Am 20. Februar 2003 verfehlte eine Patrone nur knapp den Kopf einen 48-jährigen Lehrers in Kassel. Die antifaschistische Bewegung vor Ort sprach schon damals von einem faschistischen Hintergrund des Mordversuchs. Doch der oder die Täter wurden nie ermittelt. 17 Jahre später scheint die Generalbundesanwaltschaft zu untersuchen, ob der mutmaßliche Lübcke-Mörder Stephan E. dabei eine Rolle spielte. Auch zeigen sich Verbindungen zur rechtsterorristischen Organisation „Combat 18“.

Es war 6 Uhr Morgens. Ein Kasseler Geschichtslehrer steht damals in seiner Küche, bereitet sich sein Frühstück zu. Dann durchschlägt eine Kugel Fenster und Rolladen. Sie verfehlen den Kopf des damals 48-jährigen nur um Zentimeter. Bei dem Betroffenen handelt es sich um einen antifaschistischen Aktivisten. Er soll sich damals unter anderem im lokalen Bündnis gegen Rechts engagiert haben.

Die antifaschistische Bewegung vor Ort ging schon früh von einem politisch motivierten Anschlag aus. Laut einer Erklärung der „Autonomen Antifa Kassel“ (AAK) vom 26. Februar 2003 würden „alle Anzeichen“ dafür sprechen: „Zum einen, weil es sich bei dem Opfer um einen Menschen handelt, der sich persönlich sehr stark in Vergangenheit, Gegenwart und hoffentlich auch Zukunft gegen faschistoide Bestrebungen einsetzte und mit seinem Engagement in der Öffentlichkeit stand. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Täter genau wussten, wann und wo sie ihr Opfer ins Visier nehmen konnten, was darauf hinweist, dass das Opfer schon über einen längeren Zeitraum beschattet wurde.“

Anti-Antifa in Kassel

Die AAK berichtet davon, dass sich um die Jahrtausendwende in der Neonazi-Szene vor Ort eine „Anti-Antifa“-Arbeit entwickelt habe. Dazu wurden insbesondere die Aktivitäten der „Kasseler Kameradschaft Sturm 18 Kassel“ gezählt. Diese betrieb eine Internetseite von und für die lokale Neonazi-Szene, auf der sich eindeutige Aufrufe befanden, die dazu anregen sollten, die politischen GegnerInnen auszuspionieren.

Bis zu ihrer Abschaltung wurde auf der Website öffentlich dazu aufgerufen, Informationen über bekannte AntifaschistInnen, Punks und andere unliebsame Personen zu sammeln: „Wichtige Informationen sind : ihre Treffpunkte , ihre Namen , Privatadressen , Fahrzeugtyp , Autokennzeichen , ihre politischen / kriminellen Aktivitäten“, so der Aufruf auf der Internetseite der „Kameradschaft Sturm 18 Kassel“.

Wie der Staat den rechten Terror fördert

Welche Rolle spielte Stephan E. bei dem Mordanschlag?

Nach Recherchen von NDR und Spiegel scheint nun – 17 Jahre nach dem Mordversuch – endlich die Generalbundesanwaltschaft zu prüfen, ob Stephan E. als möglicher Täter oder Helfer auch hierbei in Frage kommt. Dieser sitzt derzeit wegen seines mutmaßlichen Mordes an CDU-Politiker Walther Lübcke Mitte 2019 in Untersuchungshaft.

Im Zuge der Ermittlungen in diesem Fall soll die Polizei in einem verschlüsselten Ordner auf weitere Hinweise gestoßen seien, die ihn in Verbindung mit dem Mordversuch von 2003 bringt. So sollen bei Auswertungen seines Computers Name, Adresse, antifaschistische Aktivitäten und das Foto des Betroffenen gefunden worden sein. Die Datei soll ein Jahr vor dem Anschlag angelegt worden sein. Es könnte sich um Recherche-Ergebnisse handeln, die von der lokalen Neonazi-Szene im Rahmen ihrer Anti-Antifa-Arbeit gesammelt wurden, an der auch Stephan E. offenbar beteiligt war.

Verbindungen zu Combat 18?

In ihrer Erklärung von 2003 schrieb die AAK: „Niemand kann sich sicher sein, ob eine Anti-
Antifa-Liste von möglichen politischen Gegnern in Kassel und Region aus den verschiedensten politischen Zusammenhängen, die gegen den organisierten Neofaschismus arbeiten, existiert.“  Scheinbar hat sich ihre Befürchtung bewahrheitet – und Stephan E. war möglicherweise als ein Protagonist dabei.

Dazu passt, dass die „Sturm 18“ laut der Rechercheplattform Exif von den bekannten Neonazis Bernd T. und Stanley R. gegründet worden sein soll. Stanley R. wiederum werden auch Verbindungen zu Stephan E. – zumindest zur damaligen Zeit – nachgesagt. Und: Stanley R. soll laut Exif in den letzten Jahren eine zentrale Person des mittlerweile verbotenen „Combat 18“-Netzwerks gewesen sein. Über Stephan E. sagte er nach dem Mord an Walther Lübcke, dieser sei einer der „besten Kameraden“.

Anwalt von Stephan E.  weist Vorwürfe zurück

Bei den neuen Vorwürfen gegen Stephan E. handele es sich laut Generalbundesanwaltschaft nur um einen Anfangsverdacht. „Unser Mandant weist diese Vorwürfe empört zurück“, erklärte Frank Hannig, einer der Verteidiger von Stephan E. zu den Ermittlungen.

Ob dieser Mordversuch nun von heute aus aufgeklärt wird, bleibt abzuwarten. Zumindest im Jahre 2003 wurden die antifaschistischen Recherchen ignoriert. So stellte die AAK in ihrer Analyse schon 2003 fest: „Die Neofaschisten sind bereit und besitzen die Möglichkeit, Menschenleben zu opfern und stellen somit eine reale Bedrohungssituation für viele von uns dar.“


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