Nach einem Jahr schon andauerndem Protest der Gelbwesten ist nun ein anonymer Polizist zu Wort gekommen, der die Kämpfe aus seiner Sicht schildert. Er erhebt schwere Anschuldigungen gegen seine Vorgesetzten.

Im öffentlich-rechtlichen Hörfunk des französischen Senders France Inter hat sich ein Polizist der französischen Bereitschaftspolizei (CRS) ausführlich zu Wort gemeldet. In seinen Schilderungen beschreibt er nicht nur seine Gefühlslage während der Kämpfe, sondern auch die Planlosigkeit der französischen Polizeiführung.

Eingeschlossen am Élysée-Palast

Als am 1. Dezember 2018 die Proteste am Élysée-Palast begonnen haben, war Stéphane am Amtssitz des Staatspräsidenten stationiert. Er berichtet davon, wie er die Angst in den Augen seiner KollegInnen wahrnehmen konnte, die im Anblick von über dreitausend Gelbwesten ihre Stellungen nicht hätten halten können. Da am 1. Dezember alle französischen Polizeieinheiten über die ganze Hauptstadt verteilt waren, wäre bei Bedarf eine Verstärkung nicht möglich gewesen.

Auch eine Woche später, bei den Straßenschlachten auf der Champs-Élysée, war Stéphane anwesend und berichtet von der Gewissheit, dass es auf beiden Seiten Tote gegeben haben müsse. In dem Beitrag des französischen Hörfunks gibt er an, dass er Angst vor der Wut der Protestierenden gehabt habe und deren Entschlossenheit, zu handeln, in ihren Angriffen sehen konnte.

Ein Jahr Gelbwesten in Frankreich

3.000 gegen 80

Für Stéphane soll es eine ausweglose Situation gewesen sein, da bei den Kämpfen nur 80 PolizistInnen gegen über dreitausend DemonstrantInnen eingesetzt wurden. Daher war für ihn der Einsatz von exzessiver Gewalt gerechtfertigt. Anstatt drei Tränengasgranaten zu feuern, wurden bis zu vierzig Kartuschen verschossen.

Die Ratlosigkeit machte sich auch unter seinen KollegInnen breit. Was sollten sie tun? Ihre Positionen verlassen oder weg rennen? Bis zum Tod ausharren? Sie hatten keine Antwort und bekamen auch keine von ihrer Polizeiführung.

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Die Inkompetenz seiner Vorgesetzten

Stéphane gibt an, dass er sich nicht auf die polizeiinterne Hierarchie verlassen konnte. Das hätten ihm die Tage im Dezember deutlich gemacht. Für ihn war zu erkennen, dass die Polizeileitung mit den Gegebenheiten vor Ort nicht vertraut war. Es sollen schlechte Entscheidungen getroffen worden sein, und die Bedürfnisse der eingesetzten Einheiten seien nicht berücksichtigt worden. Sie seien – der vordergründigen Kontrolle wegen – verheizt worden.

Heute sehe die Situation anders aus: Die französische Taktik setze auf ein Übermaß an Polizeipräsenz, Straßensperren und Gewalteinsätzen, um die Proteste klein zu halten.

Stéphane konnte zu Beginn die Proteste die Forderungen der Gelbwesten gut nachvollziehen. Der Anstieg der Dieselsteuer war auch für ihn zu hoch. Gleichzeitig überraschte ihn die Zusammensetzung der Gelbwesten: Alle Menschen aus der Arbeiterklasse waren vertreten. Neben alten und jungen Personen gingen auch Arbeitslose und ArbeiterInnen auf die Straße.