Bereits seit Monaten wird eine hitzige Diskussion um die Erhöhung des Renteneintrittsalters geführt – bisher ging es dabei um eine Erhöhung des Eintrittsalters auf 68 Jahre. Nun prescht Gesamtmetall-Präsident Stefan Wolf vor: er fordert eine weitere Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre.

Momentan liegt das Renteneintrittsalter bei 67 Jahren, seit einigen Monaten wird über eine Erhöhung des Eintrittsalters diskutiert. Die meisten Parteien sprechen sich dabei für eine Erhöhung um ein Jahr aus, also auf 68. Dem Gesamtmetall-Präsidenten reicht das nicht. Er möchte das Eintrittsalter um ganze drei Jahre steigern. Gegenüber der Funke Mediengruppe sprach Wolf von einem Eintritt in die Rente mit erst 70 Jahren.

„Wir werden in den nächsten Jahren über ein Renteneintrittsalter von 69 bis 70 Jahren reden müssen“, äußert sich der Gesamtmetall-Präsident, der die Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie vertritt, am Dienstag. Begründet wird das Ganze mit einem Finanzierungsproblem bei den Rentenkassen. Aus der Tatsache, dass die Lebenserwartung steige, leite sich ab, dass Menschen länger arbeiten müssen.

Mit dieser Meinung steht Wolf nicht allein: kürzlich forderte der Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium ebenfalls ein höheres Eintrittsalter, das an die Lebenserwartung gekoppelt wird. Der Arbeitgeberverband plädierte bereits im April für ein ähnliches Vorhaben. Rainer Dulger, Präsident des Arbeitgeberverbands, gibt dabei gegenüber der Deutschen Presse Agentur offen zu, dass das Rentensystem in der aktuellen Form keine Zukunft hat.

Ein späteres Renteneintrittsalter wird dafür jedoch kaum die Lösung sein, das sieht auch die Gewerkschaft ver.di so. In einem Informationspost auf ihrer Website schreibt die Gewerkschaft: „Die Lebenserwartung der Menschen steigt. Gleichzeitig verbessern sich aber nicht automatisch die körperlichen und psychischen Voraussetzungen für ein längeres Arbeitsleben. Wer ein Leben lang körperlich hart gearbeitet hat, kann häufig nicht bis 65 oder 67 weiterarbeiten. Deshalb ist es zu einfach, nur auf die Lebenserwartung abzustellen. Aussagekräftiger ist die „beschwerdefreie Lebenserwartung“, die angibt bis zu welchem durchschnittlichen Alter ohne körperliche und geistige Einschränkungen gelebt werden kann. Dieses Alter liegt bei nur 56 Jahren.“

Laut der Gewerkschaft ist es für ältere Menschen zudem ohnehin schwerer Jobs zu finden, die Arbeitslosenquote steigt mit dem Alter. Abgesehen davon, dass viele ältere Menschen es nicht schaffen würden, das hohe Renteneintrittsalter einzuhalten. Sie müssten dann frühzeitig und mit Abschlägen in Rente gehen, was laut ver.di zu einer de facto-Rentenkürzung führt.

Eine Rentenkürzung, die sich eine sowieso bereits von Armut geplagte Altersgruppe nicht leisten kann. Die Altersarmut steigt, viele Rentner:innen sind bereits jetzt gezwungen, bis ins hohe Alter weiterhin arbeiten zu gehen. Im Jahr 2019 waren rund 1,29 Millionen Rentner:innen noch berufstätig.

Auch das Argument der steigenden Lebenserwartung ist umstritten. In einer Studie, die im Auftrag des Sozialverbands VdK durch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) durchgeführt wurde, zeigt sich: Die Lebenserwartung hängt stark von Beruf und Einkommensgruppe ab.

Während Beamt:innen im Schnitt eine Lebenserwartung von bis zu 87 Jahren haben, liegt sie bei Arbeiterinnen nur bei etwa 83 Jahren. Außerdem lebt die unterste Einkommensgruppe im Schnitt fast 5 Jahre kürzer als die höchste mit 82 zu 87 Jahren. Die Lebenserwartung steigt also insgesamt an, ist jedoch extrem unterschiedlich. Bei einer Verschiebung des Renteneintrittsalters wären es dann genau die Menschen mit niedrigerem Einkommen, die sich einen verfrühten Eintritt in die Rente nicht leisten könnten.


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