Deutschlands größte Gewerkschaft „IG Metall“ (IGM) hat im Vergleich zum Vorjahr zwei Prozent ihrer Mitglieder verloren – und das trotz Wirtschafts- und Coronakrise. Grund dafür dürfte auch die ‚kooperative‘ Haltung gegenüber den Unternehmen sein. Für die anstehende Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie kündigte sie an, nur darauf zu „bestehen, dass die Realeinkommen gesichert werden“.

Für die IGM ist die „Sozialpartnerschaft“ – also die vertrauensvolle Zusammenarbeit von Arbeiter:innen-Vertretung und Kapital-Verbänden – ein „Erfolgsmodell“. Das scheinen nicht alle Arbeiter:innen an der Basis so zu sehen.

48.000 Kolleg:innen haben der Industriegewerkschaft im vergangenen Jahr den Rücken gekehrt. Das ist ein Verlust von rund zwei Prozent. Insgesamt hat die IG Metall noch rund 2,2 Millionen Mitglieder. Seit dem Jahr 2000 hat sie etwa 20% ihrer Mitglieder verloren.

Wie die IGM in einer Pressemitteilung erklärte, sei „im Corona-Krisenjahr 2020“ ein „ernsthafter Mitgliedereinbruch“ ausgeblieben – ganz so, als sei es üblich, dass man sich in Krisenzeiten, wo hunderttausende Menschen von Entlassungen, Jobabbau und Kurzarbeit betroffen sind, weniger für gewerkschaftliche Organisierung interessiert. Der erste Vorsitzende der IG Metall, Jörg Hofmann, erklärte zudem: „Die Bindung unserer Mitglieder hat eher zugenommen.“

Doppelte Nullrunde organisiert

Hintergrund des trotzdem bemerkenswerten Mitgliederschwunds könnte nämlich durchaus die fehlende Kampfbereitschaft der IG Metall in einer der schwersten Wirtschaftskrisen seit Ende des zweiten Weltkriegs sein.

So lief eigentlich der Tarifvertrag in der Metall- und Elektro-Industrie schon Ende März 2020 aus. Doch anstatt die Kampfmöglichkeiten für eine Stärkung der Arbeiter:innen-Seite in der hereinbrechenden Pandemie zu nutzen, hat die IGM im März 2020 angesichts der Corona-Lockdowns jegliche Kämpfe verschoben.

Sie stimmte einer einfachen Fortsetzung des Tarifvertrags zu und erklärte, bis Ende Januar 2021 keine Streikaktionen durchführen zu wollen. Das kam damit einer faktischen Lohnkürzung gleich, denn: steigt das Gehalt nicht, wird es grundsätzlich geringer, da es durch die regelmäßige Inflation aufgefressen wird. Man spricht dann von einer „doppelten Nullrunde“.

Gerade mal 4 Prozent der Einnahmen für Streikgeld und Rechtsschutz

Der fehlende Kampfeinsatz zeigt sich auch in den Ausgaben der IG Metall: Von den gezahlten 591 Millionen Euro aus Mitgliedsbeiträgen hat die IG Metall im vergangenen Jahr gerade einmal 25 Millionen für Satzungsleistungen wie Streikgeld und Rechtsschutz ausgegeben. Das sind etwa 4 Prozent der Gesamteinnahmen. Dabei ist gerade das Streikgeld ein zentraler historischer Beweggrund, überhaupt Beiträge an die Gewerkschaft abzuführen.

Der größte Teil der Beitragseinnahmen, 216 Millionen Euro, ging auch 2020 an den Funktionärskörper in den Geschäftsstellen; 89 Millionen Euro flossen in Rücklagen und Rückstellungen, 31 Millionen wurden in Bildungsarbeit investiert.

IG Metall kündigt erneute Nullrunde an

Auch in der kommenden Tarifauseinandersetzung in der Metall- und Elektroindustrie scheint die IG Metall keine großen Schritte zu planen. Die Gewerkschaftsforderung mit „einem Volumen von vier Prozent“ seien sehr moderat, wie Jörg Hofmann betonte.

In Betrieben, von denen eine 4-Tage-Woche gefordert werde, sollen diese 4 Prozent für einen Teillohnausgleich verwendet werden. Doch für die Beschäftigten könnte das am Ende bedeuten, zwar weniger zu arbeiten, aber auch bis zu 20 Prozent weniger Geld im Portemonnaie zu haben. Auch dort, wo Lohnerhöhungen erkämpft werden sollen, sieht es die IG Metall mit ihrer 4-Prozent-Forderung nicht so genau: 2021 werde man „darauf bestehen, dass die Realeinkommen gesichert werden“, so Hofmann. Konkret bedeutet das, dass die Gewerkschaft schon jetzt, bevor überhaupt irgendeine Kampfmaßnahme gelaufen ist, mit einer Nullrunde zufrieden wäre.

Die IG Metall kapituliert schon vor der ersten Verhandlungsrunde!?


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