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Samstag, Februar 24, 2024
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    „Das Sprechen über «die Anderen» formt das «Wir»“ – Eine Rezension von „Die Erfindung des muslimischen Anderen“

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    Durch die bürgerlichen Medien und Politik wird uns gegenwärtig wieder Angst vor Muslim:innen und dem Islam gemacht. Wie können wir diesen anti-muslimischen Rassismus verstehen und bekämpfen? Das Buch „Die Erfindung des muslimischen Anderen“, 2021 bei Unrast erschienen, versucht Antworten zu geben. – Eine Buchrezension von Johann Khaldun.

    Aktuell läuft der Teutone wieder Sturm gegen „den Moslem“. Der ‘furor teutonicus’ (Zorn der Deutschen), auf den die Faschist:innen rund um die AfD seit Jahren schon bauen, wurde dieses Mal vom Widerstand des palästinensischen Volkes gegen seine Kolonisierung ausgelöst. Die Gewalt gegen Muslime steigt an und bürgertreue Kirchenmänner hetzen offen gegen den Islam, während die AfD in ein Erfolgsjahr startet. Es ist daher wichtig, sich wissenschaftlich mit den Quellen und Formen des anti-muslimischen Rassismus zu beschäftigen, um Aufklärung und Widerstand gegen diese Entwicklung leisten zu können.

    Die Veröffentlichung des Buches „Die Erfindung des muslimischen Anderen: 20 Fragen und Antworten, die nichts über Muslimischsein verraten“ – 2021 durch den Verband binationaler Familien und Partnerschaften bei Unrast herausgegeben – verdient daher unsere Aufmerksamkeit. Kann es uns bei der Entfaltung einer revolutionären Praxis, die die Wurzeln des anti-muslimischen wie jedes anderen Rassismus auszureißen vermag, helfen?

    Subtile und neue Formen des Rassismus

    Es kann Menschen, die nicht selbst von Rassismus betroffen sind, oft schwerfallen, subtile Formen der Diskriminierung zu erkennen. Denn längst nicht in jedem Fall drückt sich der Rassismus direkt in Worten aus. Schon Aimé Césaire hat in „Über den Kolonialismus“ auf diesen Wandel in der imperialistischen Ideologie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hingewiesen. Offener Rassismus ist seitdem schwerer zu verbreiten, da seine völkermörderischen Konsequenzen offen zutage treten. Ein Verdienst des hier besprochenen Buches besteht schon einmal darin, auf diese weniger direkten, subtilen und neuen Formen des anti-muslimischen Rassismus aufmerksam zu machen.

    Wenn beispielsweise in den Nachrichten beim Thema “häusliche Gewalt” Frauen mit Kopftuch oder beim Thema “Terror” vornehmlich Bilder von Arabern gezeigt werden (S. 76f), wenn in Fernsehserien wie “4 Blocks” oder “Dogs of Berlin” ein unheimliches Bild arabischer Clan-Kriminalität erzeugt wird, dann handelt es sich um medial vermittelten Rassismus. „Auch heute noch sind exotisierende und naturalisierende Orientbilder in Wissenschaft, Kunst und Kultur eingehegt. Die Darstellungen des Fremden, Exotischen und Gewaltvollen werden in den Massenmedien der Republik platziert und wirken für den hegemonialen Blick natürlich“ (S. 45). Aber auch nur scheinbar kleine Gesten, wenn z.B. eine Mutter ihr Kind fester bei der Hand nimmt, wenn ein als Moslem interpretierter Mann vorbeiläuft, vermitteln Rassismus (S. 76f).

    Um nur zwei besonders verzwickte Formen des anti-muslimschen Rassismus, wie sie im Buch gut erfasst werden, aufzuzeigen: Der Islam wird in der bürgerlichen Ideologie in der Regel als seinem Wesen nach schwulen-feindlich dargestellt (im folgenden Rekapitulation von S. 78 – 81). Damit werden zwei Zwecke verbunden: zum einen wird die Aggression gegen Muslim:innen, ebenso wie Kriege und Ausbeutung gerechtfertigt. Zum anderen wird damit „der Westen“ selbst als einzigartig liberal gegenüber Homosexualität gedacht. Tatsächlich aber ist es die europäische Geschichte und in bedeutendem Umfang auch noch Gegenwart, die sich durch Homofeindlichkeit auszeichnet. Dagegen galt Schwulsein in der muslimischen Tradition als gottgegeben.

    Aber gerade, weil Homosexualität in Europa eben nicht allgemein anerkannt und akzeptiert ist, kann hier auch der sogenannte „Homo-Nationalismus“ entstehen: Hierbei zeigen sich einige Schwule als besonders islamfeindlich, um sich auf diesem Wege die gesellschaftliche Anerkennung zu holen, die ihnen ansonsten verwehrt wird.

