In den den letzten zehn Jahren ist die Armut in Deutschland gewachsen – besonders bei Frauen und Rentner:innen. Überbelegte Wohnungen, Stromsperren und auch ein kürzeres Leben sind die Folge: arme Menschen sterben 12 Jahre früher als reiche Menschen. Umgekehrt besitzt das oberste Zehntel 64% des Vermögens. Doch Armut sei „kein Schicksal, sie lässt sich bekämpfen und überwinden“, so das aktuelle Jahresgutachten des Paritätischen Wohlfahrtsverbands.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband ist ein Dachverband von über 10.000 Organisationen der freien Wohlfahrtspflege. Jedes Jahr gibt der Verband ein „Jahresgutachten“ über die Entwicklung von Armut in Deutschland heraus. Der am Dienstag vorgestellte diesjährige Gutachten nennt eine Reihe erschreckender Befunde über die Armutsentwicklung in Deutschland.

Armut seit 2011 gewachsen

Betrachtet man den Anteil der von Einkommensarmut betroffenen Personen in Prozent, dann zeigt sich, dass dieser im Zeitraum von 2011 bis 2019 nahezu stetig gewachsen ist, von 15 auf 15,9 Prozent.

Diese Armut zeigt sich dann auch in anderen Bereichen. So sind 2019 mit 48,3 Prozent annähernd die Hälfte der von Armut Betroffenen durch Wohnkosten überlastet, 17,9 Prozent leben in überbelegten Wohnungen.

2019 kam es, wie auch in den Vorjahren, zu mehreren hunderttausend Stromsperren. Insgesamt wurden 289.012 Stromsperren vollzogen, mehr als fünfzehn Mal so viele wurden angedroht.

Einzelne Personengruppen sind dabei noch weitaus stärker von Armut betroffen, sogar weitaus stärker, als bisher bekannt.

Rentner:innen und Frauen besonders betroffen

So hat eine Anfrage des Paritätischen an das Statistische Bundesamt zutage gefördert, dass im Jahr 2019 mehr als jede:r fünfte Rentner:in arm ist.

Der Anteil an armen Rentner:innen wuchs demnach in den Jahren von 2006 bis 2019 von 13 Prozent auf 20,7 Prozent. Das sei laut dem Bericht „nicht nur ein rasanter, sondern auch ein besonders dramatischer Anstieg, denn Altersarmut bedeutet meist, lebenslänglich arm zu bleiben.“

Auch in anderen Bereichen zeigen sich noch immer massive Ungleichheiten: Frauen erhielten im Jahr 2020 im Vergleich zu Männern um 18 Prozent niedrigere Bruttostundenlöhne. Im Alter sind die geschlechtsspezifischen Einkommensunterschiede sogar noch deutlich größer: 2019 haben Frauen im Schnitt ein um 49 Prozent niedrigeres Alterssicherungseinkommen als Männer.

Die Debatte um die Rente mit 68

Armut besser messen

Dabei kritisiert der Paritätische jedoch die Art der Bundesregierung Armut zu „mesen“. So gelten Personen als arm, die monatlich weniger als 60 Prozent des nationalen Mittelwerts verdienen. In Deutschland liegt die Armutgefährdungsschwelle aktuell bei 1.074 Euro pro Monat für einen Ein-Personen-Haushalt.

„Die Fort-schritte in der Armutsbekämpfung anhand eines relativen Armutsverständnisses zu messen, wäre aus Sicht des Paritätischen sehr viel aussagekräftiger.“ Das bedeutet, dass man schauen müsse, was tatsächlich zum Leben notwendig ist, um anhand dessen eine Armutsschwelle zu definieren.

Oberstes Zehntel besitzt 64% des Vermögens

Aufgrund neuerer Daten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) wurde zudem gezeigt, dass beispielsweise das vermögendste Zehntel der Bevölkerung 64 Prozent der Vermögen in Deutschland besitzt.

90 Prozent der Bevölkerung teilen sich das verbleibende Vermögen, wobei ein großer Teil der Bevölkerung über kein relevantes Vermögen verfügt bzw. häufig sogar überschuldet ist. Das betrifft im Jahr 2020 6,85 Millionen Menschen in Deutschland. Die Überschuldungsquote stagniert damit auf hohem Niveau, bei annähernd zehn Prozent.

2.153 Milliardäre besitzen mehr als 4.650.000.000 Menschen zusammen

Reale Auswirkungen: arme Menschen sterben viel früher

All diese „nackten Zahlen“ zeigen sich ganz konkret in der Realität der Lebenserwartung von armen Menschen:

Frauen und Männer aus der Gruppe mit den niedrigsten Einkommen haben beispielsweise eine um 4,4 bzw. 8,6 Jahre geringere Lebenserwartung als solche aus der höchsten Einkommensgruppe. Betrachtet man die Zahl der Lebensjahre in guter Gesundheit so liegen sogar etwa zehn Jahre bei Frauen und etwa 14 Jahre bei Männern dazwischen.

„Armut ist kein Schicksal, sie lässt sich bekämpfen und überwinden.“

Dar Paritätische hält fest, dass sich in der Entwicklung „Belege für wachsende kulturelle, soziale und politische Konflikte“ zeigten. „Die resümierten Befunde zeigen, dass das Bild einer wohlhabenden Gesellschaft mit hohen Beschäftigtenzahlen nur in einer oberflächlichen Betrachtung zutrifft“, so der Verband.

Er sehe Handlungsbedarf aber auch die Möglichkeit zu handeln: „Armut ist kein Schicksal, sie lässt sich bekämpfen und überwinden.“ Der Paritätische fordert deshalb unter anderem eine bedarfsgerechte Anhebung der Regelsätze in Hartz IV und der Altersgrundsicherung ,nach Berechnungen der Paritätischen Forschungsstelle auf mindestens 644 Euro, sowie eine Kindergrundsicherung.


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