An diesem Wochenende fanden gleich zwei Konzerte von Rammstein statt. Vor dem ersten Konzert am Samstag gab es Gegenprotest, wie zuvor in München. Perspektive Online hat sich vor Ort mit Marlene Gernot von der “Internationalen Jugend” über den Protest, seine Bedeutung und die klassenkämpferische Perspektive unterhalten. – Ein Interview

In den letzten Monaten gab es viel medialen Wirbel um Vorwürfe patriarchaler Gewalt gegen Till Lindemann und die gesamte Band Rammstein. In diesem Kontext hat das Bündnis „Keine Show für Rammstein“ in Berlin vor einem Konzert der Band diesen Protest organisiert. Wie sah der Protest aus und worum ging es inhaltlich?

Der Protest heute war eine Demonstration mit anschließender Kundgebung direkt vor dem Olympia-Stadion in Berlin. Wir protestierten hier gegen das Rammstein-Konzert, das heute stattfinden wird, und gegen die kommenden Konzerte in Berlin.

Gegen Till Lindemann wurden ja mehrere Vorwürfe geäußert. Unter anderem soll er seine Position als Rockstar und Idol von Tausenden Fans vor allem anderem gegenüber jungen weiblichen Fans, ausgenutzt haben und bei Aftershowparties mit ihnen Sex gehabt haben. Nach Aussagen der Betroffenen seien dabei auch Drogen eingesetzt worden, um sie komplett willenlos und gefügig zu machen. Wir protestieren deshalb heute!*

Um den Frontsänger Lindemann soll ein ganzes System von After-Show-Partys etabliert worden sein, mit einer Angestellten, die Frauen nach Lindemanns Vorlieben auswählte. Und trotzdem gibt es auch Solidaritätskampagnen wie #justiceforTill von einigen Fans, die Verkäufe der Alben und Hörerzahlen sind noch einmal in die Höhe geschossen. Was hältst du von den Fans, die heute hier zum Konzert gehen?

Rein persönlich kann ich es nicht nachvollziehen, hier noch auf so ein Konzert zu gehen. Trotzdem muss man hier unter den Fans noch unterscheiden. Wahrscheinlich sind ein großer Teil der Leute hier ihrem Idol Till Lindemann sehr ähnlich, was patriarchales Denken angeht. Diese Leute können wir wahrscheinlich mit dem Protest nicht mehr abholen. Ich denke, hier sind auch Leute, die einfach nicht wissen, wie sie mit diesen Vorwürfen umgehen sollen. Das wird einem in dieser Gesellschaft ja auch nicht beigebracht, das Thema wird auch öffentlich nicht wirklich thematisiert oder angeschnitten.

Ich habe vor kurzem ein Interview gesehen, wo Leute gefragt wurden, warum sie trotzdem noch auf das Rammstein-Konzert gehen. Die meinten, sie fänden das schon schlecht, was Lindemann gemacht hat, aber sie wollen die Kunst vom Künstler trennen. Ich glaube, dass schon viele Rammstein-Fans solche Argumente verwenden. Und mit genau solchen Leuten sollte man sich in Kontakt setzen und ihnen aufzeigen, welches System dahinter steht – das Patriarchat, und dass es sehr wichtig ist, eben dagegen zu kämpfen, auch wenn man die Musik von Rammstein mag.

In München hat sich Lindemann getraut, zu sagen, dass jeder Sturm bis jetzt vorüber gezogen sei und es diesmal auch so sein werde. Es scheint so, als ob er sich mit seinen Anwälten, die auch Luke Mockridge verteidigt haben, ganz schön sicher ist. Die Band Rammstein hatte deswegen auch öffentlich ein Statement abgegeben, bei denen sie ihre Fans dazu aufrief, sie nicht vorzuverurteilen und auf die Gerichtsverhandlungen zu warten. Was denkst du darüber?

Es ist sehr wichtig, Betroffenen von sexualisierter Gewalt – unabhängig von Gerichtsurteilen – zu glauben und sich mit ihnen zu solidarisieren. Die Justiz steht nicht auf der Seite von uns Frauen, sondern auf der Seite der Täter. Deshalb nehmen wir den Kampf gegen das Patriarchat selbst in die Hand.

Welche Bedeutung hat es für dich als Frau, hier öffentlich auf diesem Gegenprotest gegen das Rammstein-Konzert zu sein, der sich auch gleichzeitig mit den Opfern solcher sexualisierten Gewalt solidarisiert?

Das hat natürlich eine große Bedeutung für mich, denn so ziemlich jede Frau, die ich kenne, wurde schon mal Opfer von sexualisierter Gewalt. Deswegen stehe ich hier heute auch – nicht nur wegen den Opfern von Lindemann, sondern für meine Freundinnen, meine Genossinnen, meine Verwandten und eigentlich allgemein jede Frau auf dieser Welt.

Als kleines Fazit: Wie fandest du den Protest heute und was denkst du, kann man aus ihm lernen?

Ich finde, der Protest war sehr kämpferisch. Es gab eben Parolen wie „Ob heute oder später – keine Show für Täter!“, „Fight the power, fight the system – gegen Rammstein und Sexisten!“, „Welle auf Welle, Schlag auf Schlag, gegen Kapitalismus und Patriarchat!“ oder „Clara Zetkin wusste schon – ohne Frauen keine Revolution!“. Dadurch wurde auf jeden Fall klar, warum wir heute hier sind. Nichtsdestotrotz wurde dieses Thema manchmal so behandelt, als ob wir sexualisierte Gewalt auch im Kapitalismus durchaus nachhaltig bekämpfen könnten.

Also zum Beispiel wurde die Reformierung der Musikbranche gefordert. Darüber müssen wir aber hinaus gehen und mit Losungen gegen den gesamten Kapitalismus und das Patriarchat auftreten und nicht nur bei kleinen Auswüchsen davon deren Behebung fordern. Wenn wir also wirklich nachhaltig gegen sexualisierte Gewalt vorgehen wollen, dann denke ich, müssen wir die Zusammenhänge verstehen und dann den Schritt tun, uns in einer sozialistischen Organisation zu organisieren.

*Till Lindemann weist die gegen ihn erhobenen Vorwürfe von sich. Seine Anwälte verweisen auf “Behauptungen” in sozialen Netzwerken, Frauen seien bei Konzerten “mithilfe von K.-o.-Tropfen oder Alkohol betäubt worden, um unserem Mandanten zu ermöglichen, sexuelle Handlungen an ihnen vornehmen zu können. Diese Vorwürfe sind ausnahmslos unwahr”. In Berlin ermittelt die Staatsanwaltschaft.


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