Schon im ersten Halbjahr dieses Jahres wurden 118 Frauen in der Türkei ermordet. Pinar Gültekin ist eine davon. Seit ihrem Tod sind zehntausende Frauen auf die Straße gegangen. Welche Antwort können wir als Frauen auf Femizide geben? – Ein Kommentar von Mariya Kargar

„In der Türkei Frau zu sein ist sehr schwierig, aber Frauen zu töten ist einfach“, sagt Ece Üner, die Moderatorin der Show „Ana Haber“, zur Ermordung von Pinar Gültekin.

Pinar Gültekin war 27 Jahre alt und Wirtschaftsstudentin in der Provinz Mugla. Betrachtet man ihre Bilder auf Instagram, sieht man an ihrem Lächeln, wie lebensfroh Pinar war, wie hoffnungsvoll, und dass sie viele Pläne für ihr Leben hatte. All diese wurden durch ihren Ex-Freund Camal Metin zerstört.

Da Pinar ihre Affäre mit ihm beendete, hat Cemal Metin – Vater zweier Kinder – sie aus Rache bewusstlos geschlagen. Sie erwürgt. Ihren leblosen Körper ins Feuer geworfen. Und ihre Überreste in einer Mülltonne mit Beton übergossen. Die Reste ihrer Leiche wurden am Montagabend von der Polizei gefunden.

Pinar ist zur 118. Frau geworden, die dieses Jahr in der Türkei von einem Mann ermordet wurde.

Wir wollen nicht sterben

Nach dem grausamen Mord an Pinar Gültekin haben hunderttausende Frauen in Istanbul, Izmir, Ankara, Antalya, Kadiköy und vielen weiteren Städten gegen die Femizide in der Türkei protestiert. Sie fordern eine sofortige Ratifizierung des Istanbul-Abkommens.

Bei den Protesten konnte man viele Plakate mit den Namen ermordeter Frauen sehen. Auch las man Plakate, auf denen stand: „Wir wollen nicht sterben“. Die Proteste der Frauen wurden – wie immer – von der Polizei angegriffen. Mehrere Frauen wurden festgenommen.

Fidan Ataselim, die Generalsekretärin der Plattform „Wir werden Frauenmorde stoppen“, sagte in ihrer Rede in Istanbul: „Wir sind so wütend. Wir haben nicht vor, auch nur einen Schritt zurück zu machen. Die Frauen sind aufgewacht. Ja, und das stört die Männlichkeit“.

Femizide in der Türkei

Laut der Plattform „Wir werden Frauenmorde stoppen“ wurden allein im letzten Jahr 474 Femizide in der gesamten Türkei bekannt. Fast alle Fälle wurden vom Ehemann, Ex-Mann, Ex-Freund oder anderen Männern aus dem familiären Umfeld verübt. Allein für den März dieses Jahres hat die Plattform schon 29 Femizide registriert.

Die Anzahl der Frauenmorde in der Türkei nimmt von Jahr zu Jahr zu. Feministinnen und Frauenorganisationen machen das islamisch-fundamentalistische Regime Erdogans für die Femizide verantwortlich.

Man hört und liest immer wieder frauenfeindliche Kommentare von Erdogan persönlich, wie auch von seinen männlichen Parteikameraden. Beispielhaft sind die häufigen Einlassungen von Bülent Arınç, dem Vizepremier der AKP-Regierung. Während einer Parlamentssitzung waren ihm die Ausführungen einer Abgeordneten der linken HDP offenbar zuwider. Er unterbrach sie barsch und befahl ihr: „Seien Sie still! Sie als Frau, seien Sie still!“.

Außerdem beschwerte er sich über Frauen, die in der Öffentlichkeit lachen und zu lange telefonieren: „Wo sind unsere Mädchen, die leicht erröten, ihren Kopf senken und die Augen abwenden, wenn wir in ihre Gesichter schauen, und somit zu einem Symbol der Keuschheit werden?“. Wenn ein Land von solch frauenfeindlichen Chauvinisten regiert wird, ist Frauenmord nicht überraschend.

Femizide, grausames Verbrechen ohne Grenzen

Gewalt und Mord an Frauen kennen keine Grenzen, keine Religion, keine Nationalität. Denn all diese werden von Männern beherrscht und dominiert. Jedes Jahr werden weltweit fast 90.000 Frauen durch Männer ermordet.

In Europa wurden allein 2017 rund 3.000 Frauen nur aufgrund ihres Geschlechts getötet. In den USA werden mehr als 300 Frauen pro Jahr ermordet. In Deutschland wurden 135 Frauen im Jahr 2019 umgebracht. Das heißt: Mindestens alle drei Tage wird in Deutschland ein Femizid verübt. Im Iran werden jedes Jahr mehr als 400 Frauenmorde registriert.

Frauenmord in Cottbus: Wenn eine ganze Stadt den Atem anhält

Der jüngste Fall ist die Iranerin Romina Ashrafi. Sie war 14 Jahre alt, als sie vor einem Monat von ihrem Vater im Schlaf mit einer Sichel geköpft wurde. Sie war mit ihrem Geliebten geflohen, weil ihre Familie ihr eine Hochzeit aufzwingen wollte. Auf der Flucht wurde Romina von der Polizei festgenommen und an ihre Familie ausgeliefert. Natürlich weiß die Polizei im Iran, dass geflohene Frauen und Mädchen sich in Lebensgefahr befinden.

