Ein Kommentar zu 100 Jahren Kommunistische Internationale (Komintern). Was können wir aus der Geschichte lernen? Was sind unsere Aufgaben heute? – Von Paul Gerber

Vor genau hundert Jahren – am 6. März 1919 – wurde der Gründungskongress der Kommunistischen Internationalen feierlich beendet. Mit diesem Ereignis wurde die Konsequenz aus der Oktoberrevolution in Russland und dem Verrat der Sozialdemokraten im 1. Weltkrieg auf Weltebene gezogen. Bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs hatte die deutsche Sozialdemokratie weltweit als Orientierungspunkt der ArbeiterInnenbewegung gegolten.

Aber mit der ersten erfolgreichen sozialistischen Revolution der Geschichte gewannen die russischen Bolschewiki zu Recht die vorerst größte Autorität in der kommunistischen Weltbewegung. Der Gründungskongress fand zwar mit 51 Delegierten aus 29 Ländern statt, viele von ihnen vertraten jedoch noch bei weitem keine gefestigten und großen Kommunistischen Parteien. Vielmehr waren aus vielen Ländern kleinere Zirkel gekommen, die die Notwendigkeit anerkannten, die wirklich revolutionären Teile der ArbeiterInnenbewegung international unabhängig von den Reformisten zu organisieren.

Die Gründung der Kommunistischen Internationalen wirkte somit auch durchaus als Aufruf an die KommunistInnen, die in vielen Ländern noch verstreut in verschiedenen Flügeln der Sozialdemokratie verteilt waren, sich zu sammeln und zu organisieren. Der II. Kongress der Kommunistischen Internationale vertiefte diese Ausrichtung, in dem er die Eigenschaften einer Kommunistischen Partei in verallgemeinerter Form festhielt und zugleich zu Aufnahmebedingungen in die Kommunistische Internationale machte (Link).

In den folgenden Jahrzehnten wurde die Komintern zum Gedächtnis der Kommunistischen Weltbewegung, die Erfahrungen aus allen Kampffeldern verallgemeinerte und durch Übersetzungen zahlreichen KommunistInnen zugänglich machte. Über die Komintern wurde mit INPREKORR (Internationale Pressekorrespondenz) eine internationale kommunistische Presse aufgebaut und vor allem in der Sowjetunion wurden Akademien gegründet, die allen Parteien zur Ausbildung ihrer GenossInnen zur Verfügung standen.

Neben den insgesamt sieben Komintern-Kongressen fanden Kongresse der Kommunistischen Jugendinternationale, Internationale Frauenkonferenzen, antifaschistische Konferenzen und Konferenzen zu den antikolonialen Befreiungskämpfen statt. Die Komintern entwickelte sich somit zu einem Zentrum der weltweiten Kämpfe gegen den Imperialismus und alle Formen der Unterdrückung.

Und heute? Was ist davon übrig? Die Komintern hat uns ein gewaltiges Erbe hinterlassen. Damit sind nicht nur zehntausende Seiten verschriftlicher Diskussionen und Erfahrungen gemeint, von denen die kommunistische Bewegung in Deutschland nur einen Bruchteil studiert – geschweige denn verdaut – hat.

Sie hat uns eine Tradition und ein Vorbild hinterlassen, die eine neue Generation von KommunistInnen sich zwingend aneignen muss. Sie hat uns große Erfolge und zahlreiche Fehler hinterlassen. Auch wenn die Errungenschaften der Kommunistischen Internationalen heute unerreichbar entfernt erscheinen. Ja, in jeder Situation ist es von unschätzbarem Wert für jeden Revolutionär und jede Revolutionärin, über den eigenen nationalen Tellerrand hinauszublicken, die Arme auszustrecken nach den in anderen Ländern kämpfenden GenossInnen und sich ihre Erfahrungen anzueignen, zu lösende theoretische Aufgaben mit ihnen gemeinsam anzugehen und das große Wort der Internationalen Solidarität zur Realität werden zu lassen.

Das was bleibt, ist die Notwendigkeit für eine internationale Organisation, welche die nationalen Kämpfe für Freiheit und Sozialismus verbindet.

[paypal_donation_button align=“left“]