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Donnerstag, Mai 30, 2024
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    Müttererwerbstätigkeit nimmt weiter zu – meist in Teilzeitjobs

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    Das Statistische Bundesamt teilte am Mittwoch die neuesten Ergebnisse über die Elternerwerbstätigkeit in Deutschland mit. Das Fazit: Immer mehr Mütter arbeiten – das meist in Teilzeitjobs. Ein Erfolg für die Emanzipation der Frau oder doppelte Ausbeutung? – Ein Kommentar von Elodie Fischer.

    Im vergangenen Jahr arbeiteten 69% der Mütter von minderjährigen Kindern in Deutschland. Seit dem Jahr 2005 ist die Erwerbstätigkeit von Müttern um 9 Prozentpunkte gestiegen. Auch der Prozentsatz der erwerbstätigen Väter stieg im selben Zeitraum von 88 auf 92%, allerdings weniger stark.

    Doch was bedeuten diese Zahlen?

    Gewalt und finanzielle Abhängigkeit

    Ein eigenes Einkommen ist für Frauen oft überlebensnotwendig. Denn die finanzielle Abhängigkeit vom Partner erschwert das Entkommen z.B. bei häuslicher Gewalt. So wurde 2022 vom Bundeskriminalamt ein Anstieg der häuslichen Gewalt in Deutschland von 8,5% gegenüber dem Vorjahr verzeichnet. Janina Isabel Steinert, Professorin für Global Health, sieht darin einen Zusammenhang mit den Preisexplosionen und den angestiegenen finanziellen Nöten in der Bevölkerung. Ist der Anstieg der Erwerbstätigkeit von Müttern also die Lösung und ein Schritt in Richtung Emanzipation der Frau?

    Es darf nicht der Fehler gemacht werden, die Erwerbstätigkeit von Frauen mit finanzieller Unabhängigkeit vom Partner gleichzusetzen. Insbesondere mit der Inflation im letzten Jahr – aber auch schon in den Jahren zuvor – ist der Lohn des Mannes in den meisten Fällen schlichtweg nicht ausreichend, um die Familie zu ernähren.

    Es ist schon lange nicht mehr so, dass der allein erwerbstätige Vater einen “Familienlohn” erhält, der für alle reicht. Der Lohn, der notwendig ist, um eine Familie zu ernähren, wird mittlerweile auf zwei Arbeitende, traditionell Mutter und Vater, aufgeteilt und somit gesenkt. Indem der Kapitalismus die Mütter auf den Arbeitsmarkt drängt, werden die Löhne aller niedriger. Die Erwerbstätigkeit der Frau reicht also häufig gerade mal dazu aus, die Existenz der Familie weiterhin zu sichern. Hier kann noch nicht von finanzieller Unabhängigkeit gesprochen werden.

    Die Arbeit hört zu Hause nicht auf

    Zusätzlich ist ein Großteil der arbeitenden Mütter, wie die Statistik zeigt, in Deutschland in Teilzeit-Jobs tätig. Sie verdienen somit meist weniger als ihr in Vollzeit arbeitender Partner.  Häufig sind es die Mütter in den Familien, die zu Hause die Aufgaben der Kinderbetreuung, der Sorgearbeit z.B. für alte Eltern und der Hausarbeit übernehmen. Diese Arbeiten sind mit einem Vollzeitjob kaum vereinbar. Zur Lohnarbeit, der immer mehr Mütter nachgehen, kommt also die zusätzliche unbezahlte Arbeit zu Hause. Daran, dass es meist Frauen sind, die diese Arbeit zu Hause übernehmen, wird das gesellschaftliche Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen deutlich, von dem Männer profitieren – das Patriarchat.

    Während der Kapitalismus Mütter also auf den Arbeitsmarkt zwingt, um den Lohn zu senken, drängt das Patriarchat sie ins Haus, um Kinderbetreuung, Sorge- und Hausarbeit zu übernehmen. Auf diese Weise erfahren sie eine Doppelbelastung. Die Lösung dafür kann nicht sein, Mütter zu veranlassen, ihre Arbeit aufzugeben – denn dann landen sie in finanzieller Abhängigkeit von ihrem Partner. Auch Vollzeit-Stellen bieten keine Lösung für bereits überlastete Mütter. Stattdessen müssen wir dieses System, das Frauen doppelt ausbeutet, überwinden und mit gesellschaftlichen Angeboten wie Kinderbetreuung oder Kantinen die Arbeitslast der Frau zu Hause senken. Die als “privat” abgewertete Hausarbeit muss endlich zur gesellschaftlichen Aufgabe werden.

    • Perspektive-Autorin seit 2023, politisiert über Palästina-Aktivismus. Schreibt vor allem über Frauen- und Arbeiter:innen-Kämpfe. Studiert und arbeitet im Kulturbereich in Berlin, gibt gerne Buchempfehlungen.

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