Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) veröffentlichte gestern den „Tarifpolitischen Bericht“. Der Bericht zeigt, dass die Konfliktbereitschaft bei Tarifverhandlungen sich nach der Pandemie immer weiter zuspitzt.

Der wirtschaftsliberale Thinktank der deutschen Wirtschaft hat die Tarifkonflikte der Gewerkschaften und der Arbeitgeber:innenverbände der letzten Jahre analysiert. Im gestrigen Bericht zeigt das Wirtschaftsinstitut auf, dass die Forderungen der Gewerkschaften zunehmen. Das Institut nutzt hierzu ein Punktesystem, um die Tarifkonflikte zu bewerten. So erhalten Tarifverhandlungen 0 Punkte, Streik- und Aussperrungsdrohungen 1 Punkt, Abbruch der Verhandlungen 2 Punkte, Streikankündigungen oder Streikaufrufe 3 Punkte, Warnstreiks 4 Punkte, Scheitern der Tarifverhandlungen und Schlichtungen oder juristische Auseinandersetzungen 5 Punkte, Scheitern der Tarifverhandlungen und Urabstimmung oder unmittelbarer Streikaufruf 6 Punkte und der direkte Streik und Aussperrungen 7 Punkte.

Der „Konfliktbarometer“ schlug nun schon im ersten Halbjahr dieses Jahres an. So vergab das Institut in diesem Jahr insgesamt im Durchschnitt 8,4 Punkte bei einer Analyse von 20 Branchen. Während sich die Gewerkschaften im Vorjahr auf „Minimalerhöhungen“ um rund 100 Euro bemühten, lag das Konfliktpotential dementsprechend im gesamten Zeitraum bei 2,3 Punkten. Maßgeblich hat hierzu die Pandemie beigetragen. So wollten die Gewerkschaften lediglich eine Sicherung der Beschäftigten erreichen. Zunächst waren Forderungen von 4,0 bis 5,3 Prozent Lohnsteigerung das Ziel der Gewerkschaften gewesen, die allerdings schnell ihre Forderungen zurückzogen.

Kein weiterer Lohnverzicht

In diesem Jahr sorgt der Konflikt der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) gegen den Konzern Deutsche Bahn (DB) für Furore. Doch auch die Metall- und Elektro-Industrie setzten im Tarifstreit auf Konfrontation. Vor dem Hintergrund der steigenden Inflation und der damit einhergehenden Teuerung der Lebenshaltungskosten sehen die Gewerkschaften in diesem Jahr keinen Grund für einen Kompromiss auf Basis eines Minimalkonsenses mit den Arbeitgeber:innenverbänden. Lediglich in der Hotel- und Gaststättenbranche ruhen die Tarifverhandlungen weiterhin. Vor allem die Branchen, die hart durch die pandemiebedingten Regierungsmaßnahmen 2020 betroffen waren, wollen keinen weiteren Lohnverzicht hinnehmen.

Inflationsrate in Deutschland bei 3,8 %

Wir werden schon bald einen Umverteilungskampf erleben, wenn die Inflation weiter anzieht“, sagt die IW-Forscher Dr. Hagen Lesch. Die Inflation in diesem Jahres ist bereits jetzt auf über 3,8 Prozent gestiegen, ein weiteres Anziehen der Teuerungsrate wird erwartet. Somit sind die Leidtragenden der Wirtschaftkrise erneut die Arbeiter:innen. Sie müssen die angespannte Lage auf ihrem Rücken austragen und mit einem geringen Lohn nach Hause gehen oder mit Entlassungen rechnen.


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