Das Statistische Bundesamt hat seine Zahlen korrigiert: Die Reallöhne sollen im vergangenen Jahr nicht nur um 3,1 Prozent, sondern sogar um 4 Prozent gesunken sein. Doch wie wird eigentlich der Reallohn berechnet? Was ist der Verbraucherpreisindex? Und wie wirkt sich das auf unsere Klasse aus? – Ein Kommentar von Tabea Karlo.

In einer Studie des Statistischen Bundesamtes wurde vor einer Weile die Senkung der Reallöhne im Jahr 2022 festgestellt. Das letzte Jahr 2022 ist das dritte Jahr in Folge, in dem die Reallöhne in Deutschland absanken. Jetzts musste das Bundesamtn seine Zahlen sogar nochmals nachbessern: Ursprünglich war es von einer Senkung der Reallöhne um 3,1% ausgegangen. Nachdem festgestellt wurde, dass die Erhöhung der durchschnittlichen Nominallöhne jedoch nur rund 2,6 statt 3,5% betrug, musste die Rechnung nach unten korrigiert werden. Die Senkung der Reallöhne liegt somit im Gegensatz zum Vorjahr bei 4%. – Das ist der stärkste Rückgang seit Beginn der Zeitreihe 2008, teilte die Behörde mit.

Viele von uns haben zwar eine vage Vorstellung von Begriffen wie Reallohn, Nominallohn und verschiedenen Prozentsätzen, jedoch fällt es uns oft schwer, diese mit der Realität in Verbindung zu bringen oder kritisch zu hinterfragen. Das liegt nicht etwa an unserer fehlenden Fähigkeit, einfache ökonomische Begrifflichkeiten zu verstehen, sondern vielmehr daran, dass diese Statistiken nicht primär für eine kritische Betrachtung oder Untersuchung durch die breite Bevölkerung konzipiert sind.

Wenn dies nicht geschieht, bleibt das Wissen über die tatsächliche Entwicklung der Preise und deren Belastung für die Arbeiterklasse beim Staat oder den Konzernen mit eigenen Statistiker:innen. Das erleichtert es ihnen, Forderungen nach höheren Löhnen zurück zu weisen oder Rufe nach Entlastung der Arbeiterklasse zu ignorieren.

Aus diesem Grund werden wir in diesem Artikel gemeinsam untersuchen, was Reallohnsenkungen sind und in welchem Maße sie uns betreffen.

Reallohn – Was ist das?

Der Begriff Nominallohn bezeichnet das tatsächliche Gehalt, das ausgezahlt wird, in Zahlen. Allein dadurch lässt sich noch kein Rückschluss auf die Kaufkraft – also darauf, was sich Arbeiter:innen dadurch leisten können – ziehen. Der Reallohn hingegen bezeichnet das Verhältnis des Nominallohns zu den Warenpreisen. Dafür wird der durchschnittliche Nominallohn durch den sogenannten Preisindex geteilt. Diese Art der Berechnung soll dann etwas klarer zeigen, wie sich die Löhne entwickeln und was sich Menschen in einem Land zum gleichen Zeitpunkt dafür leisten können.

Es ist durchaus möglich, dass die Reallöhne sinken, obwohl die Nominallöhne steigen, und zwar zum Beispiel dann, wenn die Lebenserhaltungskosten schneller ansteigen als die Nominallöhne. Im April wurde der gesetzliche Mindestlohn in Deutschland z.B. auf 13 Euro angehoben. Das bedeutete eine Nominallohnerhöhung für viele Menschen aus dem Niedriglohnsektor. Zeitgleich sind die allgemeinen Warenpreise, insbesondere für Waren des täglichen Gebrauchs, weiterhin hoch, ebenso wie die Inflation. Das sorgt dafür, dass sich Arbeiter:innen in Deutschland heute trotz eines höheren Lohns weniger leisten können – es ist also eine sogenannte Reallohnsenkung.

In der Theorie könnte der Reallohn uns ermöglichen, den Lebensstandard, den sich die Arbeiter:innenklasse leisten kann, näher zu betrachten und ihn besser ins Verhältnis beispielsweise zu anderen Einkommen zu setzen. In der Praxis ist die Formel zur Berechnung allerdings von bürgerlichen Ökonom:innen so aufgestellt worden, dass sie nur einen Bruchteil der Reallohnentwicklung zeigt. So können bewusst die verschärften Bedingungen für den ärmeren Teil der Bevölkerung verschwiegen werden, und die Reallohnsenkungen scheinen weniger dramatisch als sie sind.

