Seit Anfang Dezember ist der Film “Farha” weltweit auf der Streaming-Plattform Netflix zu sehen. Zionistische Politker:innen schäumen vor Wut über die Darstellung der ethnischen Säuberung Palästinas. Doch auch aus anderen Gründen lohnt es sich, den Film anzusehen. – Eine Rezension von Mohannad Lamees.

Das 14-jährige Mädchen Farha lebt in einem fiktiven palästinensischen Dorf zwischen malerischen Olivenhainen, Feigenbäumen und in die Felsen gebauten Steinhäusern. Doch am liebsten möchte Farha das Dorf so schnell wie möglich verlassen – ihr großer Wunsch ist es, in der Stadt auf eine Schule zu gehen, sich zu einer Lehrerin ausbilden zu lassen und irgendwann zurückzukehren, um im Dorf eine Mädchenschule zu errichten. Um sich diesen Wunsch zu erfüllen, widerspricht Farha auch dem Dorfscheich und ihrem eigenen Vater, dem Dorfbürgermeister.

Die Regisseurin Darin J. Sallam beginnt ihren ersten Spielfim mit einer liebevollen Darstellung des Kampfes eines palästinensischen Mädchens gegen die patriarchalen, dörflichen Verhältnisse in den 1940er Jahren. In den ersten Minuten des Film freuen wir uns mit Farha, denn ihr Wunsch scheint in Erfüllung zu gehen: Ihr Vater lässt von dem Plan ab, Farha im Dorf zu verheiraten und schreibt sie auf der Schule ein. Doch nur wenige Minuten später ist diese anfängliche Freude vergessen, denn die Geschichte über Farha ist – so wie die vieler anderer Palästinenser:innen – eine Geschichte über Vertreibung, Mord und Trauer.

Der Film macht uns zu Zeug:innen

Ein jähe Detonation beendet den ersten Teil des Film. Im Dorf bricht Panik aus, viele Bewohner:innen versuchen sich in Sicherheit zu bringen: Zionistische Milizen greifen an. Farha entschließt sich, bei ihrem Vater, der das Dorf verteidigen will, zu bleiben. Als das Dorf bereits von den Zionist:innen umzingelt wird, drängt der Bürgermeister seine Tochter in eine Speisekammer seines Hauses und verschlägt die Tür von außen mit Brettern – Farha solle so in Sicherheit warten, bis er sie wieder aus dem Versteck befreie. “Ich komme wieder”, sagt der Bürgermeister zum Abschied, als er sich mit seinem Gewehr bewaffnet auf den Weg zum Kampf gegen die zionistischen Milizen macht.

Sallam gelingt es, das Warten von Farha auf ihren Vater für uns Zuschauer:innen auf bedrückende Art und Weise nachfühlbar zu machen. Wir erleben die Vertreibung und Ermordung der Palästinenser:innen, die “Nakba” (arabisch, “Die Katastrophe”), aus der ohnmächtigen Abgeschiedenheit des Verstecks Farhas mit. Wir sehen Sonnenstrahlen durch die Ritzen im Holz der Tür. Wir hören immer wieder Gewehrsalven, durch Lautsprecher verzerrte Aufrufe der Milizen und das Schreien der Dorfbewohner:innen. Wir warten tage- und nächtelang vergeblich auf die Rückkehr des Vaters. Aber wir überleben.

Ein Hoffnungsschimmer ist schließlich das Auftauchen einer palästinensischen Familie im Innenhof unmittelbar vor der verriegelten Tür. Doch als auch hier die zionistischen Milizen und ein arabischer Kollaborateur auftauchen, werden wir – wie Farha – stumm Zeug:innen davon, wie die palästinensische Familie hingerichtet wird. Am Ende kommt Farha aus dem Versteck frei. Doch nichts kann uns darüber hinwegtäuschen, dass ihre Trauer und Wut ein Leben lang anhalten werden.

