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Sonntag, April 21, 2024
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    Der Film „RISE UP“ : Ein Manifest des Antikapitalismus

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    Am 27. Oktober, diese Woche Donnerstag, kam „RISE UP“ in die deutschen Kinos. Die Dokumentation des Filmteams „leftvision“ wurde in über 50 Städten aufgeführt. Die vier Filmemacher:innen möchten mit „RISE UP“ uns allen wieder Hoffnung und Mut geben, für „eine bessere Welt zu kämpfen“. Am Ende bleiben jedoch viele Fragen offen. – Eine Kritik von Fridolin Tschernig

    2018 veröffentlichte das Kollektiv seinen ersten großen Erfolg „Hamburger Gitter“. Diese Dokumentation über die Polizeigewalt und ihre Folgen auf dem G20- Gipfel 2017 wurde von über 30.000 Menschen im Kino gesehen und über 100.000 mal online angeklickt. Jetzt wollten die vier Regisseur:innen auf ihrem Erfolg aufbauen.

    Worum geht es?

    Der Film „RISE UP“ ist kein Spielfilm, obwohl mit großen und ergreifenden Bildern gearbeitet wird. Es ist vielmehr eine Dokumentation: Es gibt eine Erzählerin, die von ihrem tristen Leben, vom Leben aller Arbeiter:innen im Kapitalismus, berichtet. Sie zeigt die Unterschiede zwischen reich und arm auf, zeigt, wer durch die Ausbeutung von wem verdient und sich ein schönes Leben machen kann.

    Und dann kommen unsere fünf Protagonist:innen ins Spiel: Alle Fünf reden über ihre politischen Erfahrungen und darüber, was sie von der Zukunft erwarten. Dabei springen wir von Kali Akuno aus Los Angeles nach Chile zu Camila Caceres über Marlene Sonntag und Kurdistan bis zur Südafrikanerin Shahida und der Berlinerin Judith Braband. Sie alle soll eins verbinden: ein Bruch mit dem alten Leben hin zum antikapitalistischen politischen Aktivismus.

    Große Bilder und ergreifende Musik

    Die großen Stärken des Films sind aber nicht die politischen Argumentationen der Interviewten. Dafür sind sie viel zu verschieden und widersprechen sich deswegen auch meist. Die Regisseur:innen möchten uns Zuschauer:innen auf einem anderen Weg überzeugen: Die Atmosphäre.

    Sie war wie unter Strom gesetzt, als sie die Massenproteste der Chilen:innen live mitbekam, erzählt Camila Caceres. Das gleiche Gefühl möchte auch der Film bei uns schaffen, eine Sehnsucht nach einer „Erhebung“ in uns wecken.

    Hierzu stützt sich der Film auf Gesangseinlagen zu revolutionären Liedern aus tausenden Kehlen wie „El pueblo unido jamas será vencido“, auf unzählige Bilder von Großdemonstrationen wie den Protesten in der DDR ab 1989 oder ergreifende Reden und gewaltige, jubelnde Menschenmassen am Ende der Apartheid in Südafrika. Im Kontrast dazu werden immer wieder erschreckende Bilder von Polizeigewalt wie zu G20 gezeigt oder die fortgeschrittene Klimakrise mit brennenden Wäldern festgehalten.

    Die Impressionen vom Optimismus und dem Feiern der Massen auf den Straßen wird als Konsequenz eines freiheitlichen Gefühls erklärt. Denn nur der Kampf gegen dieses unfreie System von immer wiederkehrender Unterdrückung, Krieg und Krise, bedeute wirkliche Freiheit. Sich nicht den Ungerechtigkeiten und der Gleichgültigkeit hingeben – das ist der wahre befreiende Akt, so der Film und die Interviewpartner:innen.

    Widersprüchliche Perspektive und viele offene Fragen

    Wie schon angedeutet, verbindet die Protagonist:innen zwar ihr Optimismus, aber gerade die Frage nach ihrer Perspektive, wo es politisch hingehen soll, steht oft im Widerspruch zu den Perspektiven der Anderen. So scheint das Zusammenschneiden und das Zusammenbringen einzelner Interview-Abschnitte nur oberflächlich zu passen, die einzelnen Sequenzen wirken doch stark aus dem Kontext gerissen.

    Viel mehr als die Mission, dass man sich „erheben“ müsse, ohne dabei jedoch die Form oder das Ziel einer solchen „Erhebung“ zu konkretisieren, kommt bei uns Zuhörer:innen nicht an. Gerade eine historische Einordnung der gezeigten Bewegungen wie 2018 in Chile und „Revolutionen“ wie in der DDR hätte mehr Klarheit geschaffen.

    Und das ist auch, was man aus dem Film mitnimmt: ein Gefühl sich politisch bewegen zu müssen, aber ohne konkretes Ziel. Für mich ist dieser Film ein Manifest des „Antikapitalismus“: Er kritisiert und zeigt die Probleme des Kapitalismus auf, zeigt, dass man sich dagegen wehren muss und wie schön und erfüllend es sein kann, sich dagegen zu erheben. Aber zu oft wird das Sich-Wehren zum Selbstzweck, die klaren Ziele und Perspektiven fallen hinten runter und man wehrt sich nur noch, um sich halt zu wehren, sozusagen als Mittel der Selbstverwirklichung.

    • Seit 2022 Autor bei Perspektive. Schreibt als Studierender aus Sachsen insbesondere internationalistisch über die Jugend, Antimilitarismus und das tagespolitische Geschehen. Vorliebe für Gesellschaftsspiele aller Art.

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