Die „Arbeiterwohlfahrt“ entstand ursprünglich als ArbeiterInnen-Hilfsverband der SPD. Mittlerweile wird sie vom Staat bezahlt und scheint vielfach ein Selbstbedienungsladen der Lokalpolitik zu werden. In Wiesbaden soll die Frau eines ehrenamtlichen Vorsitzenden über 15 Jahre hinweg rund 100.000 Euro erhalten haben – obwohl sie nie dafür gearbeitet hat. Damit weitet sich der Korruptionsskandal bei der AWO immer weiter aus.

Die Frau des langjährigen AWO-Vorsitzenden in Wiesbaden, Wolfgang Stasche, war bei dem Sozialbetrieb lediglich zum Schein beschäftigt. Dort erhielt sie 15 Jahre lang Geld auf Basis einer 450-Euro-Schreibkraft. Tatsächlich gearbeitet haben soll sie nicht. Insgesamt sollen rund 100.000 Euro gezahlt worden sein. Der Sozialbetrieb wird im wesentlichen staatlich, also aus Steuergeldern finanziert.

Wie die hessenschau berichtet, hat Stasche dies bereits zugegeben. „Da ein Ehrenamt nicht vergütet werden kann, hat Hannelore Richter mir vorgeschlagen, das über meine Frau laufen zu lassen“, so der 79-Jährige zitiert. „Bei Hannelore war sowas nie ein Problem“, so Stasche weiter.

Hannelore Richter ist die Ehefrau des ehemaligen AWO-Geschäftsführer in Frankfurt, Jürgen Richter. Sie sind wichtige Protagonisten in einem Skandal um sechsstellige Gehälter, 435 PS-Dienstwagen oder steuerfreie Geldgeschenke.

Der Hessener AWO-Skandal

Der Korruptionsskandal in der Hessener AWO begann, als herauskam, dass die Frau des Frankfurter Oberbürgermeisters, Zübeyde Feldmann, für ihren Posten als Leiterin eines Kindergartens ein ungewöhnlich hohes Gehalt kassierte.

Sie wurde bereits nach zwei Jahren im Dienst in die höchste Gehaltsstufe hinauf katapultiert, die üblicherweise erst nach 17 Jahren erreicht wird. Rund 4.500 Euro brutto bekam sie monatlich, neben einem Dienstwagen, den sie nutzen durfte.

Auch ihr Mann hatte – bevor er Oberbürgermeister wurde – für die AWO in Frankfurt gearbeitet. Speziell für ihn soll ein neuer, gut bezahlter Posten eingerichtet worden sein, der nach seinem Jobwechsel auch nicht wieder besetzt wurde. Selbstverständlich ging dieser Posten mit einem hohen Gehalt einher. Dass dies nur die Spitze des Eisbergs war, wurde erst in den folgenden Wochen klar.

AWO-Funktionäre hatten sich selbst Honorare über tausende Euros zugeschanzt und „Dienst-SUV“ mit bis zu 435 PS genehmigt.

Korruptes Netzwerk an der Spitze

In die korrupten Machenschaften war nicht nur der Kreisverband Frankfurt der AWO involviert. Auch der Wiesbadener Kreisverband spielte eine wichtige Rolle. Die Spitzen der Kreisverbände arbeiteten zusammen, um Kontrollmechanismen zu umgehen und so die Korruption möglich zu machen.

So war der Frankfurter AWO-Geschäftsführer Jürgen Richter gleichzeitig im Vorstand des Kreisverbands Wiesbaden für die Aufsicht zuständig. Seine Frau Hannelore Richter war die Geschäftsführerin der AWO in Wiesbaden. Sie soll noch weitere Ämter inne gehabt haben, sowie Aufträge vom Frankfurter Kreisverband ihres Ehemannes zugeschoben bekommen haben. Diese Aufträge als „Sonderbeauftragte“ verschafften ihr ein zusätzliches Einkommen von zeitweise mehr als 140.000 Euro im Jahr.

Das Ehepaar Richter verursachte damit in Wiesbaden Gehaltskosten von mehr als 340.000 Euro jährlich. Auf etwa diese Höhe werden auch die Kosten des Kreisverbands Frankfurt geschätzt, womit man von insgesamt rund 700.000 Euro jährlich ausgehen kann.

Jetzt auch Thüringen – Korruptionsskandal bei der „Arbeiterwohlfahrt“ weitet sich aus


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