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Freitag, Februar 23, 2024
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    Über das Carlson-Interview mit Putin und die Rolle von Journalismus

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    „Wird das hier eine Talkshow oder ein ernsthaftes Gespräch?“: Was das Interview von Tucker Carlson mit Putin über den Ukrainekrieg, den Kapitalismus und guten Journalismus verrät. – Ein Kommentar von Alex Lehmann.

    Tucker Carlson lacht laut. Er sitzt in einem der zahlreichen prunkvoll geschmückten Zimmer des Kreml in Moskau. Ihm gegenüber sitzt der russische Präsident Wladimir Putin, der offensichtlich irritiert von der ersten Frage Carlsons ist.

    Carlson ist der erste westliche Journalist, der seit dem Beginn der russischen Offensive im Ukrainekrieg vor fast zwei Jahren Putin interviewen darf. Seine erste Frage: „Warum denken sie, dass die USA Russland einfach so angreifen würden, wie kommen sie darauf?“, kommt nicht gut an.

    Carlson reagiert gelassen. In den USA und auch darüber hinaus ist er eine Berühmtheit und begnadeter Rhetoriker. Jahrelang moderierte er beim rechts-konservativen Sender Fox News eine eigene Late-Night-Show. Besonders bei den Zuschauer:innen des Senders und vielen rechtsradikalen bis faschistischen Kreisen ist Carlson beliebt.

    Er gilt als glühender Trump-Verehrer, jemand, der keine Angst davor hat, „zu sagen was ist“ und gegen die korrupten, liberalen Eliten in den USA zu kämpfen. Dabei bedient er sich bei Verschwörungstheorien wie dem vermeintlichen ‘Bevölkerungsaustausch’ in den USA und wird seiner rechten Hetze nicht müde.

    Eine Rolle, die ihm bei Fox News zuletzt wohl ein stattliches Einkommen von mehr als 20 Millionen US-Dollar im Jahr beschert hat. Zumindest, bis der Sender ihn zu Beginn des letzten Jahres aus dem Programm warf. Seitdem ist er auf X (ehemals Twitter) unterwegs. Dort sei es dank Elon Musk noch möglich, seine Meinung frei zu äußern. Mittlerweile folgen fast 12 Millionen Menschen seinem Kanal auf der Plattform.

    International kam Carlson nun doch wieder in die Schlagzeilen, weil er am 6. Februar Putin interviewt hat. In der Nacht vom 8. auf den 9. Februar veröffentlichte er das über zwei Stunden lange Video auf seiner Website – und natürlich auf X.

    „In diesem Sinne haben wir jeden Grund dazu anzunehmen, dass die Ukraine ein künstlicher Staat ist, der nach dem Willen Stalins geformt wurde.“

    Das ist die Schlussfolgerung, die Putin nach dem ersten Viertel des Interviews zieht. Fast eine halbe Stunde lang hatte er mit sich selbst über mindestens 1.000 Jahre russischer Geschichte hinweg sinniert und Carlson nicht zu Wort kommen lassen.

    Er hatte sich sogar eine Mappe mit Kopien aus den Archiven des Kreml bringen lassen – Beweismittel, sagt er, falls Carlson denke, er würde lügen. Der tut zwar interessiert an der kleinen Geschichtsstunde des Präsidenten, fragt aber auch immer wieder, warum Putin ihm so detailliert davon erzählt und wirkt genervt.

    Von der Entstehung der russischen Nation im Jahr 862, über die Annahme des orthodoxen Christentums ein paar Jahre später, die mongolische Invasion von Dschingis Khan, den russisch-polnischen Krieg, Katharina die Große, die Oktoberrevolution, den 2. Weltkrieg bis hin zum Zusammenbruch der Sowjetunion gehen Putins Ausführungen.

    Er zeichnet ein klares Bild der ukrainischen Nation: Eigentlich gibt es sie ihm zufolge gar nicht. Sie sei künstlich geschaffen worden, um die Einheit des russischen Volkes zu zerstören. Am Ende der Geschichte stehe der kommunistische Führer Stalin. Er soll es gewesen sein, der den Völkern zwischen den Flüssen Dnjestr und Don eingeredet habe, sie seien Ukrainer:innen und nicht Russen, Ungarn und Slowaken, wie Putin meint. Warum die Bolschewiki so handelten, sei ihm ein Rätsel.

    Entnazifizierung und Friedensmission?

    Im weiteren Verlauf des Interviews fragt Carlson nach den Gründen für die Eskalation des Kriegs vor zwei Jahren. Putins Antwort ist überraschend ehrlich: „Die politische Führung der USA hat uns an eine Grenze gestoßen, die wir nicht übertreten konnten, weil Russland sonst vielleicht ruiniert worden wäre.“

    Er erklärt auch, was er damit meint: Die NATO-Ost-Erweiterungen, den jahrelangen Rüstungswettlauf mit den USA und schlussendlich den Maidan-Putsch in der Ukraine 2014. Als mit der Ukraine der letzte Puffer zwischen dem „kollektiven Westen“ und Russland zum „US-Satellitenstaat“ geworden sei, hätte er nicht länger auf eine Reaktion verzichten können.