    Auch Feminismus wird von der imperialistischen Ideologie herangezogen, um ihre Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse zu rechtfertigen: „Kolonialherrschaft wurde häufig über Frauenrechte zu legitimieren versucht“ (S. 57). Das treffendste Beispiel hat uns zuletzt die zwanzig Jahre währende Besatzung Afghanistans geboten: Nachdem die Besatzung unter dem reaktionären Widerstand, den sie selbst erzeugt hat, zusammengebrochen war, waren die Frauen Afghanistans schnell gemeinsam mit der eigenen imperialen Schmach der Niederlage vergessen. Dennoch lassen sich immer wieder auch fortschrittliche Kräfte durch dieses zynische ideologische Manöver in die Zwecke der Herrschenden einspannen. „Sexismuskritik an muslimischen Geschlechterordnungen wird dabei kaum als Rassismus wahrgenommen, weil sie sich mit einer positiv besetzten Norm der westlich konnotierten sexuellen Freiheit verbindet.“ (S. 58).

    Freilich, damit wird nicht behauptet, dass der Islam keine Homofeindlichkeit oder kein Patriarchat kenne. Er kennt beides, so wie es auch die christlich-europäische Tradition prägt. Nur darf sich eine Kritik daran weder zur Reinwaschung von der eignen Schuld, noch zur Apologie (Verteidigungsrede) für imperialistische Herrschaft hergeben. Lässt man sich doch dazu verleiten, schlägt es fortschrittlichen Absichten ins Gesicht: es werden eben jene Verhältnisse, für deren Überwindung man zu kämpfen meint, reproduziert und global gestärkt.

    Der Ursprung des neueren anti-muslimischen Rassismus

    Aber wie kam es dazu, dass der Islam zum neuen Hauptfeind der Imperialisten aufstieg? Die Autor:innen Anna Sabel und Özcan Karadeniz  des hier vorgestellten Buchs argumentieren, dass sich für „den Westen“ mit dem Ende des Kalten Krieges die Frage nach der Rechtfertigung des eigenen Imperialismus neu stellte. Der alte Feind des Kommunismus, so wenig dieser auch noch in der späten Sowjetunion verankert gewesen sein mag, war scheinbar besiegt. Es fand dann eine Neuinterpretation des Islam statt, der nun weniger als Religion und mehr als Ideologie, vor allem als politische Gefahr interpretiert wurde (S. 20). Damit ging auch eine Ethnisierung des Islams einher, d.h. Muslimischsein wird seitdem in der bürgerlichen Ideologie vor allem auch mit bestimmten Herkunftsländern verbunden. „Der Türke“ oder „die Araberin“ sind jetzt identisch mit „den Muslimen“. Zugleich wurde der Begriff des Muslim mit negativen Bestimmungen aufgeladen: fremd, nicht-integrierbar, fundamentalistisch und so weiter.

    Speziell in Deutschland verband sich dieser Prozess mit dem der „Wiedervereinigung“. Die neue deutsche Identität wurde vor allem auch dadurch hergestellt, dass ein gemeinsames Anderes identifiziert und ausgeschlossen wurde. Der Islam „übernahm die Funktion des äußeren Anderen, in dessen Angesicht sich das vereinte Deutschland seiner selbst gewiss sein durfte“ (S. 22f). Damit geht auch eine grundsätzlich unterschiedliche Behandlung der so bestimmten Gruppen einher: „Während die Verfehlungen „Herkunftsdeutscher“ individuelle Entgleisungen darstellen, sind die Vergehen der „Anderen“ kulturell bedingte Laster“ (S. 44f). Das Resultat: „Im öffentlichen Sprechen ist wie selbstverständlich kontrastierend von Deutschen und „Muslim:innen“ die Rede, so als wären diese Identitätsmerkmale miteinander unvereinbar“ (S. 20).

    An den Grenzen des bloß Theoretischen

    So feinsinnig und einsichtsvoll einzelne Analysen des Buches sind, so sehr verschließt es sich gegenüber einer breiterer Leserschaft. Die Analysen fußen auf der postmodernen Theorietradition mit ihrem eigentümlichen Jargon und Denkformen. Fachbegriffe, Eindeutschungen englischer Wörter („Veranderung“, „Rassifizierung“, „BPoC-Körper“) oder die direkte Übertragung englischer Worte erzeugen schon an der Oberfläche der Texte eine für Laien undurchdringliche Hülle.

    Dieser Effekt wird noch dadurch gesteigert, dass die einzelnen Begriffe meist nicht erklärt, sondern unbestimmt aufgetürmt werden. Die Autor:innen gestehen selbst zu, dass dadurch die Gefahr entstehen könnte, sich in einem eigenen Eliten-Diskurs einzuigeln: „Im besten Falle tut [die hegemoniale Selbstkritik] das nicht zur Überhöhung der eigenen Reflexionsfähigkeit, aus der sich ebenfalls symbolisches Kapital zur Aufrechterhaltung der ohnehin schon privilegierten Position gewinnen lässt“ (S. 111). Indem die Autor:innen aber von einem materialistischen Klassenbegriff absehen, nehmen sie sich selbst die Möglichkeit, ihre eigene gesellschaftliche Lage zu reflektieren, um so das Problem vermeiden zu können.

