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Sonntag, Mai 26, 2024
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    Afghanistan: Die Besatzer haben ein verhungerndes Land zurückgelassen

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    Nach dem Abzug der NATO-Truppen wird das ganze Ausmaß der enormen Abhängigkeit Afghanistans von den westlichen Geldgebern deutlich. Millionen im Land hungern, während Sanktionen und eingefrorene Auslandsdevisen des Staats die Situation verschärfen.

    Am 31. August 2021 verließen die letzten US-amerikanischen Bodentruppen Afghanistan, die Bundeswehr beendete ihren Einsatz sogar schon am 30. Juni 2021. Die NATO hat das Land, in dem sie knapp 20 Jahre lang Krieg geführt hatte, also vor ca. einem Jahr verlassen.

    Schnell wurde deutlich, dass nicht nur der korrupte afghanische Staat vollständig von den NATO-Staaten abhängig war, für die er als eine Art moderner Statthalter und demokratische Legitimation in dem Land fungieren sollte, sondern mit ihm auch die afghanische Wirtschaft zusammengebrochen ist.

    Die Besatzer nehmen Milliarden Dollar mit

    In einer ersten Reaktion auf die Machtübernahme der Taliban, die wohlgemerkt von allen NATO-Staaten schon seit Monaten oder Jahren eingeplant war, wurde ein großer Teil der vorher in das Land fließenden Entwicklungshilfe eingefroren. Der US-amerikanische Präsident Biden erließ außerdem ein Dekret, mit dem er etwa 9 Milliarden US-Dollar Auslandsvermögen des afghanischen Staats in den USA einfror und somit für die Taliban unerreichbar machte.

    3,5 Milliarden Dollar dieser 9-Milliarden-Dollar-Geisel sind die USA bereit, in Form von humanitärer „Hilfe“ nach Afghanistan zu schicken, weitere 3,5 Milliarden Doller jedoch sollen zurückgehalten werden, um mögliche Entschädigungszahlungen für die Angehörigen von Opfern des 11. Septembers daraus zu bestreiten.

    Die NATO-Staaten haben also nicht nur in großer Eile das Land verlassen, dem sie einst „Frieden und Demokratie“ bringen wollten, sondern darüber hinaus den ohnehin bitterarmen Staat Afghanistan enteignet – sozusagen als Abschiedsgeschenk an sich selbst.

    Afghanistans Wirtschaft ist am Boden – nicht erst seit dem Truppenabzug

    Viel dramatischer für das Land ist jedoch, dass die 20 Jahre NATO-Besatzung nichts an seiner bitteren Armut geändert haben. Ganz im Gegenteil: Das Pro-Kopf-Jahreseinkommen im Land hat sich von 650 US-Dollar im Jahr 2012 schon bis 2020 auf 500 US-Dollar reduziert, Schätzungen gehen davon aus, dass es im Jahr 2022 auf 350 US-Dollar sinken könnte.

    Dabei muss berücksichtigt werden, dass es sich um einen Durchschnittswert handelt, die Einkommensungleichheit aber massiv zugenommen hat, während das Land von der NATO besetzt wurde. Das heißt, Regierungsbeschäftigte, Militärangehörige und eine kleine Gruppe von Kapitalist:innen konnten ihr Einkommen enorm steigern, während ein großer Teil der Afghan:innen in Armut verblieb oder sogar noch ärmer wurde.

    Die noch tiefere Armut, in die das Land nun stürzt, hängt unmittelbar mit dem Truppenabzug und den politischen Konsequenzen zusammen. Nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) könnte sich die afghanische Wirtschaft bereits im letzten Jahr um 20-30% verkleinert haben.

    Das ist wenig überraschend, denn zuvor machte ausländische Hilfe 75% des Staatshaushalts aus und soll Schätzungen zufolge etwa 40% des gesamten Bruttoinlandsprodukts bestimmt haben.

    Der mit Abstand wichtigste Wirtschaftsfaktor neben dem Staatshaushalt war der Verkauf von Drogen, der jedoch offiziell illegal ist und daher nicht in den Statistiken auftaucht. Nichtsdestotrotz wurden im Jahr 2021 nach Schätzungen Drogen im Wert von 1,8 Milliarden bis 2,7 Milliarden Dollar ins Ausland exportiert. Dies ist ein größeres Wirtschaftsvolumen als alle „offiziellen“ Exporte aus dem Land zusammengenommen und könnte bis zu 14 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung ausgemacht haben.

    Etwa 20 Millionen Menschen akut von Hunger bedroht

    In Konsequenz dieser Entwicklungen jedenfalls wird die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung einhellig von allen Beobachter:innen als “katastrophal” eingeschätzt.

    Schon im Dezember 2021 schätzte das Welternährungsprogramm der UN, dass 22,8 Millionen Afghan:innen mangelernährt waren und sprach von 8,7 Millionen Menschen, die unmittelbar von Hunger bedroht seien. Die letzte Zahl hat sich im Juli 2022 auf 18,5 Millionen, also etwa die Hälfte der Bevölkerung erhöht. Jedoch können nach Angaben der UN-Organisation nur etwa 10 Millionen durch die Hilfsleistungen erreicht werden.

    Die Arbeitslosenquote unter Männern soll sich von 2019 mit 15,2% bis 2022 mit 29% nahezu verdoppeln.

    Afghanistan ist ein brutales Beispiel dafür, was Neokolonialismus heute bedeutet: Das Land, in dem sich Krieg, Besatzung und Bürgerkriege seit Jahrzehnten abwechseln – unter anderem, weil verschiedene Großmächte um die Kontrolle des Landes konkurrieren – war vollständig von den Geldgebern der NATO-Länder abhängig. Diese jedoch haben die Zahlungen weitgehend in dem Moment eingestellt, als sie ihre Truppen abzogen.

    Die milliardenschweren Hilfsleistungen kamen auch dieses Mal nicht aus Gutmütigkeit oder humanitärer Überzeugung, sondern vielmehr, weil die Besatzer sie als notwendigen Teil ihrer Aufstandsbekämpfungsstrategie gegen die Taliban sahen. Als diese endgültig gescheitert war, versiegte auch dieser Geldhahn.

    An diesem hatten sich ohnehin in erster Linie die korrupten Politiker:innen und Unternehmer:innen bedient. Transparency International kürte das Land kurz vor dem Abzug der NATO-Besatzer noch zum siebt-korruptesten Land der Welt.

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