Tausende Menschen protestierten in der afghanischen Stadt Kandahar gegen die Taliban – dort sollten zuvor etwa 3.000 Familien ihre Wohnsiedlung räumen.

In der südafghanischen Stadt Kandahar kam es zu Protesten von Tausenden gegen die islamistischen Taliban. Ein früherer Regierungsmitarbeiter teilte der Nachrichtenagentur Reuters mit, dass zuvor .000 Familien aufgefordert wurden, ihre Wohnsiedlung zu räumen. Im Anschluss daran versammelten sie sich vor dem Regierungssitz des Gouverneurs.

Bislang lebten in der Siedlung Angehörige von Armee-Mitgliedern, einige von ihnen schon seit mehr als 30 Jahren. Laut des Ex-Regierungsmitarbeiters ließ man ihnen nur drei Tage Zeit, um die Siedlung zu verlassen. Die Taliban gaben zunächst keine Stellungnahme ab.

Mit ihrem Protest setzten sich die Protestierenden über das Demonstrationsverbot, das die Taliban vor etwa einer Woche aussprachen, hinweg.

EU plant Gespräche mit den Taliban

„Wenn wir die Vorgänge dort irgendwie beeinflussen wollen, bleibt uns nichts anderes übrig, als mit den Taliban in Kontakt zu treten.“, so EU-Außenbeauftragter Josep Borrell im EU-Parlament in Straßburg. Die Europäische Union plant also weiterhin Gespräche mit den Taliban und diskutiert mit der Regierung über eine diplomatische Präsenz in Kabul.

Damit will sie unter anderem verhindern, dass weiterhin Geflüchtete aus Afghanistan in die Europäische Union strömen. Denn sollten die Taliban den Menschen erlauben, sich auf den Weg zu machen, dann ist mit einer noch stärkeren Geflüchtetenbewegung von Menschen zu rechnen, so Borell. Das sei eine Folge des dortigen Regierungsumsturzes und der humanitären Notlage.

Die Lebensmittelpreise in Afghanistan steigen massiv an: laut der UN haben 93% aller Haushalte in Afghanistan nicht genug zu essen, die Grundversorgung steht demnach kurz vor dem Zusammenbruch. Auch das Finanzsystem fällt in sich zusammen. Die Vereinten Nationen schätzen, dass im Krisenstaat rund 3,5 Millionen Menschen vertrieben wurden, davon 550.000 seit Jahresbeginn.

Gerücht um Tod von Taliban-Mitbegründer Baradar

Die Taliban äußerten sich nun erstmals auf Twitter zu den Gerüchten um den Tod ihres Mitbegründers Mullah Abdul Ghani Baradar. Dabei wies ein Sprecher die Gerüchte über tödliche Machtkämpfe in der Spitze der Taliban zurück. In einer Sprachnachricht habe der Ministerpräsident Baradar den Behauptungen widersprochen, er sei bei einer Schießerei mit Rivalen getötet worden, so Taliban-Sprecher Sulail Schahin. Zusätzlich veröffentlichten die Taliban ein Video, das Baradar bei einem Treffen in Kandahar zeigen soll. Ob das Video veraltet oder gefälscht ist, ist unklar.

Zuvor kam es in Kabul zu Spekulationen über den Tod Baradars und den des obersten Taliban-Führers Mullah Haibatullah Achundsada. Baradar soll in Konflikt mit dem Innenminister Siradschuddin Hakkani gekommen sein, bei Achundsada ist der Grund unbekannt. Fest steht jedoch, dass beide seit geraumer Zeit nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten sind.

Die Gerüchte werden befeuert durch den Umgang mit dem Tod des Taliban-Mitbegründer Mullah Omar. Omar war Staatsoberhaupt während der ersten Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001. Sein Tod wurde erst 2015 offiziell bestätigt, zwei Jahre nach seinem Tod. Der Tod hatte heftige gegenseitige Beschuldigungen in der Taliban-Spitze ausgelöst.


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