Momentan erlebt Großbritannien eine der größten Streikwellen seit Jahrzehnten, darunter fallen unter anderem immer wieder Streiks im Gesundheitssektor. Am 28. Dezember rufen tausende Mitarbeiter des Gesundheitsdienstes National Health Service (NHS) zu einem 24-Stunden-Streik auf.

Am 21. Dezember traten Beschäftigte des britischen Rettungswesen in den größte Streik innerhalb Großbritanniens seit 30 Jahren. Die Beschäftigten des Gesundheitssektors kündigten an 24 Stunden lang zu streiken. Darunter fielen etwa 25.000 Tausend Arbeiter:innen des Gesundheitsdienstes NHS, inklusive Rettungsfahrer:innen, Techniker:innen und Mitarbeitende von Leitstellen und Notaufnahmen.

Die Standpunkte im Konflikt könnten kaum unterschiedlicher sein. Die Gewerkschaft fordert einen deutlichen Lohnzuwachs oberhalb der Inflation. Diese lag in Großbritannien im November zuletzt bei 10,7 Prozent. Gesundheitsminister Barclay bietet den Streikenden jedoch nur vier Prozent an und weigerte sich zuletzt über mehr zu verhandeln.

Dabei verweist die Regierung auf eine Tarifkommission die weniger empfahl als die Gewerkschaften fordern. Zusätzlich bekräftigte der Premierminister Rishi Sunak in der “Daily Mail“ den Entschluss seines Kollegen. Im aktuellen Finanzjahr sei dafür kein Geld da.

Gewerkschaften: Eventuelle Todesfälle gehen auf das Konto der Regierung

Darüber hinaus äußerte sich Barclay in der konservativen Zeitung „Telegraph“, dort warf er den Gewerkschaften vor sich bewusst entschieden zu haben Patient:innen zu schaden. Die Notfallpläne des NHS sähen vor, dass nicht mehr alle Notrufe bearbeitet werden. Die Regierung organisierte einige hunderte Soldat:innen die bei den Streiks als Fahrer:innen aushelfen sollen, nur für die Krankentransporte und nicht bei Notfällen. Außerdem riet die Regierung während der Zeit der Streiks von Kontaktsport, unnötigem Autofahren und Alkoholkonsum ab.

Die Gewerkschaft weißt die Vorwürfe entschieden als “irreführend” zurück und wirft Barclay im “im schlimmsten Fall vorsätzliche Panikmache“ vor. Akute Notfälle würde man auch während der Streiks versorgen, allerdings sei der britische Rettungsdienst auch ohne diese überlastet. Die Wartezeiten für Rettungswägen wäre häufig deutlich länger als vorgesehen. Tatsächlich liegen die Wartezeiten für den Rettungsdienst deutlich über der vorgesehenen Zeit. In Fällen von Lebensgefahr sollen die Wagen innerhalb von sieben Minuten vor Ort sein, momentan dauert es fast zehn.

Die Gewerkschaftschefin der GMB Rachel Harrison, nennt Barclays Worte eine “Beleidigung” für die Beschäftigten im Rettungsdienst. Die momentane Lage würde diese zum Streik „zwingen“, da die Regierung in den letzten Jahren nicht auf sie gehört habe. Ich die Generalsekretärin der Gewerkschaft Unison Christina McAnea, wirft der Regierung vor “völlig unverantwortlich“ zu handeln. Sollte es zu Todesfällen auf Grund der Streiks kommen, dann seien diese vor allem Schuld der Regierung.

Auch die Gewerkschaft Unite, die Rettungswagenbesatzungen vertritt, zeigt sich in ihrer Haltung konsequent. Man wolle der Regierung zeigen, dass man eine Verschlechterung der Löhne nicht zulässt. Zu den Ratschlägen der Regierung, die Menschen sollten Kontaktsportarten zu Zeiten des Streiks eher meiden, äußerte sich die Generalsekretärin Sharon Graham kritisch.

Es ginge in den Streiks um die langfristige Sicherheit der Patient:innen. Wenn die Regierung Leuten wegen des Streiks davon abrate, Fußball zu spielen, dann sollte sie diese Warnung eigentlich 365 Tage im Jahr ausgeben – so fatal sei die Lage des Notfalldienstes.

Massenkündigung und Bettenabbau

Bis zum Juni 2022 verließen rund zehn Prozent aller dort angestellten Rettungssanitäter:innen den NHS. Laut einer Umfrage würde sich rund ein Viertel einen anderen Job suchen, wenn sich die Möglichkeit dazu ergibt. Insgesamt fehlen dem NHS momentan rund 3000 Rettungssanitäter:innen.

Die Problematik verschärft sich durch Engpässe in anderen Bereichen. So kommt es für die Ambulanzen mit Patient:innen an den Krankenhäusern häufig zu langen Wartezeiten, weil keine Betten frei sind. Der NHS hat fast 25.000 weniger Betten als noch vor zehn Jahren.

Der Berufsverband Royal College of Emergency Medicine äußerte bereits im Sommer, dass mindestens 13000 zusätzliche Betten nötig sind um das Problem in den Griff zu bekommen. Der nächste Streik für den 28. Dezember im Rettungsdienst ist bereits angekündigt.

Dies sind nicht die ersten Streiks im Pflegesektor. Vor einigen Tagen streikten zehntausende Pflegekräfte und Klinikpersonal des NHS. Für die Gewerkschaft des Pflegepersonals RCN war es der erste Streik in der 106-jährigen Gewerkschaftsgeschichte. Auch in anderen Berufsgruppen in Großbritannien wird gerade um höhere Löhne gekämpft: Am Freitag streikten die Grenzbeamten, von Weihnachten an Bahnbeschäftigte und auch die Postangestellten streiken seit Monaten immer wieder.

Massenstreiks in Großbritannien


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