Die Organisation „Solidaritätsnetzwerk“ berichtet auf Facebook von einer neuen Kampagne, die sich gegen die Drogeriemarktkette „Müller“ richtet. Perspektive-Autor Ashraf Khan hat sich mit Elias, dem Sprecher der Kampagne getroffen und nachgehakt, was dahintersteckt.

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Erzähl mal, wer bist du und was war am Freitag in der Freiburger Innenstadt los?

Ich heiße Elias. Ich mache gerade eine Ausbildung zum Rettungssanitäter und lebe in der Nähe von Freiburg. Meinen Freitagabend habe ich damit verbracht, Flyer vor der größten Müller-Filiale in der Freiburger Innenstadt zu verteilen. Gemeinsam mit dem Solidaritätsnetzwerk habe ich mit Kunden gesprochen und sie gebeten, nicht dort einzukaufen.

Gepostet von Solidaritätsnetzwerk Freiburg am Freitag, 7. Juni 2019

Warum? Was hast du mit diesem Drogeriemarkt zu tun?

Bevor ich meine Ausbildung zum Rettungssanitäter begann, habe ich mehrere Jahre für Müller gearbeitet. Zuerst als Nebenjob, später habe ich dann eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann begonnen. Diese Ausbildung habe ich allerdings im Dezember 2018 abgebrochen, weil ich dann doch lieber beim Rettungsdienst arbeiten wollte.

Und was genau ist jetzt dein Problem?

Nach meiner Kündigung habe ich noch eine Lohnnachzahlung erhalten. Mir kam das aber komisch vor, denn ich hatte bereits nachgerechnet und war eigentlich quitt mit dem Konzern. Darum habe ich meine Chefin gefragt, für was ich jetzt noch Geld bekomme. Diese hat mir mehrmals versichert, dass es anteiliges Weihnachtsgeld sei. Ich habe ihr dann geglaubt. Als Auszubildender war ich es gewohnt, am Existenzminimum zu leben, also habe ich mich umso mehr gefreut.

Ich habe ein paar Geschenke für meine Familie gekauft und das Geld sehr schnell ausgegeben. Einige Wochen später kam dann ein Brief von der Personalabteilung von Müller. Sie verlangten, dass ich das Geld zurückzahle.

In dem Brief wurde behauptet, dass ihnen ein Fehler passiert sei, weil ich meine Kündigung nicht ordentlich eingereicht hätte, sondern nur zu spät per E-Mail gekündigt hätte. Das ist eine merkwürdige Ausrede, ich habe nämlich fristgerecht per Post gekündigt und dafür auch eine Bestätigung.

Hast du Müller das Geld dann zurückgezahlt?

Wie könnte ich denn, ich hatte es ja schon ausgegeben. Als Azubi habe ich halt keine Ersparnisse und komme jeden Monat auf Null raus. Auch meine neue Ausbildung beim Rettungsdienst wird nicht besser bezahlt als die bei Müller. Und die Forderung betrug ja fast 500€, wo soll ich die hernehmen?

Wenn ich das Geld zurückgezahlt hätte, wäre ich halt aus meiner Wohnung rausgeflogen, weil ich die Miete nicht mehr hätte zahlen können. Das habe ich Müller dann auch in einem Brief erklärt. Außerdem sehe ich gar nicht ein, warum ich jetzt ein Problem habe, weil die Rechnungsabteilung einen Fehler gemacht hat.

Ich habe mit meiner Arbeit weit mehr Profit für meine Chefs erzeugt, als ich mit meinem Lohn zurückbekommen habe – wie alle ArbeiterInnen bei Müller und anderswo. Müller macht laut Wikipedia mehr als drei Milliarden Euro Umsatz pro Jahr. Und da müssen die echt noch 500€ aus mir rauspressen und damit meine Wohnung gefährden?

Die Firma hat das aber nicht eingesehen und stattdessen Klage gegen mich eingereicht, am 25. Juni ist mein Gerichtstermin.

Dagegen hast du also am Freitag protestiert. Warum hast du nicht einfach abgewartet, ob du überhaupt verurteilt wirst?

Naja, Müller kann sich halt die besten Anwälte leisten und hat auch einige Erfahrung damit, unliebsame MitarbeiterInnen zu verklagen. Ich kann im Gegenteil keine Spitzenanwälte bezahlen. Alleine wäre ich also in einer gar nicht so einfachen Situation.

Aber zum Glück gibt es die Organisation „Solidaritätsnetzwerk“, die unter anderem auch in Freiburg eine Ortsgruppe hat.

Was hat es mit dem Solidaritätsnetzwerk auf sich?

Im Soli-Netz können sich MieterInnen, ArbeiterInnen, RentnerInnen, Frauen und Jugendliche zusammenschließen und ihre Alltagsprobleme gemeinsam angehen. Die Gesellschaft, in der wir heute leben, ist so von Konkurrenzdenken geprägt, dass wir oft vergessen, dass viele Leute in unserer Nachbarschaft oder auf der Arbeit ganz ähnliche Probleme haben wie wir selbst.

Dabei sind wir gemeinsam viel stärker als alleine. Wie gesagt, allein hätte ich gegen Müller kaum etwas ausrichten können. Aber zusammen mit anderen Menschen kann ich Druck gegen die Firma aufbauen.

Wie genau wollt ihr das anstellen?

Bei unserer Aktion haben wir 500 Flyer verteilt und die Kunden über das Vorgehen von Müller informiert. Viele fanden das regelrecht skrupellos, wie dieser Konzern, der mehr als genug Geld verdient, mich in die Armut stürzen will. Einige Leute sind deswegen nicht bei Müller einkaufen gegangen. Das ist unser größtes Druckmittel. Wenn Müller durch unseren Protest Kunden verliert und Gewinneinbußen hat, dann lohnt es sich für sie einfach finanziell nicht mehr, mich abzuzocken. Auch von Müller-MitarbeiterInnen bekamen wir positives Feedback.

Das gilt nicht nur für mich: Wenn Müller oder andere Firmen wüssten, dass ihre MitarbeiterInnen oder KundInnen protestieren und für finanziellen Schaden sorgen, wenn sie abgezockt werden, dann würden sie sich in Zukunft zweimal überlegen, ob sie das Risiko eingehen wollen. Es geht also nicht nur um mich bei der Kampagne, das Ganze ist politisch.

Vielleicht lernt der Konzern ja etwas draus und zieht nicht nur die Klage zurück, sondern legt sich auch zukünftig nicht mehr mit ehemaligen MitarbeiterInnen an.

Vielleicht. Wenn das nicht bis Ende nächster Woche passiert, werden wir den Protest auf mehrere Städte ausweiten und so den Druck noch weiter verstärken. Für mich ist die ganze Sache dann auf jeden Fall eine Lehre. Und die lautet: Es lohnt sich, wenn wir uns wehren! Auch gegen den reichsten Konzern mit den besten Anwälten haben wir Macht. Aber eben nur wenn wir uns zusammenschließen. Unsere Waffe heißt Solidarität.