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Freitag, Februar 23, 2024
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    „Die Räume, die wir brauchen, müssen wir uns selbst erkämpfen“

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    Seit einiger Zeit entstehen in verschiedenen Städten wieder vermehrt selbstverwaltete Räumlichkeiten und Soziale Zentren. In diesen Räumen sollen Arbeiter:innen aus ihren Vierteln zusammenkommen und sich organisieren können. Um mehr über diese Entwicklung zu erfahren, traf sich Perspektive mit Phil von der Föderation Klassenkämpferischer Organisationen (FKO), die sich bereits in drei solcher Sozialen Zentren engagiert. – Ein Interview

    Ihr eröffnet gerade in Leipzig ein Soziales Zentrum. Auch in Köln und Essen gibt es bereits ähnliche Räume, die unter anderem rege von der Föderation Klassenkämpferischer Organisationen genutzt werden. Warum sind Soziale Zentren so wichtig?

    So selbstverständlich es klingt, aber politische Arbeit und Klassenkampf finden nicht nur im Kopf statt, sondern brauchen physischen Raum. Klassenkampf heißt für uns vor allem, gemeinsam als Klasse, also als die große Zahl von Arbeiter:innen, Arbeitslosen, Jugendlichen, Frauen, Migrant:innen und Rentner:innen zusammenzukommen und uns gegen die fortwährenden Angriffe auf unsere Lebensbedingungen geschlossen zur Wehr zu setzen. Klassenkampf ist also keine Sache, die irgendwo alleine am Schreibtisch passiert. Als Föderation arbeiten wir deswegen nach dem Prinzip, dort aktiv zu sein, wo unsere Klasse lebt und arbeitet. Neben den Betrieben, Schulen und Unis sind das auch die Viertel, in denen wir wohnen. Wenn wir also unsere Klassengeschwister erreichen wollen, müssen wir dort sein, wo sich ihr Leben abspielt – und dort dann Räume eröffnen für den gemeinsamen Klassenkampf.

    Nachbarschaftsinitiativen, Integrationsprojekte, Kiezkneipen – Gibt es denn nicht schon genug Vereine und Projekte, die sich für die Arbeiter:innen einsetzen?

    Es stimmt schon, dass es in manchen Stadtteilen viele Initiativen, Integrationsangebote und gut besuchte Orte gibt. Aber sind das wirklich Räume, in denen sich unsere Klasse selbstständig organisieren kann? Diese Frage würde ich mit einem klaren Nein beantworten. Oft geht es in diesen Orten ja zunächst darum, Arbeiter:innen ins System zu integrieren, also eine Einwilligung in die eigene Ausbeutung und Unterdrückung herzustellen, oder einfach Ablenkung zu schaffen. Wer in unserem System Politik gegen das System machen will, kann sich auf den Staat und seine Institutionen nicht verlassen. Als Arbeiter:innen kriegen wir nun mal von den Kapitalist:innen nichts geschenkt.

    Wir erleben immer wieder, wie unliebsame Meinungen zensiert werden. Das ist auch logisch. Warum sollte ich als kapitalistische Institution denjenigen Leuten Räume zur Verfügung stellen, die das kapitalistische System bekämpfen? Bürgerlichen Organisationen und Parteien wird es leicht gemacht, die Menschen zu erreichen und ihre Ideen in der Bevölkerung zu verbreiten. Sie haben Zugang zu den Massenmedien, zu schier endlosen finanziellen Quellen und eben auch zu Räumlichkeiten. Das ist bei klassenkämpferischen Organisationen nicht so. Die Räume, die wir brauchen, müssen wir uns selbst erkämpfen. Wir denken, dass unsere Klasse eigene Räume für den Austausch, für das kollektive Leben und für solidarische Kultur braucht. Wir brauchen Orte, an denen wir den Kampf und das Leben organisieren können, ohne ständig unter der direkten Kontrolle bürgerlicher Kräfte zu stehen bzw. von ihnen abhängig zu sein. Das bedeutet Selbstverwaltung für uns.

    Wer kommt denn regelmäßig in die Sozialen Zentren? Was finden dort für Veranstaltungen statt?

    Das unterscheidet sich natürlich von Ort zu Ort. Jedes Soziale Zentrum spiegelt das Leben und die Menschen dort wieder, wo seine Arbeit stattfindet. Im Allgemeinen kann man sagen, dass die Sozialen Zentren allen offen stehen, die interessiert an einem solidarischen Miteinander sind. Wir organisieren dort alles Mögliche, was unsere Klasse zusammenbringt, fördern aber auch die Eigeninitiative von Leuten, die noch nicht so viel Erfahrung mit der politischen Arbeit haben. So entsteht in den einzelnen Städten ein buntes Programm.

    Es finden z.B. auch Frauencafés statt, bei denen sich Arbeiterinnen und Mütter austauschen und vernetzen können.  Es gibt Stammtische von Kolleg:innen aus verschiedenen Betrieben. Auch von Jugendlichen werden eigene Angebote organisiert, bei denen ihre Themen im Vordergrund stehen. Natürlich finden auch regelmäßig Vorträge und Workshops statt, die politische Bildung soll ja nicht zu kurz kommen. Aber es wird auch gemeinsam gekocht und gegessen, manchmal veranstalten wir auch Spielabende, um uns in lockerer Atmosphäre neuen Leuten vorstellen zu können. Und das Allerwichtigste: Es ist immer Platz für die kämpferischen Initiativen der Leute aus dem Viertel selbst. Gibt es zum Beispiel eine Mieterhöhung und jemand möchte eine Zusammenkunft für die Mieter:innen und Nachbar:innen organisieren – bei uns ist der richtige Ort dafür!

    Was muss passieren, damit in noch mehr Städten und noch mehr Arbeiter:innenvierteln Soziale Zentren entstehen können?

    Raum kostet Geld, so ist das leider im Kapitalismus. Wir kriegen kein Geld vom Staat oder bürgerlichen Stiftungen, sondern müssen uns selbst über Spenden finanzieren und die Arbeit, die in den Sozialen Zentren anfällt – von der Renovierung und Herrichtung der Räume über das Putzen bis hin zur inhaltlichen Gestaltung und den ganzen organisatorischen Aufgaben – komplett selbst verrichten. Leider entstehen Soziale Zentren nicht spontan und brauchen eine Menge Arbeit im Hintergrund, um zu funktionieren. Deshalb benötigt es natürlich einen festen und am besten wachsenden Kern an Leuten, die sich diesen Aufgaben widmen, die verschiedenen Veranstaltungen politisch anleiten und neueren Nutzer:innen mit Rat und Tat beiseite stehen.

    Aber am wichtigsten ist, dass wir mit den Sozialen Zentren die Verbindung zu unserer Klasse herstellen und aufrecht erhalten. Die Sozialen Zentren sind kein abgekapselter Ort für linke Aktivist:innen. Nein, sie sind Orte, an denen unsere Klasse zusammenkommen kann, um sich zu wehren. Unsere Föderation kann sich engagieren, um Soziale Zentren zu eröffnen. Doch erst die Arbeiter:innen aus den Vierteln hauchen den Sozialen Zentren gemeinsam Leben ein und machen sie zu ihren eigenen Orten. Nur so werden diese Orte zu Orten des Klassenkampfs.

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