`
Donnerstag, Juni 13, 2024
More

    Verbotene Fankultur

    Teilen

    Wie Pyrotechnik Einzug in die deutschen Fankurven hielt und warum eine Legalisierung die einzige Lösung ist. – Ein Kommentar von Vinzent Kassel.

    „In Zeiten, in denen wir Kriege haben, braucht das kein Mensch“. So äußerte sich der ARD-Kommentator Gerd Gottlob in der zweiten Halbzeit des DFB-Pokalfinales zwischen Bayer Leverkusen und dem 1. FC Kaiserslautern. Anlass war eine großangelegte Pyro-Show der Fans aus Lautern, die zu einer Spielunterbrechung führte. – Eine problematische Aussage, da Gottlob eine pyrotechnische Aktion, bei der niemand zu Schaden kam und die in ähnlichen Ausmaßen jedes Wochenende in den deutschen Stadien zu sehen ist, mit den derzeitigen brutalen Kriegen auf eine Stufe stellt.

    Noch unverhältnismäßiger wird der Kommentar im Hinblick darauf, dass es offenbar erst solcher kriegerischen Auseinandersetzungen wie in der Ukraine oder in Israel/Palästina bedarf, bei dem für den Westen einiges auf dem Spiel steht. „Pyro” ist im deutschen Fußball schon seit Jahrzehnten präsent – und nicht nur dort. Doch wo war die Empörung während der Kriege in Afghanistan oder Syrien? Denn leider herrscht konstant immer irgendwo auf der Erde ein Krieg. Betrifft dieser allerdings deutsche Verbündete, dann soll es auf einmal moralisch verwerflich sein, Bengalos in Stadien zu zünden?

    Lauternfans bringen Pyrotechnik nach Deutschland

    Passenderweise waren es die Fans von Kaiserslautern, welche dem Mythos nach, erstmalig eine große Pyro-Aktion in Deutschland veranstalteten: Das war am 2. August 1985. Ein Jahr zuvor war Hans-Peter Briegel zu „Hellas Verona” gewechselt. Da die Lauterer Fans Briegel verehrten, fuhren sie häufiger nach Verona, um ihn spielen zu sehen. Bei diesen Besuchen kamen sie mit der italienischen Fankultur in Kontakt.

    Und dort, in den italienischen Kurven, war zu dieser Zeit die Ultrakultur schon längst etabliert. Die Szenen waren schon deutlich organisierter als ihr deutsches Pendant. Es gab dort bereits durchgängige Gesänge, Choreographien und eben auch Pyrotechnik. Die FCK-Fans freundeten sich mit den Hellas-Ultras an – übrigens eine Freundschaft, die bis heute anhält, aber aufgrund der faschistischen Einstellung der Hellas-Fanszene auch äußerst fragwürdig erscheint.

    Jedenfalls fanden die Fans der „Roten Teufel” Gefallen am Support-Stil der Italiener. So zündeten sie am besagten 2. August 1985 nicht nur massig Bengalos, sondern gestalteten auch eine „Blockfahne” als Choreographie, was ein Novum in den deutschen Stadien darstellte.

    Proteste gegen die Deutsche Fußball Liga (DFL): Ein Sieg, der Hoffnung macht

    Pyro wird in deutschen Stadien verboten

    Fans anderer Vereine waren von dem „neuen“ Fan-Element schnell begeistert und so erhielt Pyro als fester Bestandteil Einzug in die deutschen Kurven. Anfangs noch von den Clubs toleriert, wurde Mitte der 90ger Jahren Pyrotechnik in den meisten Stadien verboten. Zu dieser Zeit entstanden auch die ersten Ultra-Gruppierungen in der BRD, die sich an ihren italienischen Vorbildern orientierten und sich das Zünden von Rauchtöpfen und Bengalos nicht nehmen ließen. Dies führte unweigerlich zum Konflikt mit den Vereinen und vor allem der Staatsmacht: Stadionverbote und gravierend klingende Anzeigen, wie z.B. „Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz“, waren die Folgen.

