Es gibt ein immer größeres Interesse des deutschen Kapitals und Staats, sich unabhängig zu machen von den Ressourcen größerer Machtblöcke unter anderem von Russland. Dabei werden immer wieder moralische Argumente angeführt a la „Kein Gas von Diktatoren“. Doch die Entflechtung der Wirtschaft hat in Wahrheit wenig mit einer gefestigten westlichen Moral zu tun und viel mehr mit den Vorbereitungen eines dritten Weltkrieges. Ein Kommentar von Tabea Karlo

Mit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine haben die Konflikte auf der Welt zweifelsohne eine neue Eskalationsstufe erreicht, der nächste große Weltkrieg scheint auf ein Mal um Meilen näher als zuvor.

In vielen Fällen wird wenn vom dritten Weltkrieg gesprochen wird, vor allem der Einsatz kleinerer taktischer Nuklearwaffen gemeint. So bald die ersten wirklich massiven Nukleargeschütze genutzt werden, läge die Welt komplett in Schutt und Asche. Doch selbst die Nutzung dieser „kleinen“ Nuklearwaffen hätten massive Auswirkungen auf die Welt und ihre Bevölkerung.

Uns sollte bewusst sein, dass es in einer solchen Situation für uns kein Gewinnen gibt. Massive Teile der Arbeiter:innenklasse würden für die Neufaufteilung der Welt unter den Großmächten sterben. Ganz unabhängig davon, welche Staatenkombination am Ende gewinnt, würden auf allen Seiten Millionen und Abermillionen ihr Leben lassen. Das bedeutet, dass wir bereits jetzt gegen die Kriegstreiberei kämpfen müssen, bezogen auf die Ukraine und auf einen zukünftigen Weltkrieg.

Das bedeutet aber auch, dass wir sehr genau beobachten müssen, was in den letzten Wochen geschehen ist und in den kommenden noch geschehen wird. Wenn wir mit „moralischen“ Argumenten dazu gebracht werden sollen, uns auf die Seite des ein oder anderen Kriegstreibers zu stellen, oder Maßnahmen zu Lasten der Arbeiter:innenklasse hinzunehmen, dann müssen wir immer nach der eigentlich Motivation fragen.

Kriegsvorbereitungen bestehen nicht nur in der Bestellung von Waffen

So verhält es sich auch bei der Frage nach der Entflechtung der Weltwirtschaft. In den letzten Wochen sind immer wieder Sätze gefallen wie „Frieren für den Frieden“. „Wir“ als „Deutsche“ müssen uns schnellstmöglich unabhängig machen von russischem Gas. Doch dieses „Wir“ ist eine Farce. Im Endeffekt sind es wir, die arbeitende Bevölkerung und unsere Kinder, die unter dem Krieg am meisten leiden werden und nicht die Regierungschefs oder Chefetagen der Waffenkonzerne. Wir, als Arbeiter:innenklasse, haben kein Interesse am Krieg. Deshalb ist die Taktik, Russland möglichst stark ausbluten zu lassen auch nicht in unserem Interesse.

Fakt ist: Wir möchten keinen Weltkrieg und es ist nicht in unserem Interesse, die Vorbereitungen darauf zu unterstützen oder sich für sie instrumentalisieren zu lassen. Fakt ist aber eben auch, dass die Entflechtung der Weltwirtschaft genau eine solche Vorbereitung ist.

Um in einem Weltkrieg führen zu können oder zumindest eine Überlebenschance zu haben müssen sich Staaten heute nicht mehr nur militärisch vorbereiten. Viel mehr spielt sich ein großer Teil der Vorbereitungen für einen solchen Krieg heute im ökonomischen Sektor ab. Eben das zeigt sich heute bereits im Ukrainekrieg.

Deutschland will seine Abhängigkeit verringern

Der deutsche Staat kann nicht mitziehen bei Forderungen die Nachbarländer aus der EU aussprechen und hat einen großen Teil der Sanktionen gegen Russland in den vergangenen Wochen blockiert. Das liegt vor allem daran, dass man immer noch in einer Abhängigkeit zu Russland steht, vor allem was Erdgas betrifft.