Auch in Pakistan sind 2017 etwa 300 Frauen ermordet worden. In Afghanistan wurden in selbem Jahr 280 Femizide registriert. In Mexiko sterben täglich 9 Frauen – also alle zweieinhalb Stunden eine Frau. Im Irak wurden in Basra 2016 innerhalb von zwei Wochen 15 Frauen ermordet. Im kurdischen Nordirak gibt es keine Woche, in der nicht ein oder zwei Leichen von Frauen oder Kindern gefunden werden.

In Kurdistan gibt es in jeder Stadt eigens für die Frauen, die Opfer von Femiziden wurden, Friedhöfe am Stadtrand. Auf diesen Friedhöfen werden namenlose Frauen begraben, deren Leichen in Flüssen, in den Bergen oder auf irgendwelchen Seitenstraßen außerhalb der Stadt aufgefunden wurden.

Es handelt sich dabei um Frauen, die Opfer patriarchaler Traditionen, religiöser Kulturen oder nationalistischen Wahnsinns sind. Diese Friedhöfe sind keine Ehrbekundung, sondern dafür da, um derart „schmutzige“ Frauen nicht neben anderen Menschen begraben zu müssen. So werden die Frauen nach ihrer Ermordung ein weiteres Mal beiseite geschafft.

Gegenwärtig werden weltweit zwischen 113.000.000 und 200.000.000 Frauen vermisst. Dabei handelt es sich um Frauen und Mädchen, von denen nicht bekannt ist, was mit ihnen nach der Geburt geschehen ist. Ob sie von ihren eigenen Eltern ermordet wurden, weil sie als Mädchen für weniger wertvoll erachtet wurden als ein Junge, oder ob sie einfach weggegeben und verkauft wurden, ist dabei unklar. Möglich ist auch, dass sie in die Hände von Schmugglern geraten sind, die sie ausbeuten und zur Prostitution zwingen.

Wer trägt die Schuld?

Verantwortlich für den Mord ist zuallererst der Täter. Ich habe auch bereits beschrieben, wie der patriarchale Staat den Tätern den Rücken deckt und sich damit mitschuldig macht. Femizide richten sich gegen Frauen in der gesamten Gesellschaft, und so muss die gesamte Gesellschaft dagegen Widerstand leisten, um sich nicht ebenfalls schuldig zu machen. Denn verantwortlich sind auch diejenigen, die diesen Verbrechen gegenüber schweigen oder immer wieder Untätigkeit beweisen.

MittäterInnen sind die Leute, die Schreie, Schläge und Streitigkeiten unter NachbarInnen hören und sie ignorieren, um sie als Familienproblem zu bezeichnen. Schuldig ist die Polizei, die Morddrohungen gegen Frauen missachtet und untätig darauf wartet, bis die Frauen tot sind, um dann erst ihre Mörder einzusperren. Verantwortlich sind die MeinungsmacherInnen der Medien, die Frauenmorde als „Familiendramen“ verharmlosen.

Schluss mit dem Verständnis für mordende Expartner!

Was ist die Lösung gegen Gewalt und Mord an Frauen?

Diese Barbarei muss ein Ende nehmen! Wir wissen alle, dass die Lösung nicht in den Parlamenten, Gerichtssälen oder bei der Polizei zu finden ist. Sie alle stehen auf der Seite männlicher Interessen, weil sie alle vom Patriarchat geprägt sind.

Die einzige Lösung ist, dass wir alle Ressourcen zur Selbstverteidigung nutzen. Die Unfähigkeit der Regierungen und ihre Komplizenschaft mir den Vergewaltigern und Frauenmördern zwingt Frauen ohnehin schon oft genug zur Selbstverteidigung und Selbstjustiz.

Wir Frauen teilen einen gemeinsamen Schmerz – egal, wo wir herkommen; egal welchen Glauben oder welche Ideologie wir haben; egal, ob es sich bei uns um Professorinnen, Kassiererinnen oder Fabrikarbeiterinnen handelt; und egal, in welcher Partei wir Mitglied sind. Dieses Verbrechen bedroht das Leben jeder Einzelnen.

  1. Wir Frauen müssen solidarische, kämpferische und politisch bewusste Frauenorganisationen aufbauen.
  2. Wir Frauen müssen gemeinsam Kampfsport treiben und uns strategisch schulen.
  3. Wir Frauen müssen die modernen Technologien beherrschen lernen, um Täter ausfindig zu machen.
  4. Wir Frauen müssen uns wappnen, um patriarchale Gewalt und Femizide zu verhindern und zu ahnden.
  5. Wir Frauen müssen uns zusammenschließen, um die Interessen und Rechte der Frauen und Mädchen, die im Haushalt der Eltern, in der Ehe oder am Arbeitsplatz von patriarchaler Gewalt bedroht sind, zu verteidigen.

Kein Frauenmörder darf in Ruhe weiterleben. Diese Aufgabe muss durch kämpferische Frauen in aller Welt umgesetzt werden. Männer, die Frauen gegenüber gewalttätig sind, müssen Gegengewalt fürchten. Die „Pinken Saris“ in Indien haben dies beispielhaft vorgemacht. Gewalttätige Männer erzittern vor diesen kämpferischen und politisch bewussten Frauengruppen. Der Widerstand muss aber noch besser organisiert werden. Wir Frauen und die progressiven Männer dürfen nicht mehr die Hände in den Schoß legen.


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