Reallohnberechnung zu Gunsten der Reichen

Den Reallohn kann man erst einmal für jede einzelne Person berechnen, indem man das Nominaleinkommen durch den Verbraucherpreisindex teilt. Die Zahlen, die man dazu in den Zeitungen findet, sind jedoch mit dem Durchschnittslohn berechnet. Dieser zählt auch die am besten verdienenden Teile der Bevölkerung mit, sodass ein verzerrtes Bild darüber entsteht, was ein Großteil der Bevölkerung tatsächlich verdient. Zum einen wäre es wissenschaftlicher, an dieser Stelle zumindest den Median zu nutzen, also das tatsächliche mittlere Einkommen. Zum anderen ergibt es insgesamt wenig Sinn, den Reallohn über die gesamte Bevölkerung zu rechnen, da die Unterschiede zwischen den Löhnen enorm sind.

Der zweite Punkt betrifft die Nutzung des sogenannten “Verbraucherpreisindexes”: Der Verbraucherpreisindex misst die durchschnittliche Preisentwicklung aller Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte für Konsumzwecke kaufen, also nicht für den Weiterverkauf. Darunter fallen zum Beispiel Nahrungsmittel, Bekleidung und Kraftfahrzeuge ebenso wie Mieten, Reinigungsdienstleistungen oder Reparaturen.

Auch an dieser Stelle wird wieder der Durchschnitt herangezogen. Darüber hinaus wird nicht in Rechnung gestellt, dass der “Warenkorb”, also die Grundlage zur Berechnung des Indexes, für ärmere und reichere Menschen – sofern man das Ganze wissenschaftlich und realitätsnah betrachten möchte – nicht derselbe sein kann. Schon in der Vergangenheit wurde immer wieder festgestellt, dass Menschen unterschiedlicher Klassen und unterschiedlicher Schichten der selben Klasse, ein ganz anderes Konsumverhalten an den Tag legen und legen müssen.

Eine diesbezügliche Studie des “Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung” (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung kam im Januar 2023 so zu dem Ergebnis, dass Familien sowie Alleinlebende mit einem niedrigen Einkommen rund 10% mehr zahlen als im Januar 2022 und damit am stärksten von den Teuerungen betroffen sind. Für deutsche Haushalte insgesamt betrugen die Teuerungen 8,7%. Alleinlebende mit einem sehr hohen Einkommen zahlten sogar nur rund 7,4 Prozent mehr als im letzten Jahr.

Das liegt zum einen daran, dass Gas, Strom, Heizöl und Nahrungsmittel die stärksten Preistreiber waren und sind. Diese fallen jedoch bei den Ausgaben ärmerer Haushalte sehr stark ins Gewicht. Dagegen machen sie bei Haushalten mit hohem Einkommen einen kleineren Anteil des Warenkorbs aus. Zum anderen haben Menschen mit niedrigerem Einkommen auch weit weniger Spielraum, um ihr Konsumverhalten zu verändern. Wer nur das kauft, was er oder sie benötigt, hat nicht die Möglichkeit, auf viel zu verzichten.

Zusätzlich unterliegt die Zusammensetzung des Warenkorbs letztlich dem Statistischen Bundesamt und kann auch durch dieses angepasst werden. Anfang diesen Jahres wurde zum Beispiel entschieden, dass Heizenergie eine geringere Rolle in der Berechnung einnehmen soll. Im Endeffekt bedeutet das eine Manipulation der Zahlen zu Gunsten derjenigen, deren Warenkorb nicht zuvorderst von solchen Kosten bestimmt wird.

Im Endeffekt kann man den Reallohn zwar durchaus als Orientierungswert nutzen, sollte sich dabei allerdings bewusst machen, dass er aus der bürgerlichen Volkswirtschaftslehre kommt und daher starke Begrenzungen eingeschränkte Aussagekraft hat. Es ist davon auszugehen, dass die tatsächlichen Kaufkraftverluste unserer Klasse im letzten Jahr bei wesentlich mehr als nur bei 4% lagen. Weiterhin ist das Statistische Bundesamt in seinen Berechnungen von einer Inflation von nur 6,9% ausgegangen und von einer Lohnerhöhung von 2,6% – alles Zahlen, die für einen großen Teil unserer Klasse so nicht zutreffen.

  • Hier berichtet die Perspektive-Redaktion aktuell und unabhängig

  • Studentin aus dem Ruhrpott und seit Mitte 2017 bei Perspektive. Politisiert über antifaschistische Proteste, heute vor allem in der klassenkämperischen Stadtteilarbeit aktiv. Berichtet Schwerpunktmäßig über den Frauenkampf und soziale Fragen.


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