Die Wohnungsnot in Berlin ist nicht zuletzt durch die Kampagne „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ in aller Munde. – Julius Strupp sucht gemeinsam mit zwei Freunden seit Monaten erfolglos eine Wohnung in der Hauptstadt und erzählt vom alltäglichen kapitalistischen Irrsinn.

Seit Mitte März sind wir auf der Suche nach einer Wohnung in Berlin. Täglich schreiben wir mehrere Vermieter:innen auf den gängigen Immobilienportalen, auf ebay-Kleinanzeigen, usw. an. Auch einen „Immobilienscout24“-Premium-Account haben wir uns geleistet, um die Chancen zu erhöhen, und unsere Suche erstreckt sich über nahezu das gesamte Stadtgebiet. In mehreren Berliner Supermärkten haben wir Abreißzettel angebracht. Eine Wohnung konnten wir dennoch nicht finden.

Während bürgerliche Politiker:innen es sich leisten können, über das Thema monatelang zu debattieren und die Nöte der Menschen zu leugnen und unter den Tisch zu kehren, stecken wir mittendrin. Bei Massenbesichtigungen werden wir mit Dutzenden anderen Menschen, die um eines ihrer grundlegendsten Bedürfnisse konkurrieren müssen, in die Wohnungen gepfercht wie Tiere. Sobald die Vermieter:innen merken, dass wir eine WG gründen wollen und nicht Teil einer gut verdienenden Stammbelegschaft sind, lachen sie uns nicht selten aus.

Während täglich viel Zeit in die Suche investiert wird, scheint dabei nichts heraus zu springen. So war unser größter Erfolge bisher die Teilnahme an einer Auslosung, um in die nächste Runde des Vermietungsprozesses zu kommen. Immer wieder fordern die Vermieter:innen absurd viele persönliche Daten und Dokumente, ohne dass man dadurch weiter kommt.

Das ist natürlich frustrierend und entwürdigend. Dabei darf man allerdings nicht vergessen, dass es sich bei unserem Fall nicht um ein Einzelschicksal handelt, sondern um ein allgemein-gesellschaftliches Problem. Hier zeigt sich ganz konkret, dass der Kapitalismus nicht in der Lage ist, unsere Grundbedürfnisse zu befriedigen. Denn in diesem System ist die Jagd nach dem Maximal-Profit das grundlegende Motiv wirtschaftlicher Tätigkeit.

Auch wenn es leicht ist, in Verzweiflung zu versinken, darf man sich nicht vereinzeln lassen. Es geht vielen Menschen so. Und die wachsende Bewegung gegen hohe Mieten, Verdrängung und die Stadt der Reichen in Berlin zeigt, dass immer mehr Menschen in Berlin erkennen, dass eben nicht sie Schuld sind am eigenen Elend, sondern die Kapitalist:innen, für die unsere Bedürfnisse nicht mehr sind als ein Geschäft.

Noch bis zum 24. Juni haben die Berliner:innen Zeit für die Durchführung des Volksbegehrens zur Enteignung großer privater Immobilienkonzerne zu unterschreiben. Doch sollte es durchgeführt werden und eine Mehrheit für die Enteignung stimmen, liegt die Umsetzung dennoch in den Händen der Politiker:innen, die zuvor zehntausende Wohnungen aus kommunaler Hand an die Miet-Haie verschachert haben. Als wenn es nicht schlimm genug wäre, dass man die Parasiten von Vonovia, Deutsche Wohnen und Co. noch entschädigen will, ist eine Sabotage durch die Politiker:innen im Abgeordnetenhaus ebenfalls denkbar.

Für diesen Fall müssen wir dafür sorgen, dass die Bewegung erhalten bleibt und weiter wächst. Wir müssen die Angriffe auf unsere Lebensbedingungen zurückschlagen und eine Gesellschaft erkämpfen, in der Wohnraum nie wieder Spekulationsobjekt werden kann, sondern nach den Bedürfnissen der Bevölkerung verteilt wird.


Wir schreiben für Perspektive – ehrenamtlich und aus Überzeugung. Wir schalten keine Werbung und nehmen kein Geld von Staat oder Konzernen an. Hilf' uns dabei, unseren unabhängigen Journalismus zu erweitern: mit einer einmaligen Spende, einem regelmäßigen Beitrag bei Paypal, Steady oder am besten als Mitglied in unserem Förderverein.