Nach dem Scheitern des Hanoi-Gipfels mit den USA testet das Land Raketenwerfer und Lenkwaffen kurzer Reichweite. Die Bundesregierung sieht eine „Provokation“, US-Präsident rechnet weiter mit Einigung. UN-Beobachter warnen derweil vor einem ganz anderen Problem in Nordkorea.

Der erste Bericht kam aus Südkoreas Hauptstadt Seoul. Der Generalstab des dortigen Militärs warf dem nördlichen Nachbarn am Samstag vor, erstmals seit 2017 Raketen abgefeuert zu haben. Nordkorea hat die Raketentests inzwischen bestätigt und Details bekannt gegeben: Demnach habe das Land Langstrecken-Mehrfachraketenwerfer und taktische Lenkwaffen kurzer Reichweite getestet. Die Geschosse seien von der Ostküste Nordkoreas aus abgefeuert worden und nach 70 bis 200 Kilometern ins Japanische Meer gestürzt.

Wie die staatliche Nachrichtenagentur KCNA berichtet, habe Nordkoreas Staatsführer Kim Jong Un das Manöver persönlich beobachtet und „große Zufriedenheit“ zum Ausdruck gebracht. Er habe die Truppen angewiesen, in einer „Haltung hoher Alarmbereitschaft“ zu bleiben. Sie sollten zudem die Kampffähigkeit verbessern, um „die politische Souveränität und ökonomische Selbsterhaltung des Landes zu verteidigen“. (Link: https://www.tagesschau.de/ausland/nordkorea-raketentest-141.html).

Zusammenhang mit Atomverhandlungen?

Nach nordkoreanischen Angaben verstießen die Tests nicht gegen UN-Auflagen und stünden nicht mit dem Atomkonflikt in Zusammenhang. Dem Land sei lediglich das Testen von Atomwaffen und ballistischen Raketen untersagt. Den getesteten Kurzstreckenwaffen dürfte jedoch eine hohe Bedeutung bei einem möglichen innerkoreanischen Krieg zukommen. Zudem wurden die Tests angesichts der festgefahrenen Atomverhandlungen als Signal an die USA gewertet. Im Februar war der zweite Atomgipfel zwischen Kim Jong Un und US-Präsident Trump gescheitert. Nordkorea äußerte seitdem mehrfach seinen Unmut über die Weigerung der USA, die Sanktionen gegen das Land zu lockern. Im April erklärte Nordkorea zudem, US-Außenminister Mike Pompeo nicht länger als Gesprächspartner akzeptieren zu wollen.

US-Präsident Trump äußerte sich trotz der Raketentests zuversichtlich zum weiteren Verlauf der Verhandlungen. Er glaube, dass Kim Jong Un sich des „großen wirtschaftlichen Potenzials“ Nordkoreas bewusst sei und dieses nicht beschädigen wolle. Es werde zu einer Einigung kommen, schrieb der US-Präsident auf Twitter. Die Bundesregierung nannte die Raketentests hingegen eine „Provokation“.

Droht eine Hungersnot in Nordkorea?

Nordkorea dürfte an einer Lockerung der Wirtschaftssanktionen zur Zeit ein sehr dringendes Interesse haben. Nach Berichten der Vereinten Nationen und des Welternährungsprogramms (WFP) drohe dem Land aktuell eine Hungerkatastrophe. Dürren, Hitzewellen und Überschwemmungen hätten die schlechteste Ernte seit zehn Jahren nach sich gezogen. Die Essensvorräte reichten nicht bis zur nächsten Ernte. Es fehlten 1,4 Millionen Tonnen an Nahrungsmitteln. Mindestens 10 Millionen Menschen seien von Hunger bedroht. Die staatlich verteilten Essensrationen seien bereits von 380 auf 300 Gramm pro Tag gekürzt worden. Weil Nordkorea nur über sehr begrenzte landwirtschaftliche Nutzflächen verfügt, ist die Sicherung der Nahrungsmittelversorgung seit Jahrzehnten das wohl größte wirtschaftliche Problem für den Staat. Kritischen Berichten zufolge setzen die zuletzt Ende 2017 verschärften UN-Sanktionen genau hier an, insbesondere durch das weitgehende Abschneiden des Landes von Öllieferungen, die gerade die Landwirtschaft träfen. Die Sanktionen würden für die nordkoreanische Bevölkerung ein massenhaftes Sterben durch Hunger und Kälte bedeuten.