Vermutlich haben Geflüchtete im Moria-Lager mehrere Nächte hintereinander das Camp in Brand gesteckt, um ihm zu entfliehen. Europas Neofaschisten sind empört, die europäischen Regierungen reiben sich hilflos die Augen. – Ein Kommentar von Paul Gerber

Man stelle sich vor, die gesammelten SünderInnen probten im Fegefeuer den Aufstand gegen den Teufel, der sie dort quälen soll. In der christlichen Mythologie undenkbar, schließlich kann nur Gott Erlösung schaffen. Für die knapp 13.000 Geflüchteten auf Lesbos heißt diese Hölle aber Moria, sie rebellieren nicht gegen den Teufel, sondern gegen die Heuchelei der EU, und sie haben erkannt, dass weder Gott, noch die Presse, noch Hilfsorganisationen sie retten werden – sie müssen es selbst tun.

Die Menschen in Moria mussten jahrelang erleben, dass sich das bereits hoffnungslos überfüllte Lager weiter füllte – ohne Aussicht auf eine Lösung oder einen Ausweg für sie. Sie haben schockierte JournalistInnen und betroffene HelferInnen von Hilfsorganisationen noch und nöcher gesehen, aber die erhoffte Rettung aus dem, was sie selbst als „Hölle von Moria“ bezeichnen, blieb aus.

Allem Anschein nach sind es die Infektion von mindestens 35 Personen mit dem Corona-Virus, sowie die darauf erfolgte Verschärfung der Einschränkungen in dem – ohnehin um mehr als das Vierfache – überbelegten Lager, die den Auslöser für eine Rebellion der Gefangenen darstellten. Sie sind der Auslöser, aber nicht der Grund. Denn die Hölle war Moria schon, bevor es in Flammen stand. – Und Europa hat zugesehen.

Es ist das einzig Richtige, sich ohne Wenn und Aber hinter die Forderungen der Menschen in den Lagern – einschließlich ihrer Kampfformen – zu stellen. Die Verantwortung für das Feuer in Moria tragen nicht die BrandstifterInnen selber, sondern die Herrschenden Europas, die Moria als Abschreckungsmaßnahme für alle, die dem Elend ihrer Heimat entkommen wollen, an der Außengrenze Europas installiert haben.

Allem geheuchelten Mitgefühl zum Trotz zeigt die jetzige Diskussion, wie mit der Lage umzugehen sei, worum es in Moria eigentlich ging und geht: Man wollte Geflüchtete nicht ermutigen, nach Europa zu kommen – weder durch menschenwürdige Unterkünfte und auch jetzt nicht, indem man sich ihrem Aufstand beugt.

Großbrand im Flüchtlingslager Moria

Dennoch zwingt jetzt der Brand von Moria die Regierungen Europas, zu handeln und sich ihrer Verantwortung zu stellen. Obwohl die Menschen auf Lesbos nun unter freiem Himmel schlafen müssen, war es wohl das einzig Richtige, diesen Schritt jetzt zu tun – bevor sich das Lager wegen der Ausbreitung von Corona unweigerlich in eine Todesfalle verwandelt hätte. Die Geflüchteten in Moria haben nur von ihrem Recht Gebrauch gemacht, ihr Leben zu verteidigen.

Es gibt keinen Grund, vor dem verhüllten und unverhüllten Menschenhass zurückzuweichen, der nun in den Medien von manch empörten PolitikerInnen inszeniert wird. Die Hölle von Moria ist abgebrannt und das ist gut so. Sie war ein Schandfleck für alle EuropäerInnen, in deren Herzen noch ein bisschen Menschlichkeit steckt.


Wir schreiben für Perspektive – ehrenamtlich und aus Überzeugung. Wir schalten keine Werbung und nehmen kein Geld von Staat oder Konzernen an. Hilf' uns dabei, unseren unabhängigen Journalismus zu erweitern: mit einer einmaligen Spende, einem regelmäßigen Beitrag bei Paypal, Steady oder am besten als Mitglied in unserem Förderverein.