Nationalistische Regierungen behindern auch heute massiv den wissenschaftlichen Austausch.

Seit Jahren verstärken sich in Europa die nationalistischen und rechtspopulistischen Bewegungen und haben immer mehr Einfluss auf den politischen Diskurs und zuweilen auch auf die wissenschaftliche Arbeit von HistorikerInnen. Rechte Parteien feiern zunehmend Wahlerfolge: In Polen die Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) mit 37,6%, in Ungarn die „Fidesz“ (KDNP) mit 44,9%, in Österreich die „Freiheitliche Partei Österreichs“ (FPÖ) mit 20,5% und in Deutschland die „Alternative für Deutschland“ (AfD) mit 12,6%. Das „Deutsche Historische Institut“ der Max Weber-Stiftung steht dieser Entwicklung sehr kritisch gegenüber, da sie befürchtet, dass der politische Einfluss der rechten Parteien Ausmaße annehmen könnte, die die freie wissenschaftliche Arbeit nicht in vollem Umfang gewährleisteten.

Kürzung und Entlassungen für kritische Wissenschaft

Die Max Weber-Stiftung unterhält mit ihrem Historischen Institut mehrere Standorte in anderen Ländern, um den Austausch und die Förderung der Forschung voranzutreiben. Hierbei steht z.B. die Forschung im Bereich der Geschichtswissenschaft im Vordergrund, um das gegenseitige Verständnis zwischen Deutschland und den Gastländern zu verbessern. Standorte sind unter anderem Beirut, Istanbul, London, Warschau oder Moskau. Das Erstarken von nationalistischen Kräften beeinflusst die Arbeit von WissenschaftlerInnen in den einzelnen Standorten auf sehr unterschiedlichen Wegen. Da z.B. die Universität von Berkeley in den USA den rechten Ideologen Milo Yiannapoulos ausgeladen hatte, stellte Donald Trump die staatliche Förderung der Universität in Frage. Auch wurden einem Kooperationspartner des Max Weber-Instituts von Seiten des amerikanischen Außenministeriums die Gelder gekürzt. In Polen wiederum hat das kürzlich verabschiedete Holocaust-Gesetz massiven Einfluss auf die Gesellschaft und auch auf die Geschichtswissenschaft. Neuerdings kann eine Person mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft werden, wenn sie dem Staat oder dem polnischen Volk eine Mitschuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus‘ vorwirft. DozentInnen und ProfessorenInnen in der Türkei, die das Präsidialsystem Erdogans kritisieren, erhalten ihre Entlassung  und besitzen so gar nicht mehr die Möglichkeit, ihrer wissenschaftlichen Arbeit nachzukommen.

Wissenschaft unter akuter Bedrohung

Die aktuelle Situation zeigt: Nationalismus als soziales Konstrukt – also eine Schaffung von „wir“ und „die Anderen“ – ist sehr gefährlich für den Zusammenhalt einer Gesellschaft und das freie und unabhängige Wirken von wissenschaftlicher Arbeit. Durch den Nationalismus wird die „eigene“ Geschichte, Kultur oder Herkunft über die einer anderen gestellt, um ein System der Unterschiede zu etablieren. Die Aufarbeitung der „eigenen“ Verbrechen wird dabei, wie nicht nur die obigen Beispiele zeigen, in einer nachhaltig schädigenden Weise verhindert. Dieser gesellschaftliche und politische Diskurs geht an den Universitäten oder Instituten nicht spurlos vorbei und gefährdet deren Arbeit.