Seit dem TV-Duell zur Bundestagswahl wird ein Thema in den Medien heiß diskutiert: die Rente mit 70. Obgleich sowohl Schulz als auch Merkel die Erhöhung des Renteneintrittsalters entschieden zurück wiesen, bleibt unklar, ob oder besser gesagt, wann die Rente mit 70 kommt.

So eindeutig, wie die Kanzlerkandidaten von SPD und CDU die Frage nach der Rente mit 70 zurück wiesen, wird sie in den Parteien nicht diskutiert. Besonders in der CDU gibt es viele, die sich für die Erhöhung des Renteneintrittsalters aussprechen, darunter auch führende Köpfe wie Finanzminister Wolfgang Schäuble oder EU-Kommissar Günther Oettinger.

Und auch in der Wirtschaft wird sich für die Rente mit 70 ausgesprochen. So sagte Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): „Die demografische Entwicklung, die verlängerte Lebenszeit, machen ein späteres Renteneintrittsalter notwendig. Anders kann das System nicht finanziert werden.“ So sind auch ihre Hauptargumente für die Erhöhung des Renteneintrittsalters die steigende Lebenserwartung und die damit einhergehende Entwicklung, dass immer mehr alte Menschen weniger jungen Menschen gegenüber stehen.

Ist das aber der tatsächliche Hintergrund für die immer weitere Ausdehnung der Lebensarbeitszeit?

Es muss erst mal festgehalten werden, dass die Lebenserwartung der Menschen zwar im Durchschnitt in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen ist, es gleichzeitig aber massive Unterschiede gibt. Die Lebenserwartung geht weit auseinander und ist eng verknüpft mit der Höhe des Einkommens. So leben „reiche Menschen“ durchschnittlich 12 Jahre länger als „arme Menschen“. Von einer immer weiter steigenden Lebenserwartung für alle Menschen zu sprechen ist also deshalb nur teilweise korrekt, denn die Unterschiede in der Lebenserwartung gehen immer weiter auseinander.

Dass sich die Unternehmen und ihre Interessensverbände für die Ausweitung der Lebensarbeitszeit aussprechen, hat vielmehr den Hintergrund, dass sie anstreben, immer mehr Profit zu machen. Wenn die Lebensarbeitszeit erhöht wird, können sie jeden und jede ArbeiterIn noch mehr ausbeuten. Denn ArbeiterInnen arbeiten jeden Tag nur einen kleinen Teil für sich, also dafür, dass sie sich Wohnung, Kleidung und Essen kaufen können. Die Produkte, die an einem Tag produziert werden, sind um einiges mehr wert als das, was an Lohn ausbezahlt wird. Den Rest stecken sich die Unternehmen in die eigene Tasche.

Dass die Rente mit 70 vorerst so strikt von Schulz und Merkel abgelehnt wurde, ist also eher in Verbindung mit dem Kampf um die WählerInnenstimmen zu sehen. Ein Interesse der ArbeiterInnen, bis 70 zu arbeiten, besteht nämlich nicht, und würde die CDU nun offen dafür eintreten, würde es sie viele Stimmen kosten. Trotzdem wird die Lebensarbeitszeit Schritt für Schritt erhöht werden, wenn sich kein Widerstand regt.

Widerstand ist notwendig und kann erfolgreich sein

Die Rente mit 70 stellt einen Angriff auf die Rechte der ArbeiterInnen dar. Sie dient ausschließlich dem Interesse der Kapitalisten, nicht den Interessen der ArbeiterInnen. Im Gegenteil müssen viele Menschen schon jetzt frühzeitig in Rente gehen, weil sie durch die schlechten Arbeitsbedingungen dauerhaft krank werden. Oder sie müssen trotz Rente weiter arbeiten, da diese nicht zum Leben reicht. Wie soll man dann überhaupt bis 70 regulär arbeiten? Und was kommt danach? Widerstand ist also notwendig, um zu verhindern, dass wir bis zu unserem Tod arbeiten müssen. Dass er durchaus erfolgreich sein kann, zeigen die Massenproteste gegen die Rentenreform in Frankreich 2010: Durch Streiks, Demonstrationen, Besetzungen und Straßenblockaden wurde dort unter anderem die Erhöhung des Rentenalters von 60 auf 62 Jahre verhindert.