Dem völlig überhitzten chinesischen Immobilienmarkt droht seit längerem ein Crash, der ein beispielloses Chaos in China selbst und weltweit auslösen könnte. Zahlreiche Immobilienkonzerne sind massiv überschuldet, neun der zehn am höchsten verschuldeten Unternehmen sind Baukonzerne. Mit der ausbleibenden Zahlung von ausstehenden Schulden kam es heute zu einer erneuten Zuspitzung der schwelenden Krise. Nun greift die KPCh direkt ein.

Der chinesische Immobilienriese „Evergrande“ hat erstmalig seine Dollarschulden bei ausländischen Gläubigern nicht begleichen können, wie am Donnerstag bekannt wurde. Insolvenz hat er zwar offiziell noch nicht angemeldet, jedoch wurde die Kreditwürdigkeit von der Ratingagentur „Fitch“ als „eingeschränkter Kreditausfall“ (Restricted Default) eingestuft, die nächste Stufe wäre der Zahlungsausfall (Default).

Zeitgleich wurde am Mittwoch der Handel mit den „Kaisa“Aktien ausgesetzt. Kaisa ist ein weiterer großer Immobilienkonzern, der genau wie Evergrande und viele weitere chinesische Immobilienkonzerne stark verschuldet ist. Kaisa hatte am Dienstag eine vorrangig fällige Anleihe über 400 Millionen Dollar nicht beglichen.

Folgen des Immobilienbooms

Die chinesische Immobilienwirtschaft gilt schon seit Jahren als „Problemkind“, da der Immobiliensektor durch Kredite stark aufgebläht ist. In den Letzten Jahrzehnten hatte es einen beispiellosen Boom in der chinesischen Immobilienwirtschaft gegeben, mittlerweile trägt der Immobiliensektor knapp ein Drittel zum chinesischen BIP (Bruttoinlandsprodukt) bei.

Ausdruck findet dieser Boom in zahlreichen, nicht fertiggestellten Rohbauten, die oftmals verwahrlost in der Gegend herumstehen und nicht mehr weitergebaut werden, da den „Immobilienentwicklern“ das Geld ausgegangen ist.

Gleichzeitig ist es selbst den überdurchschnittlich gut verdienenden chinesischen Arbeiter:innen sowie weiten Teilen des Kleinbürgertums unmöglich geworden, eine eigene Wohnung in den großen Städten zu erwerben oder anzumieten.

Problematisch kann es in Zukunft auch für Tausende von Kleinanleger:innen werden, die in der großen Hoffnung, eine Wohnung in Chinas Metropolen zu bekommen, im voraus Geld an die Immobilienkonzerne überwiesen. Bei einer vollständigen Pleite des Evergrande-Konzerns könnte dieses Geld verloren sein. Einen Vorgeschmack auf die dann drohenden Zustände gaben wütende Proteste vor dem Firmensitz von Evergrande im September 2021. Damals war die Misere, in der Evergrande steckt, zum ersten Mal an die Öffentlichkeit gekommen.

Unterschiedliche Signale der Staatsführung

Die Chinesische Zentralbank gibt derweil bekannt, dass sie den Immobilienriesen bei einer drohenden Pleite nicht mit Staatsgeld retten werde. Eine durchaus gewagte Ansage, wenn man bedenkt, welche Auswirkungen ein Crash in Chinas Immobilienwirtschaft auf die gesamte Wirtschaft des Landes haben würde. Ob die vielen Kleinanleger:innen von der Regierung entschädigt werden, ließ die Obrigkeit offen.

Zugleich scheint der chinesische Staat hinter den Kulissen durchaus darauf hinzuarbeiten, die Kontrolle über den Immobiliengiganten zu erlangen: In dieser Woche war ein siebenköpfiges „Komitee für Risikomanagement“ eingesetzt worden, das den Evergrande-Gründer und Milliardär Xu Jiayin entmachtete.

Dem Gremium gehören Vertreter einer chinesischen „Bad Bank“ an, außerdem Juristen sowie Manager zweier Staatsfirmen der Provinz Guangdong, in der Evergrande seinen Hauptsitz hat. Es scheint der Versuch der KPCh zu sein, nun die Geschicke des Konzerns selbst zu lenken und  zu kontrollieren. Möglicherweise könnte die Partei so versuchen zu verhindern, dass Wohnungen nicht fertig gebaut, Arbeiter:innen schlagartig ihre Arbeit verlieren und andere Betriebe durch Zahlungsausfälle ebenfalls in Bredouille geraten. Stattdessen könnte der Staat die Wohnungen selbst fertig bauen, um Staatsimmobilien auf den Markt zu bringen und als „Retter“ darzustehen. Derweil dürften ausländische Investoren wie die UBS, die deutsche Versicherung „Allianz“ oder „Blackrock“ massiv Geld verlieren.


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