2018 wird eine junge Frau im Urlaub auf Zypern vergewaltigt. Später landet sie jedoch selbst auf der Anklagebank und wird zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, die Täter kommen frei.

Im Juli letzten Jahres verbrachte eine junge Britin ihren Urlaub auf Zypern. Ihre Identität soll geschützt bleiben. Bekannt ist nur, dass sie in der Billig-Absteige „Pampos Napa Rocks“ unterkam. Die zu dem Zeitpunkt 18 Jahre alte Frau liierte sich mit einem 17-jährigen jungen Mann aus Israel.

An einem Abend, als sie mit ihrem Freund im Bett war, kamen plötzlich 12 weitere betrunkene Männer zwischen 16 und 19 Jahren hinzu. Über das folgende Szenario gab die Frau später folgendes zu Protokoll: „Mein Freund sagte, ich solle mich hinlegen, und er kniete auf meinen Schultern, ich konnte nicht atmen. Ich versuchte, meinen Kopf zu bewegen, und seine Freunde schrien und grölten. […] Ich weiß nicht, wie viele mich vergewaltigten.“

Danach ergriff sie die Flucht in eine nahe liegende Klinik. Die Polizei wurde eingeschaltet und nahm kurz später den Freund fest. Dieser gestand, dass die anderen Männer beim Sex anwesend waren, dies solle aber einvernehmlich geschehen sein. Als die anderen Männer fest genommen wurden, fanden sich Videoaufnahmen vom Übergriff auf ihren Mobiltelefonen. Drei der Männer gestanden die Tat.

Man würde nun erwarten, dass die Männer in einem Gerichtsverfahren schuldig gesprochen würden, und dass die Britin selbst wieder nach Hause fahren kann. Doch genau das geschah nicht. Stattdessen wurde der Pass der jungen Frau eingezogen. Nach zehn Tagen wurde sie dann sieben Stunden lang – ohne Rechtsbeistand – befragt. Sie unterschrieb am Ende ein in schlechtem Englisch verfasstes „Geständnis“, alles erfunden zu haben. Später berichtet sie, dafür unter massiven Druck gesetzt worden zu sein.

Daraufhin wurde die Britin ihrerseits noch in Zypern angeklagt. Über den Grund berichten unterschiedliche Quellen Verschiedenes: die einen sprechen von einer Anklage wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“, die anderen sagen, die Frau sei wegen ihrer angeblichen Falschaussage angeklagt. Die Richterin erklärte nur, dass die Angeklagte „einen schlechten Eindruck“ machen würde, sie „werde nicht die Frage behandeln, ob sie vergewaltigt wurde oder nicht“. Das Urteil fiel am 30. Dezember: „schuldig“.

Die jungen Männer aus Israel konnten ohne weitere Probleme nach Hause fliegen. Gegen sie hat es keine Anklage gegeben.

Warum ist das Verfahren so verlaufen?

Die Frage, warum das Gericht so entschieden hat, bleibt offen. Klar ist allerdings: Einige der involvierten Männer waren in Israel bestens vernetzt: als Freunde der Familien des Bürgermeisters von Jerusalem und des israelischen Ministers für regionale Zusammenarbeit. Drei Tage nach der Urteilsverkündung unterzeichneten Zypern und Israel ein wichtiges Gaspipeline-Abkommen.

Dagegen stellten die Medien in Israel kritische Fragen zu den Geschehnissen. ReporterInnen hatten die junge Frau schwer traumatisiert vorgefunden. Auch Großbritanniens Außenminister schaltete sich ein, Boykottaufrufe gegen Zypern kamen auf.

Am Dienstag wurde nun das Strafmaß der 19-Jährigen verkündet: Vier Monate Haft auf Bewährung, zusätzlich eine Geldstrafe von 140€. Die junge Frau möchte nun vor das oberste Gericht ziehen, der Schuldspruch ist weiterhin rechtskräftig. „Sie ist überzeugt von ihrer Unschuld und davon, dass sie die Wahrheit erzählt hat“, äußerte sich ihr Anwalt Lewis Power.

Darauf hin kündigte die Regierung Zyperns an, eventuell eine politische Lösung anzustreben. Der zyprische Außenminister Nikos Christodoulides schloss in einem Gespräch mit dem Staatsrundfunk nicht aus, dass die Britin in den folgenden Tagen vom Staatspräsidenten Nikos Anastasiades begnadigt werden könnte.

Am Tage der Verhandlung demonstrierten vor dem Gerichtsgebäude in Famagusta dutzende angereiste Israelinnen und Mitglieder von Frauenorganisationen. Sie zeigten sich solidarisch mit der Angeklagten, riefen „Zyperns Justiz, Schande über dich“. Sie trugen zum Teil Mullbinden über ihren Mündern, auf denen zugenähte Lippen zu sehen waren. Zusätzlich warfen Menschenrechtsgruppen der Polizei und den Medien vor, die Frau schlecht behandelt und erniedrigt zu haben.


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