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Montag, Februar 26, 2024
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    Fußball-EM: Rollstuhlplätze sollen nach Turnier zurückgebaut werden

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    Fußball hat in Deutschland den Status eines Volkssports und ist in allen gesellschaftlichen Schichten beliebt. Fußballspiele bringen tausende Menschen in die Stadien, doch dieses Erlebnis bleibt Menschen im Rollstuhl oft verwehrt. Es zeigt sich deutlich, dass in vielen Bereichen Inklusion und Barrierefreiheit nichts weiter als schöne Worte sind. – Ein Kommentar von Quentin Klaas.

    Es ist wieder soweit: es ist Wochenende und tausende Fans strömen ins Stadion, um sich ein Spiel ihrer Lieblingsmannschaft anzuschauen. Für viele Menschen bedeutet das eine Auszeit von ihrem Alltag, ein Hochgefühl, mit anderen Fans jubeln zu können, und für Kinder, einen schönen Moment mit ihren Eltern zu verbringen. Kein Sport erreicht in Deutschland eine Beliebtheit wie Fußball, und die Stadien sind meist bis zum Rand gefüllt mit Besucher:innen. Doch für manche Fans bedeuten diese Wochenenden die erneute Enttäuschung, ihrem Team nicht mit den tausenden Anderen zujubeln zu können – nämlich dann, wenn die im Rollstuhl sitzen.

    Für Menschen mit Rollstuhl ist es ein ganz besonderes Erlebnis, ein Fußballspiel vor Ort miterleben zu können. Der Grund dafür, dass das meist nicht geht, liegt an fehlenden barrierefreien Sitzplätzen und dem Unwillen von Vereinen und Kommunen, deren Ausbau in Angriff zu nehmen.

    Profit statt gesellschaftlicher Teilhabe

    Wenn man Vereine auf die fehlende Barrierefreiheit anspricht, heißt es von deren Seite, dass der nötige Ausbau zu umfangreich und wirtschaftlich nicht verhältnismäßig sei. Was man hier erkennt, ist eine Argumentation, die behinderte Menschen immer hören, wenn es darum geht, Plätze des öffentlichen Lebens so umzubauen, dass sie diese ebenfalls nutzen können.

    Bei Barrierefreiheit in Fußballstadien geht es nicht darum, dass es nur eine nette Geste wäre, diese sicherzustellen. Es geht um die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigung, um ihr Recht, nicht wegen eines körperlichen Merkmals von öffentlichen Veranstaltungen ausgeschlossen zu werden.

    Aber die Ausflüchte der Vereine zeigen an diesem konkreten Beispiel die gesellschaftliche Unterdrückung und Diskriminierung von behinderten Menschen im Kapitalismus. Egal, ob es um die unverschämt niedrigen Löhne in den Behinderten-Werkstätten, um manche Entmündigung in Heimen oder um den Umbau öffentlichen Raums geht, immer wieder werden deren Rechte den Profitinteressen untergeordnet.

    Gesetze werden ignoriert und nicht durchgesetzt

    Wenn man sich die rechtlichen Vorschriften zur Teilhabe von Menschen mit Behinderung anschaut, dann findet man eine Vielzahl von gesetzlichen Regelungen. In der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), einem internationalen Vertrag, den auch die BRD unterzeichnet hat, ist die barrierefreie Zugänglichkeit in Artikel 9 geregelt. Auf Grundlage dessen ist auch in der Muster-Versammlungsstättenverordnung eine Mindestanzahl von rollstuhlgerechten Sitzplätzen geregelt. Die Verordnung, die 13 von 16 Bundesländern genau so übernommen haben, gibt vor, dass ab einer Sitzplatzanzahl von 5.000 Plätzen mindestens 1%, ab jedem weiteren Platz 0,5% barrierefrei gebaut sein müssen.

    Wie bei vielen Gesetzen und Vorschriften klingen sie zwar theoretisch schön, doch werden in der Praxis einfach nicht umgesetzt. Beispielsweise im Stadion des BVB Dortmund müssten 425 Plätze für Menschen im Rollstuhl zur Verfügung gestellt werden. Es sind aber gerade mal 72, und als Begründung wird wieder einmal die vorher erläuterte „wirtschaftliche Unverhältnismäßigkeit“ ins Feld geführt. Die staatlichen Behörden decken diese Diskriminierung von behinderten Menschen insofern, als sie nichts tun, obwohl die Missstände bekannt sind.

    Vorgespielte Inklusion bei der Europameisterschaft 2024

    Dieses Jahr findet von Juni bis Juli die Fußball-Europameisterschaft in Deutschland statt, was zu groß angelegten Vorbereitungen bei Vereinen und Kommunen führt. Im Zuge dessen sollen auch die Stadien ausgerüstet werden. In den zehn EM-Stadien sollen 454 zusätzliche Rollstuhlplätze, sowie 200-300 ‘easy-access’-Plätze für Menschen mit klappbaren Rollstühlen und Rollatoren geschaffen werden. Das wird nicht auf Initiative der lokalen Betreiber:innen, sondern auf Druck der UEFA umgesetzt. Doch nach dem Großevent im Sommer sollen nahezu alle neugeschaffenen Plätze wieder zurückgebaut werden.

    Diese Pläne treffen bei Fans, Verbänden für Menschen mit Behinderung und auch beim Behindertenbeauftragten der Bundesregierung auf Unverständnis. Wieder einmal zeigt die Handlungsweise von Staat und Unternehmen, wenn es um die Teilhabe von behinderten Menschen geht: Wenn man öffentlich mit Barrierefreiheit und Inklusion als profitabel fortschrittlich dastehen kann, wird etwas getan, aber überall dort, wo es keinen Profit bringt, werden wir ausgeschlossen und mit warmen Worten abgespeist.

    • Auszubildender im öffentlichen Dienst aus Hessen. Schreibt über Klassenkämpfe und innenpolitische Entwicklungen in der BRD. Er wurde über den Umweltaktivismus politisiert und schreibt seit 2023 für Perspektive.

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