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Sonntag, April 14, 2024
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    „Ich bring‘ dich um, Schwuchtel!“

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    Mit diesen Worten wurde der 24-jährige Samuel vergangenen Freitag von einer Gruppe Jugendlicher totgeprügelt. Tausende Spanier:innen gingen auf die Straßen, um Gerechtigkeit für Samuel und ein Ende der Gewalt gegen LGBTI+ zu fordern. – Ein Kommentar von Sakine Çiftçi.

    Es soll alles bloß ein Missverständnis gewesen sein. Ein „Missverständnis“, das tödlich enden sollte. Der junge Pfleger Samuel machte gerade mit seiner Freundin Lina einen Video-Call mit einer weiteren Freundin, als einer der späteren Täter begann, ihn anzuschreien: „Entweder du hörst auf zu filmen oder ich bring dich um, du Schwuchtel!“

    Sie waren gerade aus einem Nachtclub gekommen, genossen den Sommer wie alle anderen in ihrem Alter; doch für Samuel sollte es der letzte werden.

    Seit Tagen diskutiert ganz Spanien eine Frage: War die Tötung von Samuel ein Hassverbrechen? Wurde er getötet, weil er schwul war?

    Die Polizei ließ verlauten, dass sie in alle Richtungen ermittle, sowohl Hassmotive als auch andere. Jedoch deuteten die Indizien momentan nicht auf ein Hassverbrechen, sondern „bloß“ auf ein trauriges Missverständnis.

    Die Täter kannten Samuel nicht. Entsprechend kannten sie also auch nicht seine Sexualität. Wie sollten sie ihn dann aus Gründen von Homofeindlichkeit umbringen?

    Sollte Samuel wirklich aus homofeindlichen Motiven ermordet worden sein, dann wäre er nicht der erste Homosexuelle, der von Unbekannten auf der Straße wegen seiner vermuteten Sexualität, wegen angeblichem „schwulen Verhalten“ oder „schwulem Aussehen“ zusammengeschlagen und sogar ermordet wurde.

    Der Auslöser der Gewalttat mag ein Missverständnis gewesen sein. Aber die Frage bleibt: Hätten sie Samuel auch bis in den Tod geprügelt, wenn er nicht schwul gewesen wäre? Seine Freundinnen betonen, dass die Täter ihn immer wieder als „scheiß Schwuchtel“ titulierten. Ist es glaubwürdig, dass diese Beleidigung zufällig gewählt war?

    Viele Hasstaten passieren in Umständen von Streit oder anderem. Der Ehestreit oder das Missverständnis auf der Straße verdecken aber nicht den wichtigen, vielleicht entscheidenden Einfluss, den die hasserfüllten Ideen der Täter bei diesen Tötungen haben. An einem heterosexuellen oder „heterosexuell wirkenden“ Mann hätten sie ihre Wut vielleicht nicht so sehr ausgelassen wie an einem schwulen Samuel.

    Die Diskussionen und Spekulationen in Spanien überschlagen sich.“Hat er sich provokativ schwul verhalten?“, fragen die einen. „Hat er nicht irgendwas gemacht und ist eigentlich selbst schuld? Hat der Totschlag überhaupt was mit seiner Sexualität zu tun oder war er nicht komplett zufällig?“, fragen die anderen.

    Währenddessen sind in den vergangenen Tagen tausende Menschen in ganz Spanien dem Aufruf von LGBTI+ -Organisationen gefolgt und auf die Straßen gegangen, um Gerechtigkeit für Samuel und ein Ende der Gewalt gegen LGBTI+ zu fordern.

    In zwölf Ländern der Welt steht weiterhin die Todesstrafe auf Homosexualität. In unserem Nachbarland Polen ist es nicht lange her, dass „LGBTI+ freie Zonen“ errichtet worden sind. Deutsche Politiker:innen sprechen von „Gender-Indoktrinierung“, der Präsident der Türkei, Erdoğan, sagt, „LGBT gibt es nicht“. Mit dem Aufschwung der Faschist:innen überall wächst auch die Feindlichkeit gegenüber LGBTI+ merklich.

    In diesem Klima kommt es traurigerweise nicht überraschend, dass ein schwuler junger Mann zwei Tage nach Ende des Juni, dem Pride Month, getötet wird. Die letzten Worte in seinen Ohren: „Scheiß Schwuchtel“.

    Die tausenden Menschen auf den Straßen Spaniens wissen genau: Regenbogenfahnen vor den Sitzen von Großkonzernen helfen niemandem. Es braucht ernsthafte gesellschaftliche Veränderungen und zwar jetzt, damit nicht noch weitere junge Menschen aus Hass ihr Leben verlieren müssen. Und bis dahin: Pride ist nicht vorbei, Pride ist jeden Tag!

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