„Farha“ erzählt wahre Geschichten

Eine der wichtigsten Informationen zum Verständnis des Films erhalten wir zu Beginn, genau genommen sogar vor dem eigentlichen Beginn. Bereits im Vorspann heißt es, dass der Film durch wahre Begebenheiten inspiriert wurde. In Interviews hat Darin J. Sallam, die nicht nur Regie führte sondern auch das Drehbuch schrieb, erläutert, dass „Farha“ auf den Erzählungen einer Freundin ihrer Mutter beruhte. Es ist wichtig, genau das zu wissen: Auch wenn die 15-minütige Darstellung der Hinrichtung der palästinensischen Familie von israelischen Spitzenpolitiker:innen wie Avigdor Liebermann als Lüge und Diffamierung der israelischen Armee bezeichnet wird, bleibt sie doch eine realistische Abbildung der ethnischen Säuberung Palästinas rund um die Staatsgründung Israels.

Unzählige solcher Bilder wie die aus “Farha” sind bis heute im Gedächtnis der Palästinenser:innen geblieben. Doch Zionist:innen versuchen immer wieder, solche Darstellungen von der Brutalität und Gewalt rund um die Errichtung des Staates Israel zu unterdrücken. Insofern ist es durchaus erstaunlich, dass ein Unternehmen wie Netflix einen Film wie „Farha“ zeigt.*

Zwar kennen viele Palästinenser:innen ähnliche Darstellungen und Geschichten aus den Erzählungen ihrer Großeltern, den minutiösen Arbeiten des Historikers Walid Khalidi oder den Kurzgeschichten des Autors Ghassan Kanafani. Einem größeren Publikum, vor allem im Westen, dürfte die palästinensische Erzählung über “die Nakba” aber neu sein.

Weder „Farha“ noch Palästina haben ein Happy End genommen

Schlussendlich können wir in “Farha” mehr sehen als nur eine historische Begebenheit. Denn die gleiche Ideologie und der gleiche nationalistische Drang der Zionist:innen sorgen auch heute noch dafür, dass fortwährend Palästinenser:innen durch israelische Soldat:innen, Polizist:innen und Faschist:innen ermordet werden. Der Hass, der im Film durch die Morddrohung an den Kindern der palästinensischen Mutter zum Ausdruck kommt, ist der gleiche Hass wie der, mit dem israelische Gefängniswärter:innen der Kämpferin Khalida Jarrar 2021 verboten haben, an der Beerdigung ihrer Tochter teilnehmen zu dürfen.

Polizeimord auf offener Straße im besetzten Palästina

Die Gleichgültigkeit der Zionist:innen gegenüber palästinensischem Leben, die uns im Film gezeigt wird, ist die gleiche, wie diejenige, mit der im Frühjahr die Journalistin Shireen Abu Akleh durch einen israelischen Scharfschützen hingerichtet wurde. Die “Nakba”, die uns im Film aus der Sicht von Farha gezeigt wird, ist nicht vorbei, sondern geht für die Palästinenser:innen jeden Tag weiter.

Das ist auch der Grund, warum wir uns nicht verleiten lassen dürfen, das Erscheinen und Ansehen des Films als Zeichen für einen sich anbahnenden palästinensischen Sieg über den seit über 100 Jahren andauernden Siedlungskolonialismus zu feiern. Der Film wird nur dann ein Erfolg sein, wenn wir aus ihm die Inspiration und Motivation für einen internationalistischen Kampf gegen die Ursache von Vertreibung, Mord und Krieg schöpfen.

* Hinweis: Um den Film von Deutschland aus sehen zu können, müssen die Spracheineinstellungen des Streaming-Dienstes auf Englisch gesetzt werden.

  • Mohannad Lamees, geboren in Karl-Marx-Stadt, lebt mittlerweile in Berlin-Neukölln, schreibt seit Sommer 2022 für Perspektive Online, kritisiert oft die bürgerliche Doppelmoral und berichtet regelmäßig über Befreiungskämpfe gegen den Imperialismus in Deutschland und auf der ganzen Welt. Hobbys: Fußball und Arbeiter:innenlieder


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