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Mittwoch, Mai 22, 2024
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    “Ich möchte, dass die Deutsche Bank die Verantwortung für das übernimmt, was sie mir angetan hat.”

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    Seit Jahren kämpft Matilde “Mati” Marquez Cuesta in Madrid gegen die “Deutsche Bank”. Ihre Tochter hatte dort einen Kredit aufgenommen, diesen jedoch aufgrund massiver Zinssprünge und Arbeitslosigkeit nicht mehr bezahlen können. Daraufhin pfändete die Bank das Haus der Tochter – und das bereits abbezahlte Haus von Marquez Cuesta. Anschließend wurden die Wohnungen an einen Immobilienspekulanten verkauft, die beiden Frauen stehen vor dem Verlust ihrer Bleibe. – Ein Interview über das Vorgehen der Deutschen Bank in Spanien und die Solidarität, die Mati bisher erfahren hat.

    In Spanien leben nur 24 Prozent der Bevölkerung zur Miete und 76 Prozent der Menschen in selbstgenutztem Wohnraum – darunter auch viele Arbeiter:innen. So auch Matilde “Mati” Marquez Cuesta. Als Tochter andalusischer Emigranten, die auf der Flucht vor Großgrundbesitz und Armut nach Madrid kamen, begann sie an dem Tag, an dem sie 14 Jahre alt wurde, in einer kleinen Näherei zu arbeiten. In einem Bericht der Nachbarschaftsgewerkschaft “Assamblea de Carabanchel” heißt es: “Ein Leben lang arbeitete sie in einem so harten und schlecht bezahlten Sektor wie der Reinigungsbranche, ein Leben lang arbeitete sie zu Hause und kümmerte sich um ihre ganze Familie. Diese Bereitschaft, sich zu kümmern, führte dazu, dass sie den Kauf des Hauses ihrer eigenen Tochter mit ihrem Haus verbürgte.” In dem Interview erzählt Mati die Geschichte, wie es dazu kam, dass sowohl sie als auch ihre Tochter nun vor dem Wohnungsverlust stehen. Diese Geschichte diente sogar als Inspiration für den Spielfilm “En los Margenes”. Ein Sprecher der Deutschen Bank erklärte gegenüber Perspektive Online, sich zu dem Fall nicht äußern zu dürfen. Grundsätzlich suche man im Verzugsfall “immer das Gespräch, um mit dem Kunden oder der Kundin Lösungen zu finden”. Um solch eine Lösung kämpft Mati nun seit mehreren Jahren.

    Mati bei einem Protest
    Bitte beschreiben Sie Ihren Konflikt mit der Deutschen Bank. Wie ist er entstanden?

    Der Konflikt mit der Deutschen Bank begann, als meine Tochter und ihr Mann 2006 bei dieser Bank ein Hypothekendarlehen für den Kauf eines Hauses beantragten. Die Bank forderte eine Bürgschaft, und ich als Mutter bürgte für 20% – und zwar mit meinem eigenen Haus. Das hatte ich bereits abbezahlt und es war frei von irgendwelchen Hypotheken. Ich hätte nie gedacht, dass ich es verlieren könnte.

    Zu Beginn der Hypothek zahlten sie 700 Euro pro Monat, die sie bequem bezahlen konnten, da sie beide Arbeit hatten. Die Wahrheit ist, dass man, wenn man eine Hypothek unterschreibt, sich nicht immer über all die Konsequenzen im klaren ist. Mit dem, was wir heute wissen, hätten wir sicher ganz anders gehandelt.

    Der Zinssatz war variabel und stieg alle 6 Monate dramatisch an, bis meine Tochter irgendwann 1.600 Euro pro Monat zahlen musste. Wir waren in großer Not, um diese Hypothek zu bezahlen, ich half ihnen monatlich mit 500 Euro von meinem Gehalt und mir blieb fast nichts für den ganzen Monat.

    Meine Tochter wurde arbeitslos, und sie und ihr Mann ließen sich schließlich wegen der vielen Probleme scheiden. Irgendwann konnten wir uns die Zahlungen an die Deutsche Bank nicht mehr leisten, und wir mussten die fatale Entscheidung treffen, die Zahlungen einzustellen. Die Deutsche Bank hat die beiden Häuser schnell versteigert, ich glaube, sie haben nicht einmal gewartet, bis wir drei Raten nicht bezahlt haben. Aus diesem Grund haben wir eine Klage wegen der vorzeitigen Fälligstellung gewonnen, die eine missbräuchliche Klausel darstellte.