    Schließlich setzt die postmoderne Theorie dem Buch auch Grenzen hinsichtlich der Lösung des Problems. Die Autor:innen können keine eindeutige Wurzel der beschriebenen gesellschaftlichen Phänomene aufzeigen. Einzelne Bereiche wie Sprache, Ökonomie, Institutionen, zwischenmenschliche Verhaltensweisen im Alltag stehen ungeordnet und gleichwertig nebeneinander. Zwar werden immer wieder Ursprünge benannt (mal eine „koloniale Moderne“, mal Sprache, Institutionen, soziale Praxis, usw.) aber gerade in deren Uneinigkeit reproduziert sich das bloße Nebeneinander der möglichen Faktoren.

    Die Handlungsangebote reduzieren sich daher auch nicht zufällig auf den Bereich des Denkens: wir sollen vor allem anders sprechen und denken. Freilich, wenn man durch die eigene Theorie keine Wurzel aufzeigen kann, hat man auch nicht die Möglichkeit, eine wirkliche Praxis der Umwälzung zu entwickeln. Was bleibt, ist die bloße Sprach-Reform. Die aber wird den Rassismus nicht abschaffen, sondern nur in immer verfeinertere Formen kleiden. Daher fallen auch die Autor:innen selbst auf solche Formen herein, wenn sie von einer Rassistin wie Hannah Arendt, auf die sich wiederholt positiv bezogen wird (S. 112, 122), geäußert werden.

    Die Aufgabe ist nicht abgeschlossen

    Wir brauchen also eine Theorie, die die Wurzeln des Rassismus eindeutig aufzeigen kann. Nur so können wir auch eine wirkliche, keine einfach als Praxis bezeichnete bloße Theorie entwickeln, um dem Rassismus ein Ende zu machen. Hier kann uns das Buch nicht helfen. Das weiß auch das Kapital und sein Staat und unterstützt daher diese Veröffentlichung auf zahlreichen Wegen (durch den Freistaat Sachsen, das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, etc.). Dass die Autor:innen diese Förderung selbst nicht kritisch hinterfragen, zeigt, dass ihnen auch in Fragen der Staatstheorie eine konsequent kritische Grundlage fehlt. Ihr Engagement gegen den Rassismus ist so aufrichtig, wie es durch den theoretischen Ansatz zu einer Umwälzung unfähig ist.

    Wir müssen dagegen klar benennen und herausarbeiten, dass der Rassismus ein Produkt des Kapitalismus ist, dass beide nur gemeinsam überwunden werden können. Das heißt auch, dass wir die Klassenverhältnisse nicht einfach ignorieren können. Verschiedene Klassen sind auf verschiedene Arten von Rassismus betroffen. Eine muslimische Kapitalist:in hat immer noch eine größere Nähe zu einer „biodeutschen“ Kapitalist:in als zu einer muslimischen Arbeiter:in. Im Zweifelsfall werden die Kapitalist:innen auch über „Rassen“-Grenzen hinweg gegen die Arbeiter:innenklasse kämpfen.

    Aber wir Arbeiter:innen sind auch nicht einfach eine Einheit. Die „Rasse“ spaltet uns durch unterschiedliche Grade der Ausbeutung, der sozialen, kulturellen, politischen Diskriminierung. Die Einheit unserer Klasse muss hergestellt werden. Das geht nur über den Klassenkampf und die Bildung des Klassenbewusstseins. Beides muss eine Einheit bilden, oder wir fallen in den Rassismus oder dessen bloß theoretische Kritik zurück.

    Die Wirtschaftskrise von 2008 hat sich als eine tiefe Systemkrise erwiesen, die das Weltsystem des Kapitalismus scheinbar unfähig ist, zu überwinden. Das Kapital sucht überall nach einer langfristigen Möglichkeit, seiner Akkumulation einen neuen Aufschwung zu geben. Dadurch entstehen Schuldenberge und absurde Trends wie Krypto-Währungen. Aber auch der Aufstieg des Faschismus und der sich vertiefende Rassismus liegen in dieser unausgesetzten Krise begründet. Dabei ist es wichtig, sich bewusst und aufmerksam zu sein, dass aus dieser neuen Situation auch wieder neue Formen der Ausbeutung und Unterdrückung erwachsen.

    Auch daran erinnert das Buch, auch wenn es selbst keinen Ausweg aufzeigen kann: „Gerade auch weil sich Ausbeutung und Privilegiensicherung nicht mehr mit offenkundigen Rangordnungen von Menschen rechtfertigen lassen, müssen wir unsere Sinne für die Wandlungsfähigkeit des Rassismus, für die komplexen Umschreibungen, aber auch für Auslassungen schärfen.“ (S. 102).

    • Perspektive-Autor seit 2023. Philosoph deutsch-algerischer Abstammung mit Fokus auf Arbeiter:innengeschichte und deutschem Idealismus. Vom Abstrakten zum Konkreten auf dem Weg der Vermittlung.

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