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Mittwoch, April 17, 2024
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    Greenwashing bei HeidelbergCement

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    Der zweitgrößte Zementproduzent der Welt, „HeidelbergCement“, will nach eigenen Angaben bald nur noch „klimaneutral” produzieren. Dafür plant das Unternehmen, CO2 in Gestein zu verpressen und erhält dafür Unterstützung von Grünen-Wirtschaftsminister Robert Habeck, der zuvor noch dagegen war. Bei der Hauptversammlung am Donnerstag gab es Protest.

    Die “HeidelbergCement AG” will ihre Zementproduktion in Zukunft unabhängiger von international umkämpften fossilen Energien gestalten. Auf der Jahreshauptversammlung der Aktionäre am Donnerstag, den 11. Mai 2023, trat das Unternehmen bereits als “HeidelbergMaterials” auf und hat auch schon ein grünes Blatt im Logo. Zudem kündigt das Dax-Unternehmen an, Zement ab 2030 nur noch „Net-Zero“ herzustellen. Doch schnell wird deutlich: der Konzern hat nur einen grünen Anstrich. Unter der Oberfläche brodelt es gewaltig.

    Net-Zero“ ist ein extrem vager Begriff, der lediglich eine Art Gleichgewicht zwischen verursachten Emissionen auf der einen Seite und vermiedenen Emissionen auf der anderen Seite bedeutet. Zu dessen Erreichung setzt HeidelbergCement in kapitalistischer Manier nicht auf ein Weniger, sondern produziert mehr und sucht lieber nach Technologien, um die Symptome ihrer Ausbeutung von Mensch und Natur zu minimieren.

    Als „innovativ“ hebt der Vorstandschef mehrere Male die Methoden CCS (Carbon-Capture and Storage, also CO-Speicherung) und CCU (Carbon-Capture and Usage, also CO-Nutzung) hervor. Mit diesen Methoden soll CO₂ irgendwo in der Natur in Gestein gepresst werden. HeidelbergCement sieht dafür beispielsweise Island als geeignet an.

    Gewinne und Klimaschutz

    Was nur leise erwähnt wird: Die Zementindustrie ist schuld an 8% der weltweiten CO-Emissionen. Das ist doppelt so viel, wie ganz Afrika emittiert und fast das Dreifache des Flugverkehrs. Trotzdem spielt die Zementindustrie in der öffentlichen Debatte in Deutschland keine große Rolle. Speziell die HeidelbergCement AG kann sich weiterhin nach außen als „grünes“ Unternehmen darstellen, obwohl es der deutsche Konzern mit dem zweitgrößten CO-Ausstoß ist, direkt nach RWE.

    Statt als Politik der veralteten, rohstoffintensiven Industrie Druck zu machen, unterstützt die EU Zementkonzerne sogar mit kostenlosen Emissionszertifikaten. Erst im Januar besuchte Wirtschaftsminister Robert Habeck einen der über 3.000 Standorte des Unternehmens. Dort stellte er – jetzt Teil der Bundesregierung – fest, nun doch für die Einspeisung von CO₂ in Gestein zu sein. Noch als Landespolitiker in Schleswig-Holstein hatte er sich klar dagegen positioniert, als über eine mögliche CO₂-Speicherung vor der deutschen Küste nachgedacht wurde. Das war erst vor gut zehn Jahren.

    Die gesamte Branche hat in den vergangenen Jahren durch die kostenlosen Zertifikate mehrere Milliarden Euro zusätzlichen Gewinn erzielt. Allein HeidelbergCement machte im Geschäftsjahr 2022 nach eigenen Angaben 21,2 Mrd. Euro Umsatz. Die Überschüsse lagen bei 258 Mio. Euro, wovon ca. 80 Mio. Euro direkt an die Anteilseigner, die Aktionäre, fließen werden.

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    Aktionäre erwarten Plan für Afrika

    Natürlich verdient das Unternehmen besonders stark an der Ausbeutung anderer Nationen. Auf der Hauptversammlung wurden Projekte in Bulgarien, Litauen und Indonesien ebenso wie in Nordamerika hervorgehoben. Als einer der Aktionäre fragt: „Wie stellen Sie sich Afrika denn vor?“, antwortete der Vorstandschef unter anderem mit „farbenfroh“. Afrika sei ein „emerging market“ (dt: Schwellenland) und daher sehr interessant.

    So ist das Unternehmen seit 1984 in Togo aktiv und betreibt dort drei Werke, ein weiterer Standort ist Ghana. Laut “aktion Bleiberecht” steht der Konzern seit über 35 Jahren mit der Herrscherfamilie Gnassingbé in Verbindung. Hand in Hand profitieren sie von der Unterdrückung der togolesischen Arbeiter:innen und der Ausbeutung der Natur.

    Laut der “Diaspora Togolaise Allemagne” (DTA) würden Arbeitszeiten nicht eingehalten, Überstunden und der Mindestlohn von 35.000 CFA (53 € im Monat) oft nicht bezahltArbeiter, die protestieren, würden entlassen. Viele seien nicht an den Nationalen Sozialversicherungsfonds angeschlossen, die meisten hätten keinen Arbeitsvertrag, so die DTA über HeidelbergCement.

    Zudem gehe der Kalkabbau einher mit der Zerstörung der Vegetation, was zum Verschwinden heimischer Tierarten führe. Es komme zur Vernichtung archäologischen, kulturellen und historischen Erbes, beispielsweise heiliger Teiche und Wälder, ritueller Stätten und traditioneller Gräber, so ein togolesischer Forscher.

    Dieselben Praktiken von Unterdrückung und Ausbeutung wiederholen sich aktuell in Indonesien, Palästina und der Westsahara. In den beiden letztgenannten Fällen macht es sich HeidelbergCement besonders leicht, indem es auf – von anderen Nationen besetzten – Gebieten billig Steinbrüche betreibt. Deshalb kam es am Tag der Hauptversammlung zu einer Protestaktion außerhalb des Gebäudes durch “Fridays For Future Heidelberg”, zusammen mit “Watch Indonesia” und palästinensischen Solidaritätsgruppen.

    Arbeiter:innen kommen auf der Versammlung nicht vor

    Immer wieder werden auf der Versammlung auch gestellte Fotos von durchtrainierten Männern in Arbeitskleidung gezeigt, wie sie im Kreis stehen und wahlweise bei Schnee oder Sonnenschein in die Kamera posieren. Ansonsten finden die über 53.000 Arbeiter:innen des Unternehmens die ganze Veranstaltung über keine Erwähnung.

    Nein, nicht ganz: Zweimal werden den „Mitarbeitern“ des Konzerns „liebe Grüße“ von Großaktionären ausgerichtet. Der Vorstandsvorsitzende, Dr. Dominik von Achten, nickt beide Mal eifrig, so als ob er ganz genau wisse, dass der gesamte Umsatz von den Arbeiter:innen erwirtschaftet wurde und die Übergewinne, der jetzt in Boni und Dividenden fließen, eigentlich deren Lohn gewesen wäre.

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