Die Hamburger Justizbehörde soll sich vor dem „Europäischen Komitee zur Verhütung von Folter und unmenschlicher Behandlung“ verantworten müssen. Hintergrund ist die seit Jahrzehnten berüchtigte Behandlung von Häftlingen in der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel („Santa Fu“).

Im Mai 2021 wurde die Hamburger JVA „Santa Fu“ frisch renoviert. Das 140 Jahre alte Gebäude wurde stolz der Presse präsentiert. Doch das vermittelte Bild einer Vorzeige-Haftanstalt wurde schnell durch massive Beschwerden der Gefangenen und der Gewerkschaft der JVA-Beamten getrübt. Schon damals berichtete das Hamburg Journal über krassen Personalmangel und fehlende Entlassungsvorbereitung.

Im Interview mit dem NDR erzählt ein Ex-Gefangener von der mangelnden psychologischen Betreuung. So werde 1/3 der Inhaftierten mit Psychopharmaka und 1/3 mit Spielekonsolen ruhiggestellt. Andere Häftlinge betreiben den ganzen Tag Kraftsport. Gefangene, die mit dem organisierten Nichtstun nicht zurecht kommen, betteln seiner Aussage teilweise regelrecht um Arbeit, wählen aber, wenn das wirkungslos bleibt, teilweise sogar den Selbstmord als Ausweg.

Nach derzeitigem Stand hat sich die Suizid-Rate vervielfacht. 2020 nahmen sich vier Gefangene das Leben, 2018 wurde kein Suizid festgestellt. Ähnlich sieht es bei den Suizid-Versuchen aus. Waren es 2018 noch 3 Suizidversuche, so waren es 2020 schon 11. Die Gefangenen berichten von einem unglaublichen Druck, der seit dem ersten Tag auf ihnen laste. Menschen mit hohen Haftstrafen würden damit konfrontiert, dass sie ihre Haftstrafe bis zum Schluss absitzen müssten – ohne die Aussicht auf vorzeitige Entlassung.

JVA-Beschäftigte werden mit Aussagen wie „Nerv mich nicht, wo deine Menschenwürde anfängt und wo sie aufhört“ gegenüber Häftlingen in Verbindung gebracht.
Die Pressestelle der Justizbehörde Hamburg schrieb in einer Stellungnahme, dass die „Stellenbesetzung im Justizvollzug sehr gut“ sei und dass alles „unbelegte und haltlose Vorwürfe“ seien.

Gefangenschaft macht krank!

Die Lage spitzt sich durch Corona nochmal erheblich zu: Falls ungeimpfte Insassen in Untersuchungshaft kommen, berichten sie, dass sie zunächst einmal 14 Tage in Quarantäne müssten. Soweit durchaus eine Behandlung, die einem Infektionsausbruch im gesamten Gefängnistrakt vorbeugen kann. In diesen 14 Tagen werden allerdings keinerlei persönliche Sachen ausgehändigt. Es werde schlicht 1 Unterhose  zugeteilt. Gleichzeitig darf man sich nur 1 x duschen. Sämtliche Maßnahmen würden mit dem Pandemie-Schutz begründet.

„Fakt ist, der Gefangene, der aus Santa Fu entlassen wird, ist hinterher gefährlicher, als vorher. […] der lernt nichts – der ist frustriert – der hat Hass – der hat Schulden, wenn er rauskommt. […]“, wertet ein Ex-Gefangener seine Zeit im Knast aus.


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