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Samstag, März 2, 2024
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    Bankenpleiten in den USA: Kann ein Finanzcrash abgewendet werden?

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    Gleich drei Bankenpleiten innerhalb einer Woche haben in den USA zu massiven Börsenturbulenzen und Unsicherheiten an den Finanzmärkten geführt. Massive Subventionen durch den Staat scheinen die Lage kurzfristig stabilisiert zu haben, doch eine Ausweitung der Krise deutet sich an.

    Mit der Pleite der Silicon Valley Bank (SVB) kam es vergangenen Freitag zur Insolvenz der größten Bank in den USA seit der Finanzkrise 2008. Die Silicon Valley Bank war die sechszehngrößte Bank der USA.

    Zur ihrer Zahlungsunfähigkeit hatten offenbar mehrere verschiedene Faktoren geführt. Konkreter Anlass jedoch war ein sogenannter “bank run”: Mehrere Kunden der Bank hatten offenbar in einem sehr überschaubaren Zeitfenster versucht, ihr bei der Bank angelegtes Geld zu erhalten. Ausgelöst worden war dieser Andrang durch Gerüchte, dass die finanzielle Situation der Bank möglicherweise nicht stabil sei.

    Am 8. März hatte die Bank bekanntgegeben, Wertpapiere im Wert von 21 Milliarden US-Dollar verkauft zu haben und sich 15 Milliarden US-Dollar geliehen zu haben, um Abhebungen durch ihre Kunden finanzieren zu können. Diese Ankündigungen führten am nächsten Tag zu einem Massenandrang auf die Einlagen bei der Bank, sodass insgesamt 42 Milliarden US-Dollar an einem Tag abgehoben wurden.

    Diese Summe konnte die SVB nicht begleichen, da sie wie alle Banken im Kapitalismus keinesfalls nur eigenes Kapital verleiht, sondern auch das Kapital, das von anderen Kunden bei ihr als Einlage hinterlegt wurde.

    Die Bank ist seit ihrer Gründung in den 1980er-Jahren auf so genannte Start-Up-Unternehmen als Kunden spezialisiert. Start-Ups sind Unternehmensneugründungen, die versuchen, eine bestimmte Geschäftsidee zu Geld zu machen. Anfänglich sammeln sie dafür vor allem viel Kapital von risikofreudigen Anleger:innen ein und verbrauchen dieses, ohne erst einmal Gewinne zu erwirtschaften. Die Anleger:innen hoffen darauf, dass der Wert des Unternehmens steigt und zielen darauf ab, ihre Anteile zu einem späteren Zeitpunkt gewinnbringend zu verkaufen.

    Die SVB war also auf einen ganz besonders riskanten Kundenstamm spezialisiert und hatte sich im Silicon Valley angesiedelt, wo viele der heute führenden Tech-Unternehmen der USA ihren Sitz haben, die in den 2000er-Jahren als Start-Ups begonnen hatten.

    Da die SVB zum Zeitpunkt ihrer Pleite eine Bilanzsumme von 212 Milliarden US-Dollar verwaltete , rief die Nachricht von der Zahlungsunfähigkeit am vergangen Freitag schnell die kalifornische Finanzbehörde (DFBI) auf den Plan, die die Bank nach Prüfung der Bücher kurzerhand schloss und in eine sogenannte “bridge bank” umwandelte, also eine Übergangslösung, die das Vermögen der insolventen Bank verwalten soll, bis ein Käufer gefunden ist.

    Über das Wochenende berieten die amerikanischen Finanzbehörden dann über die Situation und verkündeten am Sonntag, dem 12. März, dass alle Kunden der Bank ihr Geld zurückerhalten würden, auch diejenigen, deren Einlagen nicht versichert seien. Der Schritt erfolgte offenbar, um eine Verschärfung der Situation zu verhindern und einen Dominoeffekt zu vermeiden, bei dem Unternehmen und Privatpersonen aus Sorge vor einer Massenpleite von Banken auch an anderen Banken ihre Einlagen abheben würden.

    An den Börsen führte dieser Vorgang zu massiven Turbulenzen, da viele Aktionär:innen aus Angst vor einem großen Crash ihre Anteile abstießen. Mittlerweile scheint sich die Lage zunächst sowohl in Europa als auch in den USA wieder stabilisiert zu haben. Fraglich ist jedoch, wie nachhaltig diese Stabilisierung wirkt.

    Ursachen der Pleite

    Oberflächlich wurde die Pleite der SVB vor allem durch zwei Faktoren ausgelöst.

    Erstens hatte sich die Bank im Jahr 2021, als die Leitzinsen sowohl in den USA als auch in der EU auf einem historischen Tiefstand waren, entschieden, langfristig angelegte Wertpapiere wie Staatsanleihen zu kaufen. Diese waren zu diesem Zeitpunkt verhältnismäßig beliebte Investitionsoptionen für Kapitalisten, die sich eine gewisser Sicherheit von ihnen versprachen, auch wenn die Zinsen auf diese Staatsanleihen sehr gering ausfallen.

    Nachdem die US-Zentralbank “Fed” den Leitzins nun in mehreren Schritten in diesem und im letzten Jahr angehoben hat, haben diese Wertpapiere jedoch massiv an Wert verloren, da andere Anlageoptionen – relativ gesehen – höhere Profite versprechen.