    Die Ultras ließen sich davon nicht beeindrucken und entwickelten immer wieder neue Methoden, um Pyro in die Stadien zu schmuggeln und diese unerkannt anzuzünden. Aktuellstes Beispiel für diese Kreativität sind die Ultras von Hannover, die beim letzten Derby in Braunschweig Tage vor dem Spiel ins Stadion einbrachen und Bengalos in den Zaunpfählen des Gästeblocks versteckten.

    Ultras starten Kampagne für eine Legalisierung

    Nun wäre das alles nicht vonnöten, wenn das Abbrennen von Pyrotechnik in einem legalen Rahmen stattfinden könnte. Bereits im Jahr 2010 gab es dazu durch eine gemeinsame Kampagne mehrerer deutscher Ultra-Gruppen den Versuch, das Zünden von Pyro in den Stadien zu erlauben. Unter dem Namen „Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren“ wurde die Thematik unters (Fußball-)Volk gebracht.

    Gleichzeitig hatte man sich selber einen Rahmen gesteckt, wie verantwortungsvoll mit Pyrotechnik umgegangen werden sollte: Beispielsweise distanzierte sich die Initiative von Böllern und Leuchtspuren. Leider verlief die Kampagne im Sande, auch weil in dieser Zeit die Ultras medial keinen guten Stand genossen und Pyro als stark gesundheitsgefährdend dargestellt wurde. Beispielhaft dafür der Auftritt von Johannes B. Kerner 2012 im Talkmagazin des Ersten/WDR „Hart aber Fair”, als er mit einem Bengalo einen Dummy anzündete.

    Legaler Gebrauch könnte Verletzungen verhindern

    Laut dem Bericht der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze für die Saison 2022/23 wurden bei 1.157 Spielen der ersten drei deutschen Ligen insgesamt 93 Menschen durch Pyrotechnik verletzt, die Schwere und auch die Umstände sind hierbei nicht genannt. Natürlich sind das 93 Verletzte zu viel, doch bei der Häufigkeit an Pyro Woche für Woche dann doch relativ wenige. Die Zahl könnte aber auch bei Null liegen, wäre Pyrotechnik legal, wodurch entsprechende Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden könnten.

    Doch auch heute ist die Debatte immer noch die Gleiche wie 2010: Es gab zwar mittlerweile Pilotversuche zu legalen Aktionen wie z.B. eine wenig überzeugende „Rauch-Show” beim Hamburger SV, und auch der immer wiederkehrende Vorschlag von „kalter“ Pyrotechnik wird diskutiert – doch von einen Ergebnis sind die Beteiligten noch weit entfernt.

    So bleibt es beim momentanen Ist-Zustand. Die Ordner versuchen vergebens, illegale Gegenstände am Eingang zu ertasten. Die Polizei filmt fleißig die einzelnen Aktionen, um in den meisten Fällen dann doch niemanden identifizieren zu können. Die Ultras lassen sich von dem ganzen Sicherheitswahn nicht beeindrucken, und die Vereine zahlen brav die irrationalen Strafen des DFBs.

    Einzige Profiteure sind hierbei nur die fußballnahen Stiftungen, die von den Strafzahlungen geflutet werden. Pyro ist aus den deutschen Kurven nicht mehr wegzudenken und elementarer Bestandteil der Fankultur. Bei Betrachtung der Medienberichterstattung und der Aussagen von Vereinsoffiziellen lässt sich beobachten, dass sich das Bild – eine verantwortungsvolle Verwendung von Pyrotechnik vorausgesetzt – bereits bei vielen gewandelt hat. Es wird Zeit, dass die Verbände nachziehen und Pyro legalisieren.

    EM 2024: Warum man Fußball und Politik nicht trennen kann

    Mehr lesen

    Perspektive Online
    direkt auf dein Handy!

    Weitere News