    Was Putin hier beschreibt, ist ein Gesetz im Kapitalismus, auch wenn er selbst es wahrscheinlich nicht so sagen würde: Die großen Monopole und die Staaten, die sie auf der Bühne der internationalen Politik vertreten, stehen in ständiger Konkurrenz – Konkurrenz um Rohstoffe, um Absatzmärkte und weitere Dinge. Letztendlich teilen sie sich ganze Länder, ja die ganze Welt untereinander auf und versuchen permanent, andere Staaten und deren Kapital zu übertrumpfen. Auch mit militärischen Mitteln.

    Ukraine-Krieg: Wie geht es in diesem Jahr weiter?

    Putins Auslassungen über eine ‘Entnazifizierung’ der Ukraine und seine Umdeutung des Kriegs zur ‘Friedensmission’ sollen genau das verdecken. Er will es so aussehen lassen, als würde es um mehr gehen als um die wirtschaftlichen Interessen der russischen Kapitalist:innen und Oligarchen.

    Dasselbe gilt umgekehrt auch für westliche Regierungen, wenn sie vom „verrückten Despoten“ reden und eine Gefahr für ihre ach so freiheitlichen Demokratien herbei fabulieren. Dabei verfolgt ihre Politik dasselbe Ziel wie die Putins: maximaler Profit für die eigenen Kapitalist:innen. Menschenleben sind dabei Nebensache. Und die parlamentarische Demokratie ist letztlich nur ein anderer Anstrich, der diese systemimmanente Dynamik verschleiern soll.

    Keine Kontroversen, keine Überraschung

    Im Rest des Interviews geht es noch um viele weitere Themen: Wer hat die Nordstream-Pipeline gesprengt? Will Putin in Polen einmarschieren? Welche Rolle werden in Zukunft die BRICS-Staaten und der US-Dollar spielen? Wie wird sich das Verhältnis zwischen Russland und den USA verändern, wenn ein neuer Präsident gewählt wird? Welche Rolle spielt Gott in der Politik des russischen Präsidenten?

    Zu kontroversen Diskussionen kommt es nicht. Bei vielen Fragen macht Putin kleine Andeutungen, aber weicht den Fragen auch oft aus. Manchmal lenkt er auf ein anderes Thema oder sagt, dass er die Frage nicht beantworten könne. Wenn er antwortet, dann macht er keine großen Enthüllungen, sondern wiederholt nur bekannte Standpunkte.

    Hier einmal die Kurzversion: Hinter dem Nordstream-Anschlag stecke die CIA, an Polen habe Russland kein Interesse, die BRICS-Staaten würden den Westen überholen, der US-Dollar werde untergehen, ein neuer US-Präsident würde nicht viel ändern und für Gott scheint Putin sich eher oberflächlich zu interessieren.

    Über erneute Friedensverhandlungen könne man erst wieder ernsthaft nachdenken, wenn der Westen seine Unterstützung für die Ukraine kappen würde, meint Putin. Dann wäre der Krieg schnell vorbei und man könne über einen Frieden diskutieren.

    Beim letzten Punkt des Interviews wird es nochmal spannend: Carlson spricht Putin auf einen in Russland inhaftierten US-Journalisten an und bittet ihn um dessen sofortige Freilassung. Der 31-jährige Evan Gershkovich wurde 2023 unter dem Vorwurf der Spionage verhaftet. In den USA arbeitete er für das Wall Street Journal.

    Putins Antwort ist nicht sehr überraschend: Den jungen Journalisten werde er nicht freilassen und in den USA gäbe es ebenfalls politische Gefangene. Der Vorstoß Carlsons wirkt wie ein verzweifelter Versuch, aus seinem wenig kontroversen Interview noch einen großen Coup zu machen. Stattdessen beendet er das Gespräch.

    Was ist die Aufgabe von Journalismus?

    Carlson ist ein Vertreter der konservativen bis faschistischen Bewegung in den USA, der sich gerne als Kämpfer für die Meinungsfreiheit aufspielt. Als jemand, der angeblich an der Seite der kleinen Leute steht.

    In dem Ankündigungsvideo zum Interview sagte er: „Wir sind nicht hier, weil wir Wladimir Putin lieben. Wir sind hier, weil wir die USA lieben. Und wir wollen, dass sie (die USA) wohlhabend und frei bleiben.“ Außerdem müsse er das Interview führen, weil es als Journalist seine Pflicht sei, die Bevölkerung zu informieren.

    Was er mit dem Interview erreichen will, sind aber vor allem Selbstinszenierung und unterschwelliger Wahlkampf für sein großes Idol Trump. Sein Antrieb ist also keineswegs der freie Journalismus oder der Kampf für Meinungsfreiheit.

    Wenn dem so wäre, würde er weder Putin noch Trump oder sonst irgendeinem Kapitalisten eine Plattform bieten oder sich sogar an ihre Seite stellen. Die Aufgabe von Journalismus sollte es sein, Unterdrückung, Korruption, Ausbeutung und Ungerechtigkeit aufzudecken und etwas daran zu ändern. Ganz im Sinne der deutsche KPD-Politikerin Rosa Luxemburg: „Zu sagen was ist, bleibt die revolutionärste Tat.“

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