    Allein dies hat zu massiven Verlusten für die SVB geführt, da die Wertpapiere in ihrem Besitz, die sie als Sicherheiten hielt, massiv an Wert verloren. Diese Bank ist dabei bei weitem nicht die einzige, der es so ergeht: 2022 betrug die Summe derartiger Verluste bei allen amerikanischen Banken 620 Milliarden US-Dollar.

    Zweitens ist hier die Krise in der Tech-Branche zu nennen, aus der ein Großteil der Kunden bei der SVB stammten. Nach enormen Gewinnen in den drei Pandemie-Jahren (2020-2022) hatte der Aktienkurs vieler dieser Unternehmen etwa Mitte des Jahres 2022 einen Höhepunkt erreicht und ist seitdem wieder steil abgefallen.

    Zahlreiche dieser Unternehmen wie z.B. auch Amazon oder Microsoft haben als Konsequenz bereits tausende Stellen gestrichen. Zuletzt hatte der Facebook- und Instagram-Konzern Meta am Dienstag 10.000 Entlassungen angekündigt.

    Die sinkenden Aktienkurse und steigenden Zinsen für Kredite machen es für diese Unternehmen schwerer, an zusätzliches Kapital zu kommen. Im Ergebnis stieg auch hier der Drang, das bei der SVB angelegte Geld abzuheben.

    Zudem erlaubt die allgemeine Unterordnung des Staats unter die Oberschicht der Kapitalist:innenklasse Banken wie der SVB eine starke Einflussnahme auf die Politik. Dass die betroffenen Banken von Behörden nicht genauer beobachtet wurden, war kein Zufall. Greg Becker, der Vorstandsvorsitzende der SVB, setzte sich vor einigen Jahren bei den US-Behörden für eine Anhebung der Schwelle ein, ab der Banken als systemrelevant eingestuft werden.

    Bei einer systemrelevanten Bank handelt es sich um ein Finanzinstitut, dessen Ausfall eine Finanzkrise auslösen könnte. In den USA sind diese Banken strenger reguliert und werden genauer beobachtet, weswegen es ihnen schwerer fällt, risikoreiche Geschäfte durchzuführen. Die SVB hatte gerade die 50-Milliarden-Dollar-Grenze für systemrelevante Banken überschritten, als Becker auf die Änderung drängte. Damit hatte er auch Erfolg, der Schwellenwert wurde 2018 von 50 Mrd. USD auf 250 Mrd. USD an Vermögenswerten angehoben. Als die SVB letzte Woche zusammenbrach, hatte sie bereits Vermögenswerte in Höhe von 209 Milliarden Dollar.

    Wie weiter?

    Auch wenn die Börsen scheinen sich kurzfristig wieder beruhigt zu haben, ist die Lage an den Finanzmärkten in den USA ohne Zweifel ernst, das zeigt die Reaktion der staatlichen Institutionen ganz deutlich. Nicht nur, dass die kalifornische Finanzbehörde allen Anleger:innen der SVB garantiert, ihre Anlagen seien sicher. In einem nächsten Schritt kauft die Fed nun ihre eigenen Staatsanleihen zu Preisen, die weit über dem Marktwert liegen, zurück.

    Banken wie die SVB, die in eine Schieflage geraten sind, können also ihre stark entwerteten Wertpapiere weit über dem gesunkenen Marktpreis abstoßen, indem sie diese einfach an den Staat zurückgeben – als Garantien für milliardenschwere Kredite, mit denen sie ihre Kunden ausbezahlen sollen. Faktisch bedeutet das eine massive staatliche Subvention der Banken, bei der die Verluste verstaatlicht und somit auf die US-amerikanische Arbeiter:innenklasse abgewälzt werden.

    Tech-Konzerne: Massenentlassungen gehen weiter

    Die Führungsriege der Bank hat hingegen mit keinen größeren Problemen zu rechnen. Kurz vor ihrem Kollaps hatte die SVB noch Jahresboni ausgezahlt. Die hochrangigen Mitarbeiter der Bank hatten sogar noch wenige Stunden vor der Schließung durch die US-Regierung Leistungsprämien erhalten. Auch der Vorstandsvorsitzende der SVB, Greg Becker, verkaufte Aktien des Unternehmens im Wert von 3,6 Millionen Dollar, weniger als zwei Wochen, bevor das Unternehmen seine riesigen Verluste bekannt gab. Dieses Geschäft war das erste Mal seit über einem Jahr, dass Becker Aktien der Muttergesellschaft SVB Financial Group verkaufte.

    Wie lange die Stabilisierungsmaßnahmen in den USA helfen, bleibt jedenfalls abzuwarten. In der letzten Woche konnten wir bereits einen kleinen Dominoeffekt aus Bankenpleiten erleben, denn der Pleite der SVB war diejenige der Silvergate Bank vorausgegangen, die stark in Krypto-Währungen wie Bitcoin investiert hatte. Und auf die Insolvenz der SVB folgte am vergangenen Sonntag die Pleite der Signature Bank.

    Fakt ist, dass die Kapitalknappheit – also die Unfähigkeit, an Geld zu kommen, um das eigene Geschäft auszuweiten -, die momentan vor allem in der Tech-Industrie zutage tritt, ein typisches frühes Merkmal für einen Kriseneinbruch in der Wirtschaft ist.

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