Es ist also nicht zwangsläufig „unser“ Interesse sich vom russischem Gas zu lösen, denn tatsächlich dient diese Maßnahme nicht dazu, den Krieg in der Ukraine zu beenden. Es dient dazu, dass russische Kapital zu schwächen und sich ökonomisch unabhängig zu machen im Falle eines Weltkrieges.

Ökonomische Unabhängigkeit ist heute für das deutsche Kapital wichtiger als weitere Milliarden für die Bundeswehr. Es müssen nicht nur Soldaten und Militärgerät angeschafft werden, sondern auch die ökonomischen Ressourcen um die Gerätschaft bedienen zu können. Dabei handelt es sich um das Energiedepot aus dem sich das Militär bedient.

Wenn man den ökonomischen Sektor im Blick hat, dann sieht man, die Vorbereitungen für einen dritten Weltkrieg haben längst begonnen. Nicht nur Deutschland versucht sich unabhängig zu machen. Der gesamte Westen entkoppelt sich von Russland, aber eben auch von China.

“Energiepolitik ist Sicherheitspolitik”

„Energiepolitik ist mittlerweile Sicherheitspolitik und umgekehrt.“ so sagt es schon der bürgerliche Journalist Gabor Steingart in seinem Morning Briefing. Auch in den USA sind die Vorbereitungen in vollem Gange, sie haben auf Selbstversorgung umgestellt und sind heute der größte Öl- und Gasproduzent der Welt.

Biden der die Decoupling-Politik von Trump erst bekämpfte, hat sie nun übernommen. Vor allem im Hochtechnologiebereich gibt es praktisch ein Zusammenarbeitsverbot von amerikanischen und chinesischen Unternehmen. Auch Unternehmen in Partnerländern wie Deutschland drohen Sanktionen, wenn sie mit chinesischen Unternehmen zusammen arbeiten.

Im US-Senat wurde über einen 250 Milliarden Dollar Megaplan zur Finanzierung der wissenschaftlichen Forschung und zum Ausbau der Produktion von Spitzentechnologien abgestimmt. Dieser dient vor allem, um die Abhängigkeit von China zu reduzieren.

Auch Russland und China bereiten sich vor

Doch nicht nur der Westen möchte Unabhängigkeit, so ist der Krieg in der Ukraine ja vor allem ein geostrategischer Schachzug Russlands mit Blick auf den nächsten Weltkrieg gewesen. Konsequenter Weise bereitet sich Russland auch darüber hinaus auf die stärkere Konkurrenz zum Westen vor. Mit eigenem Internet, eigenem Zahlungsverkehr und einer Kundenstruktur, die weitgehend ohne die nordamerikanische und die europäische Hemisphäre auskommt.

China entkoppelt sich ebenfalls. Laut der “Financial Times“ haben die chinesischen Aufsichtsbehörden am 22. April eine Dringlichkeitssitzung mit in- und ausländischen Banken abgehalten. Dort wurde erörtert, wie sie im Ernstfall die Auslandsguthaben des Landes schützen könnten.

Insgesamt wird der Handel grade umgedacht. Just-in-time-Produktion und Outsourcing sind heute bedeutend für die Weltwirtschaft. Beides funktioniert nur unter der Voraussetzung des Friedens in bestimmten Regionen. Beides verliert mit den Kriegsvorbereitungen seine Funktionalität. Das sieht auch die deutsche Bank, in einer aktuellen Studie heißt es: „Unbequeme Abhängigkeiten in den Lieferketten müssen vor dem Hintergrund der geopolitischen Entwicklungen neu bewertet werden“.

Diese Entflechtungen des Westens, Chinas und Russlands sind nicht der Beginn der dritten Weltkrieges, aber sie zeigen uns, dass sich durchaus strategisch auf ihn vorbereitet wird. Um so stärker die Wirtschaftskreisläufe entflochten sind, um so schneller ist der Eintritt in einen nächsten großen Weltkrieg möglich.


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