International bekannte Medien wie die New York Times und der deutsche Spiegel berichten über zwei Berliner Antifa-Gruppen: „North East Antifascist“ (NEA) und „Antifa West Berlin“ (AWB). Sie werden als Teil einer russischen Destabilisierungskampagne in Deutschland dargestellt. Wir haben ein Interview mit NEA und AWB geführt und gefragt, was da dran ist.

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Seid ihr ein verlängerter Arm Russlands in Deutschland?

Natürlich! Schließlich versucht Russland, politische Entscheidungsprozesse seiner innerimperialistischen Konkurrenten zu beeinflussen  – was ist da aus russischer Perspektive nahe liegender, als bei autonomen Kleingruppen in Weißensee oder Charlottenburg an die Türen zu klopfen?!

Nein, mal im Ernst: Wir sind – von Russland vollkommen unabhängige – antifaschistische Gruppen aus Nordost- und Westberlin, die vor allem versuchen, „kiezbezogen“ zu arbeiten. Wir beteiligen uns zwar auch an größeren Mobilisierungen, wie beispielsweise gegen den Heß-Marsch, ziehen es aber im Alltag vor, in unseren Vierteln zu arbeiten.

Hier sind wir vernetzt, hier kennen wir die Leute und können auch schneller reagieren, wenn zum Beispiel regelmäßig faschistische Schmierereien auftauchen oder von Rassismus Betroffene angegriffen werden. Unsere Hauptarbeitsfelder sind klar Antifaschismus-Aktionen, also im wesentlichen Arbeit gegen die lokale AfD, andere „neurechte“ Strukturen und gegen die lokalen Neonazi-Strukturen wie die der NPD.

Trotzdem versuchen wir aber auch andere Themen wie Internationalismus, Sicherheitspolitik und Antikapitalismus nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, zum Beispiel durch klassische Solidaritätsarbeit, Unterstützung anderer Mobilisierungen, aber auch durch die Initiierung eigener Kampagnen wie die ‚Deutschland ist Brandstifter!‘-Kampagne im letzten Jahr anlässlich der Einheitsfeierlichkeiten in Berlin.

Euch wird vorgeworfen, eure Websites mit russischen Hackern zu teilen.
Was sagt ihr dazu?

Dadurch, dass wir Antifa-Politik machen, machen wir uns natürlich auch in verschiedenen Richtungen angreifbar: gegenüber den FaschistInnen, wie auch dem Staatsschutz – wobei man gerade beim Berliner LKA da nicht so eine scharfe Trennung zwischen diesen Gruppen ziehen sollte. Wir ziehen es aus offensichtlichen Gründen vor, uns vor beiden zu schützen.

Der Server, den wir gewählt haben, schützt unsere Anonymität – aber eben nicht nur unsere, sondern auch die von Leuten, die gefälschte Markenuhren verkaufen und scheinbar eben auch die von russischen Hackern. Wir haben bis zu dieser Woche allerdings auch nie geprüft, wer diesen Server noch nutzt. Unsere Websites sind auch älter als der Hackerangriff, von dem die NY Times berichtet. Das führt diese Kontaktschuldthese endgültig ad absurdum.

Eine Mail-Adresse, mit der eine der Websites von NEA oder AWB registriert wurde, soll von russischer Seite ebenfalls genutzt worden sein, um an vertrauliche Daten zu gelangen. Stimmt das?

Nein, das stimmt nicht. Wie auch schon die Journalistin Karolin Schwarz richtig auf ihrem Twitter-Account geschrieben hat, handelt es sich lediglich um den gleichen Anbieter.

Die New York Times schreibt, ihr hättet auf ihre Anfragen nicht reagiert…

NEA: Wir haben keine Anfrage erhalten.

AWB: Wir haben am Vortag der Veröffentlichung eine Mail bekommen. Wir haben die Anfrage aber nicht ernst genug genommen, um direkt zu reagieren. Sie wirkte ehrlich gesagt relativ unseriös, wie klassischer Spam eben.

Was muss die antifaschistische Bewegung tun, damit NYT und Spiegel titeln müssten „Antifa in der Offensive“?

Bevor sie sowas schreiben, müsste man sie vermutlich enteignen – soweit kriegt man sie nicht mehr bekehrt. Ansonsten muss man eben auch offensiver werden – sowohl in unseren Aktionen, als auch inhaltlich.

Ein Antifaschismus, der sich auf dem Level von „Bunt statt braun“ bewegt, ist in manchen Gegenden aus Selbstschutzgründen durchaus nachvollziehbar, bringt uns aber – aus revolutionärer Perspektive zumindest – nicht weiter. Gerade mit der AfD hat man allerdings eine Partei der Bonzen vor sich, die sich unter anderem durch illegale Spenden von Hamburger Immobilienspekulanten finanziert.

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Dabei darf nicht vergessen werden aufzuzeigen, wer denn die sozialen Kämpfe wirklich führt – lokal, in Deutschland und auch international.

Vor allem, wenn man auch in eher rechten und gleichzeitig besonders armen Gegenden unterwegs ist (wie in Nord-Pankow beispielsweise, bis zu 37% AfD bei der letzten Berlin-Wahl), bringt es einen nicht weiter, den Leuten nur zu sagen, dass sie doch bitte bitte nicht so rassistisch sein sollen. – Nein, man muss ihnen die wahren Ursachen und Lösungen für ihre prekäre Situation aufzeigen.