 2020 fordern betroffene Länder wie Indien und Südafrika – und mit ihnen über hundert (!) weitere Staaten – , endlich die Impfpatente auszusetzen und somit einen der wichtigsten Schritte gegen die Pandemie zu vollziehen. Das kürzliche Einlenken der USA ist dabei nur Makulatur: wohl wissend, dass der Widerstand anderer kapitalistischer Staaten die Verhandlungen hinauszögern werden wird, sodass sie ihr ohnehin schon sehr fortgeschrittenes Impfprogramm damit nicht in Gefahr bringen, können die Strateg:innen  in Washington sich nun stattdessen auf die imperialistische Auseinandersetzung mit China fokussieren. Jetzt kann sich die Regierung Biden wieder verstärkt darauf konzentrieren, den sich ausbreitenden Einfluss Chinas – vor allem in Afrika – zurückzudrängen und eigene Einflusssphären zu erweitern. Die imperialistischen Staaten Europas, allen voran die Bundesrepublik Deutschland, blockieren währenddessen diese Forderung nach wie vor und stellen sich somit schützend vor die Kapitalinteressen der Pharmaindustrie.

Stattdessen strebt man nun ein Freihandelsabkommen mit Indien an, um sich gegen China in Stellung zu bringen.  – Zusammengenommen zwei sich ergänzende Strategien des US- und EU-Imperialismus, die das ganze Leid auf dem indischen Subkontinent und in Afrika forcieren, um die eigenen Interessen gegen China durchzusetzen. Das moralische Geschwätz eines Herrn Macron, der die ‚Spendenbereitschaft‘ zum Schlüssel der globalen Pandemiebekämpfung erklärt – und damit ganz offen die Abhängigkeit der armen Länder von den westimperialistischen Staaten offenbart – wird zur Farce, wenn man sich diese „Spendenaktionen“ genauer ansieht.

Stoppt den Wahnsinn: Kein Olympia und keine EM 2021

Denn bereits einen Tag vor den „guten Worten“ des französischen Präsidenten verkündete das International Olympic Committee (IOC), das die Organisation, Vermarktung etc. der Olympischen Spiele betreibt, dass das auf den kommenden Sommer verlegte Olympia 2020 nun endgültig gerettet sei und einer Durchführung nichts mehr im Wege stehe: die beiden Pharmakonzerne BioNTech und Pfizer, so wird stolz verkündet, würden eine Impfung der Athlet:innen und aller an der Olympiade beteiligten Personen sicherstellen. Gleiches gelte auch für die Paralympics.

Bei allem können die Bosse des IOC gleich doppelt jubeln: Nicht nur, dass das Milliardengeschäft im kommenden Sommer gerettet zu sein scheint. Das Ganze kostet das IOC außerdem keinen Cent. Biontech und Pfizer stellen den Impfstoff kostenlos (!) als „Spende“ zur Verfügung. Man muss sich dies auf der Zunge zergehen lassen: Während vielerorts und weltweit Menschen wie Fliegen am Corona-Virus verrecken und sich die reichen Impfstoffentwickler:innen weigern zu helfen, verschenken sie tausende Impfdosen an ein Groß-Event, das Milliardenumsätze generiert. Und zugleich wird das Sportereignis den Einsatz zahlloser Ärzt:innen wie  Helfer:innen bedeuten und medizinische Ressourcen verschlingen, die im Kampf gegen das Virus dringendst gebraucht würden.

Mit der ab Juni stattfindenden Fußball-Europameisterschaft der Herren verhält es sich ähnlich: Zwar haben hier noch keine Pharma-Konzerne die Gewährleistung von Impfungen für Fußballstars ausgerufen. Nichtsdestotrotz wird das – über den ganzen Kontinent verteilt stattfindende – Fußballturnier ein enormer Risikoherd sein: Gerade kürzlich verkündete die austragende UEFA, dass in allen Stadien Fans zugelassen sein würden. Mancherorts sogar bis zu 100% der Stadionauslastung. Mindestens 14.000 Fans (wie in München) werden also wohl immer dabei sein. Zwar warnt der Verband auf seiner Homepage vor Problemen bei Reisen in andere Länder, bewirbt aber gleichzeitig „Fanfeste“ in den Austragungsstätten. Auch hier würden massiv medizinische Ressourcen verschlungen, die doch eher zur Bekämpfung der globalen Pandemie eingesetzt werden sollten.

In Japan formiert sich gerade deutlicher Widerstand gegen die Durchführung der Olympiade. Ohnehin lehnen nach Umfragen nahezu 80% der Japaner:innen die Austragung in diesem Jahr 2021 ab. Eine – unter anderem von der Kommunistischen Partei Japans (KPJ) – unterstützte Petition, die eine Absage der Spiele fordert, bekam binnen dreier Tage über 300.000 Unterschriften. In ihr wird kritisiert, dass die Umstände, unter denen Japan und die Welt sich gerade befänden, weder eine faire noch eine sichere Durchführung von Olympia zulassen würden. Statt das zum Anlass zu nehmen, um eine Absage oder wenigstens eine Verschiebung zu unternehmen, riskierten das IOC, die japanische Regierung und alle Beteiligten derzeit das Leben aller Menschen in Japan. Allein 2,7 Milliarden US-Dollar wurden dabei schon in das Event gesteckt, während auch auf der ostasiatischen Insel die Corona-Zahlen seit April wieder stark anstiegen und sich die finanzielle Lage von Frauen, Jugendlichen und Arbeiter:innen deutlich verschlechtert hat.

Viele Menschen fühlen sich dort durch diese Politik verraten. Es wird sich nun herausstellen, ob es bei den Appellen – die vorerst wohl wenig bewirken werden – bleibt, oder ob sich die Proteste, die die „Mehrheit der Japaner:innen vertreten“ –  bislang noch recht klein – ausweiten werden.

Dem japanischen Kampf gegen die Olympiade würde ein europäisches Pendant gegen die UEFAEURO-2020 gut zu Gesicht stehen. Die Querelen um die vorerst gescheiterte „Super League“ haben den Blick von den wahnsinnigen Machenschaften der UEFA  nur vorübergehend abgelenkt: eine Europameisterschaft auf den Leichenbergen der kapitalistisch rückständigen Länder wäre einer davon!


Wir schreiben für Perspektive – ehrenamtlich und aus Überzeugung. Wir schalten keine Werbung und nehmen kein Geld von Staat oder Konzernen an. Hilf' uns dabei, unseren unabhängigen Journalismus zu erweitern: mit einer einmaligen Spende, einem regelmäßigen Beitrag bei Paypal, Steady oder am besten als Mitglied in unserem Förderverein.