    Wie ist der aktuelle Stand Ihres Falles?

    Die aktuelle Situation ist, dass die Deutsche Bank die beiden Häuser in einem Kreditportfolio an einen Investmentfonds namens “Menorca Debt Holdings Dac” verkauft hat. Wir nennen diese „Fondo buitre“ („Geierfonds“, Anmerkung der Redaktion).

    Wir haben, wie ich schon sagte, einen Prozess gewonnen, und sie haben uns Recht gegeben. Der Richter hat unseren Fall zu den Akten gelegt. Ich dachte, sie würden uns noch eine Chance geben, aber weit gefehlt – der Fonds hat den Fall vor einem anderen Gericht eröffnet, und sie haben ihn zugelassen.

    Die Gesetze hier gelten nur für die Stärkeren, und sie haben gewonnen. Jetzt wollen sie, dass wir beide Häuser übergeben – also das Haus meiner Tochter und mein eigenes, das ich als Bürgschaft gab aber vollständig abbezahlt ist. Ich weigere mich total, meine Tochter sagt, dass sie das Haus übergeben würde, aber dass sie mir meins lassen sollen. Sie wollen mir nicht einmal eine Sozialmiete ermöglichen. Noch wohnen wir aber in den Wohnungen.

    Wie beurteilen Sie politisch und moralisch das Verhalten und die Rolle der Deutschen Bank in Ihrem Fall?

    Die Deutschen Bank hat überhaupt keine Moral. Sie wollten mich nie einfach die 20% zahlen lassen, für die ich gebürgt habe, weil sie nur die Häuser wollten. Ich habe sie angefleht, ich habe geweint, ich weiß nicht wie oft, ich habe eine anerkannte Behinderung aufgrund der heftigen Depressionen, die ich bekam, als sie mir mein Haus wegnahmen, und es war ihnen völlig egal.

    Was haben Sie in dieser Situation getan, wer hat Sie unterstützt und was sind Ihre Forderungen?

    Angesichts einer so herzzerreißenden Situation und einer Depression, die chronisch geworden ist, muss ich lebenslang Medikamente nehmen. Aber ich habe nie aufgegeben. Zuerst sind meine Tochter und ich allein zur Bank gegangen, aber sie haben uns nicht beachtet, bis ein Nachbar mir von der Stadtteilgewerkschaft in Carabanchel erzählt hat. Da habe ich die Hilfe gefunden, die ich brauchte, da waren mehr Leute wie ich, ich war nicht mehr allein, die Unterstützung, die ich damals hatte und immer noch habe, gibt einem die Kraft, weiterzumachen.

    Ich kämpfe nun schon seit 11 Jahren, ich bin von wunderbaren Menschen umgeben, die mich stützen. Von Zeit zu Zeit gehen wir zur Deutschen Bank, sie sind immer da, ich bin nie allein.

    Diese Bank ist verantwortlich für das, was mir passiert ist, und obwohl ein Fonds unsere Häuser besitzt, sind sie diejenigen, die mein Leben zerstört haben.

    Sie hätten mein Haus nicht einfach an einen Fonds verkaufen dürfen, wie sie es getan haben, da bin ich mir sicher. Ich möchte, dass die Deutsche Bank die Verantwortung für das übernimmt, was sie mir angetan hat. Sie haben selbst eingeräumt, dass die 20 %, für die ich eine Bürgschaft übernommen habe, fast bezahlt waren, aber leider ist das Haus verkauft worden, das haben sie mir bei unserem letzten Treffen gesagt.

    Wie können Menschen und Organisationen in Deutschland Sie unterstützen?

    Ich möchte, dass die Menschen und Organisationen in Deutschland wissen, welchen irreparablen Schaden diese Bank mir und vielen anderen Familien zugefügt hat.

    Jetzt liegt der Fall beim Verfassungsgericht, und das ist das Letzte, was getan werden kann, das hat mir der Anwalt gesagt. Ich hoffe nur, dass die Person, die den Fall übernimmt, etwas mehr Zeit hat. Ich danke Ihnen vielmals für alles.

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